Ein breitkrempiger Hut und Jeans, die von einem dunkelbraunen Ledergürtel zusammengehalten werden. Keine Frage: Hier sitzt ein Cowboy. Nach vorne gelehnt, blickt der Mann durch seinen Feldstecher, während sein Kiefer mit malmenden Bewegungen ein Kaugummi bearbeitet.

Aber: Der Hühne, der hier ohne zu blinzeln in die Tiefe späht, befindet sich nicht etwa auf einem Felsrand in den Hochebenen Arizonas. Er hat auch keinen Najavostamm im Visier, sondern 100 Frauen und Männer in Abendgarderobe: die Solisten, Sänger und Musiker der Milano Festival Opera.

Der Kontrast zwischen dem Westernfan auf der Empore und den Menschen hinter den Notenständern, die dicht gedrängt auf der Bühne Platz genommen haben, könnte größer kaum sein. Dass beide in der Singener Stadthalle aufeinandertreffen, ist einem Mann zu verdanken, der 1928 in Rom zur Welt kam. In den 91 Jahren, die seitdem vergangen sind, hat er die Musik für mehr als 500 Filme komponiert: Ennio Morricone.

Von wo kommt das Kojoten-Gewimmer?

Die unsterblichen Melodien, die er für Klassiker wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder „Es war einmal in Amerika„ geschrieben hat, spielen die Musiker unter der unaufgeregten Leitung von Marco Seco an diesem Abend live. Und manches Mal würde man sich wünschen, ebenfalls ein Fernglas mitgebracht zu haben. Ist es die Piccoloflöte, die für das kojotenhafte Gewimmer des „Zwei glorreiche Halunken“-Motivs verantwortlich ist? Untermalt da eine Oboe die Friedhof-Szene, die gerade auf der Leinwand zu sehen ist?

Überhaupt sind es spannende Szenen, die sich hinter den Rücken der Musiker abspielen. Schüsse fallen, Fäuste fliegen, immer wieder spritzt Blut. In den Gesichtern von Clint Eastwood und Robert de Niro spiegeln sich Lust, Trauer und Rachsucht. Morricones Musik erhebt sich über diese Instinkte hinweg. Streicher und Sopran eröffnen dem Zuhörer die Weite. Mit melancholischen Klängen erinnert der Komponist an die enttäuschte Liebe, die dem Hass zugrunde liegt.

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Irgendwann legt auch der Cowboy auf der Singener Stadthallen-Empore seinen Feldstecher zur Seite – und lehnt sich verzückt zurück.