Das Handy klingelt, nach kurzem Gespräch legt Violetta Brylak-Raut auf. „Ich werde später zurückrufen“, erklärt sie, dass es ein Anruf von Pro Familia war und es sein könne, dass es um eine neue Klientin geht. Violetta Brylak-Raut ist Hebamme und neben ihrer Anstellung im Singener Klinikum als Familien-Hebamme für Pro Familia Singen tätig. In dieser Funktion betreut sie Schwangere, Mütter und ihre Kinder in schwierigen Situationen bis zum vollendeten ersten Lebensjahr des Kindes.

„Familien-Hebammen sind die Brücke zwischen bedürftigen Familien und dem Jugendamt. Wir leisten häusliche Unterstützung, wenn es gesundheitliche oder soziale Probleme gibt“, nennt sie als Beispiele chronisch kranke Eltern, minderjährige Schwangere und Mütter, Wohnungssuche oder Schriftverkehr mit Ämtern. Dazu werde auf die Entwicklung des Kindes geachtet. Hausbesuche sind nichts Neues für Violetta Brylak-Raut. Seit 1993 arbeitet sie als Hebamme bis zu 80 Prozent im Klinikum, begann fünf Jahre später nebenbei als freiberufliche Nachsorge-Hebamme und begleitete Mütter nach der Geburt zu Hause.

Nach 21 Jahren ist sie Freiberuflerin

Als vor drei Jahren dann das Qualitätsmanagement für Freiberufler eingeführt wurde, absolvierte sie Schulungen und Weiterbildungen, was neben dem Kostenaufwand auch zusätzliche Büroarbeit mit sich brachte. „Wir sind Praktiker und machen natürlich auch eine Dokumentation über jede Geburt“, bekräftigt Violetta Brylak-Raut. Aber heute müssten freiberufliche Hebammen über jedes Teil genau Buch führen. Sei es ein Gerät wie Waage oder Stethoskop, für die der Nachweis gebracht werden muss, woher sie stammen, oder Salben und homöopathische Produkte, deren Haltbarkeit, und wo sie bewahrt werden, genau aufgeführt werden muss. Nach 21 Jahren als Nachsorge-Hebamme meldete sie sich für das Jahr 2020 als Freiberuflerin ab: „Ich bin kein Buchhalter.“ Zudem hätte sie dann mehr Zeit für andere Beschäftigungen.

Und die haben immer mit Menschen zu tun. „Eine soziale Ader hatte ich schon immer“, sagt die 51-Jährige. Das war mit ein Grund, weshalb sie vor knapp 20 Jahren als gelernte Hebamme von Polen nach Deutschland kam. „Zu der Zeit war Polen schon auf dem Weg der Verbesserung, aber es gab wenig Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln.“ Schon damals sei sie zielstrebig und einsatzbereit gewesen.

Gründung einer „Sonnenkindergruppe“

Auch als Mutter von zwei Söhnen war Violetta Brylak-Raut für neue Aufgaben immer offen. Schon 2014 hatte sie eine Weiterbildung zur Familien-Hebamme begonnen, die sie mit Zertifikat abschloss. Das bedeute, neben dem Dienst in der Klinik ein knappes Jahr lang vier Tage im Monat nach Stuttgart zur Weiterbildung zu fahren. In dem Jahr kam auch die Anfrage von Pro Familia. Damit nicht genug: Fast nebenbei kommt sie im Gespräch auf die „besonderen Kinder“, die ihr noch heute sehr am Herzen liegen. „Während der Weiterbildung habe ich gedacht, ich muss noch irgendetwas machen, ein Projekt, etwas Neues, etwas anderes“, erzählt Violetta Brylak-Raut. Sie hatte zwei Mütter mit Trisomie-Kindern betreut, was den Ausschlag für die Gründung der „Sonnenkindergruppe“ über die Lebenshilfe Singen-Hegau gab. Mit ein paar Kindern angefangen, kommen heute 16 Kinder einmal im Monat in die Gruppe.

Mit den Sonnenkindern hat sie auch schon mal für die Tafel gekocht und sucht auch Spender für Aktivitäten wie ein Fotoshooting mit einem Profi. Dabei will sie es aber nicht belassen: „Mein Plan ist, die Bilder auch in einer Ausstellung zu zeigen.“ Die Gruppe leitet sie ehrenamtlich an freien Samstagen, denn ihr Zeitplan hat kaum Lücken. Das neue Jahr begann für sie mit Frühdienst in der Entbindungsstation, am 2. Januar war sie als Familien-Hebamme unterwegs, dann folgten drei Nachtdienste in der Klinik, und in einer Arztpraxis war sie als Vorsorge-Hebamme im Einsatz. Das macht sie einmal in der Woche zwischen Besuchen für Pro Familia, wofür sie freie Tage nutzt, und Spätdiensten in der Klinik. Drei Jahre war sie in den Nächten auch im Schlaflabor in Singen tätig.

Große Unterstützung von allen Seiten

Ihr Mann arbeitet im Schichtdienst und es könne sein, dass sie sich zwei Tage nicht sehen. Aber sie käme nach Hause, habe etwas getan und fühle sich erfüllt. Jeder Tag sei anders und stelle neue Aufgaben. Die nimmt sie gerne an, denn darum gehe es ihr im Leben. In fünf Jahren Familiendienst hätte sie schon Drillinge erlebt und Eltern unter 18 Jahre, aber auch häusliche Gewalt. „Ich fühle mich immer zuständig, aber ich bin gerne im Einsatz“, frage sie selbst im Urlaub schon mal nach, wie es in den Familien läuft. Von allen Seiten erfahre sie große Unterstützung, sagt Violetta Brylak-Raut.

Unser bestes Angebot ist wieder da: die Digitale Zeitung + das neuste iPad für 0 €