Mein Vater war noch nicht mal eingeschult. Trotzdem konnte er Autos am Geräusch erkennen. Heute noch wird auf Familienfeiern erzählt, wie Schottmüller Senior – damals natürlich noch Junior – als Fünfjähriger präzise prophezeite, ob das Brummen, das sich auf der Straße nähert, aus einem Mercedes-, Opel- oder VW-Motor kommt.

Ich bin ein Vierteljahrhundert älter als mein Vater damals und kann mit keinem vergleichbaren Talent glänzen. Im Gegenteil, bin ich froh, wenn ich bei meinem Auto die Motorhaube geöffnet bekomme. Was sich darunter verbirgt, ist für mich eine vollkommen unbegreifliche Welt. Umso nervenaufreibender, wenn mein Vater mich dazu drängt, mich und mein Auto einmal im Jahr zur Inspektion zu schleppen. In der Werkstatt angekommen, versuche ich mein Unwissen normalerweise mit einem umso kräftigeren Händedruck auszugleichen. Gewichtig nicken und stets Augenkontakt halten, während man dem Gesprächspartner Fahrzeugpapiere und Autoschlüssel aushändigt. Mit dieser Strategie bin ich bisher gut gefahren.

Diese Woche allerdings, bei meiner ersten Inspektion in Singen, besteht mein Gegenüber darauf, das Fahrzeug in meinem Beisein unter die Lupe zu nehmen, bevor er sich an die eigentliche Arbeit macht. "Gerne", flunkere ich – und stakse unruhig hintendrein, während der Kfz-Experte auf meinen Kleinwagen zusteuert. Oh weh. Jede Sekunde rechne ich damit, dass er mich mit einer mir unbeantwortbaren Frage nach Hubraum, Zylinder oder Zündkerzen als hoffnungslosen Scharlatan entlarvt. Stattdessen will mein Gegenüber wissen, ob ich Probleme mit dem Fahrzeug gehabt hätte. Dankbar verneine ich. Dann wird es spannend: Der Fachmann öffnet die Motorhaube.

Bisse, die verbinden

Nach einem Blick ins Innere murmelt er nur ein Wort: "Marder". In dem Versuch, etwas Tiefschürfendes beizutragen, schüttle ich mehrere Sekunden lang den Kopf und berichte pathetisch, dass mein Auto noch keine Nacht in einem geschlossenen Gebäude verbracht hätte. Mein Nebenmann kennt das. Er hat einen Carport und erzählt, dass ihm die Viecher gerade erst die Spitze der Autoantenne abgeknabbert hätten. Wir kommen ins Gespräch.

Als er dann auch noch bemerkt, dass die Buchstabenkombination meines Nummernschilds einen Vornamen ergibt, wärmt er auf. Fünf Minuten später unterhalten wir uns angeregt über ein Auto-Thema, mit dem ich mich sogar tatsächlich auskenne: Staus. Der Reihe nach gehen wir alle Staumöglichkeiten zwischen Karlsruhe und Singen durch. Als ich ihm anschließend feierlich die Schlüssel überreiche, komme ich mir vor, als hätte ich eine Prüfung bestanden. Und spätestens, als ich mit dem Tages-Leihwagen davon brause, ertappe ich mich bei dem Gedanken: So schwer kann es Anfang der Sechziger gar nicht gewesen sein, Autos am Geräusch zu erkennen. Waren da nicht eh nur Käfer unterwegs?