Irgendwie passen der Schulalltag und die Medienwirklichkeit junger Menschen derzeit nicht zusammen. Die Zahl der Kinder, die mit elektronischen Geräten ausgestattet sind, hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Außerdem werden die Besitzer von Smartphone und Tablet immer jünger. Der Zugang zur weltweiten Information scheint also unbegrenzt. Doch der Umgang damit muss erlernt werden. Deshalb steht seit Beginn des Schuljahres 2016/2017 das Fach Medienbildung auch in Grundschulen auf dem Lehrplan. Ziel ist demnach die Befähigung, Medien sinnvoll auszuwählen, das Medienangebot kritisch zu reflektieren, die Medien verantwortlich zu nutzen, sowie die eigene mediale Präsenz selbstbestimmt zu gestalten.

Soweit die Theorie. Doch die Praxis hinkt deutlich hinterher und hat sich auch mit Beginn des neuen Schuljahres kaum geändert. Schon vor gut einem Jahr hatte die Sprecherin der Singener Grundschulen und Leiterin der Bruderhofschule, Karin Leutert, die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit am Beispiel ihrer Schule verdeutlicht. Zwölf Computerarbeitsplätze stehen hier für knapp 300 Grundschüler zur Verfügung. Das wird sich trotz aller Beteuerungen vorerst auch nicht ändern. Und so müssen die Schüler und ihre Lehrer auch in diesem Jahr mit dem Mangel zurechtkommen. In der Bruderhofschule gibt es Lehrer, die auf eigene Kosten für Unterrichtszwecke ein Tablet angeschafft haben.

Ein wenig besser ergeht es da den Schülern der beiden Singener Gymnasien. Hier soll sich in naher Zukunft etwas ändern. Alle Klassen sollen mit sogenannten interaktiven Tafeln ausgestattet werden, wie sie in einzelnen Klassen schon existieren. Zum Beispiel im Anbau des Hegau-Gymnasiums. Gemeinderat und Stadtverwaltung hatten hier Prioritäten gesetzt, sodass die Schulen vollständig mit Internetverbindungen über W-Lan ausgestattet werden.

"Wir sind kaum weiter als vor zwei Jahren", räumt der Fachbereichsleiter für die Schulen, Bernd Walz, ein. "Dabei wollen wir in allen Schulen gleiche Bedingungen schaffen." Auch wenn jetzt beschlossen wurde, dass vom Land Baden-Württemberg 100 Millionen Euro und über den Finanzausgleich von den Kommunen 50 Millionen Euro in die Digitalisierung der Schulen fließen sollen, so seien noch keine Details zu den Förderrichtlinien bekannt. "Wir können also nur die Ausschreibungen vorbereiten", sagt Walz. "Sobald bekannt ist, was in welchem Umfang gefördert wird, können wir die entsprechenden Anträge stellen. Vorher können wir nichts anschaffen."

Bereits im Mai 2017 hatte die Verwaltung den beiden Singener Gymnasien die jeweilige multimediale Ausstattung der Klassen und Fachräume zugesagt. Die Kosten dafür liegen bei rund einer Million Euro. Dazu komme eine jährliche Haushaltsbelastung von rund 250 000 Euro für die geleaste Hardware, hatte Oberbürgermeister Bernd Häusler vorgerechnet. Die Stadt weiß also seit einem Jahr, was die Gymnasien benötigen. Die Umsetzung scheitert an der Freigabe der Mittel.

Für die Schulträger ist dieser Patt eine schwierige Situation. Sie fühlen sich in der Zwickmühle. Die Schulen sollen den im Lehrplan festgeschriebenen Medienunterricht erfüllen und verlangen nach der entsprechenden Ausstattung. Die Kommunen würden diese gerne anschaffen, können aber nicht, weil sie die hohen Zuschüsse nicht aufs Spiel setzen wollen. "Erst im September, Oktober erwarten wir Detailinformationen", sagt Bernd Walz. "Wir haben alle gehofft, dass wir jetzt schon weiter sind."

Unterdessen helfen sich die Schüler selbst. Sie sind digital meist besser ausgestattet als die Schulen. Allerdings besteht dabei die große Gefahr der Benachteiligung von Schülern, die keinen oder nur sehr beschränkten Zugang zu neuen Medien haben. Seit geraumer Zeit appelliert die Leiterin des Hegau-Gymnasiums, Kerstin Schuldt, an die Stadtverwaltung, sich nicht länger vertrösten zu lassen.

Steven Rottmair, stellvertretender Schulleiter des Hegau-Gymnasiums, in einem der sieben Klassenzimmer der Schule, die bereits mit einem Whiteboard ausgestattet sind. Rottmair hält das Gerät für ein wichtiges Unterrichtsmittel.
Steven Rottmair, stellvertretender Schulleiter des Hegau-Gymnasiums, in einem der sieben Klassenzimmer der Schule, die bereits mit einem Whiteboard ausgestattet sind. Rottmair hält das Gerät für ein wichtiges Unterrichtsmittel. | Bild: Tesche, Sabine

Informatikunterricht aber kein W-Lan: Die Realität an Singens Schulen

Das Digitale Klassenzimmer hat sich noch nicht wirklich etabliert. Das zeigt auch der Blick auf Zeppelin-Realschule und Waldeckschule. Aber was ist eigentlich mit den Milliarden passiert, die die Bundesregierung in die Schul-Digitalisierung stecken wollte?

  • Zeppelin-Realschule: Das Fach „Medienbildung, Informatik“ werde an Realschulen in dem heute startenden neuen Schuljahr ab Klasse sieben angeboten, erklärt Gerhard Schlosser, Direktor der Zeppelin-Realschule. „Der Umgang mit Computern und Softwares, programmieren und die richtige Nutzung von Medien steht genauso auf dem Lehrplan, wie die Themen Datenschutz und Gefahren, die im digitalen Raum lauern.“
    Die Themen klingen schon einmal recht spannend. Aber was ist mit der nötigen Ausstattung? „Es gibt drei PC-Räume, die gut in Stand sind“, erklärt der Schulleiter. „In jedem normalen Klassenzimmer gibt es außerdem einen PC, Beamer und Internet-Zugang. Vielleicht sind Tablets in Schulen eines Tages Standard. Interaktive Lernprogramme motivieren die Schüler sicherlich.“ Die Endgeräte haben momentan aber keine Priorität. „Wenn Geld keine Rolle spielen würde, hätte ich gern W-Lan in der Schule und Whiteboards anstelle von Tafeln. Es gibt immer mehr Lehrer, die frisch aus dem Studium kommen und die Möglichkeiten der Technik gerne im Unterricht nutzen würden.“
  • Waldeckschule: Ähnlich wie Gerhard Schlosser bewertet Schulleiterin Anja Claßen von der Waldeckschule die derzeitige Situation. „Digitalisierung an der Schule ist nicht nur Informatikunterricht, sondern Unterricht mit digitalen Medien und eine digitale Ausstattung der Schule“, weiß die Grundschulrektorin. Ihre Schule hat einen Computerraum, der von den Grundschülern zum Beispiel für den „Computerführerschein“ genutzt wird. Dabei werden ihnen die grundlegenden Kompetenzen im Umgang mit dem Computer vermittelt. Im Unterricht wird aber noch mit den alten Overhead Projektoren gearbeitet. „Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich mir W-Lan und Visualizer wünschen, mit denen gedrucktes direkt an die Wand gebeamt werden kann. Diese Grundausstattung wäre erst einmal wichtiger, als Endgeräte für die Schüler.“ Bei der aktuellen Ausstattung der Schule wird es wohl vorerst noch bleiben. „Vor den Sommerferien hat die Stadt unsere Wünsche in einer Sitzung thematisiert. Es wurde ein Medienentwicklungsplan entworfen, auf dem steht, was wir bräuchten. Wir sind aber natürlich nicht die einzige Schule in Singen und deswegen wird es wohl noch dauern, bis wir die nötigen Mittel bekommen können.“
  • Förderprogramm: Die Singener Schulen harren also weiter aus. Gleichzeitig stellt sich die Frage, was eigentlich mit den sogenannten Wanka-Milliarden passiert ist. Fünf Milliarden Euro hatte die ehemalige Bundesministerin für Bildung und Forschung, Johanna Wanka (CDU) für die Digitalisierung an Schulen zugesagt. Doch dann kam die Bundestagswahl, und das Geld wurde auf Eis gelegt. Frühestens 2019 soll das Bundesförderprogramm jetzt starten. Danach sollen ebenfalls fünf Milliarden Euro zur Verfügung gestellt werden, allerdings verteilt auf fünf Jahre. (kfu/gtr)