Diese Woche, Donnerstag. Ort des Geschehens: die Erzbergerstraße in der Singener Innenstadt. Es ist ziemlich genau 12 Uhr mittags und heiß. Das Auto fährt in Richtung Bahnhofsstraße und der Fahrer hält sich nicht an die vorgeschriebene Geschwindigkeit von 20 km/h. Viel schneller ist er nicht, keine 30 zeigt der Tacho an – trotzdem steht die Nadel deutlich über der 20. Ein Fußgänger passiert just in diesem Moment die Straße, bemerkt den Regelverstoß und macht kurzen Prozess. Er bleibt mitten auf der Fahrbahn stehen und zwingt so den Fahrer zum Abbremsen. Als das Auto steht, baut er sich davor auf, hebt die rechte Hand und deutet mit Zeige- und Mittelfinger unmissverständlich auf die vorschriebene Geschwindigkeit hin. Er macht einen sichtlich erregten Eindruck und die Mundpartie sieht ganz danach aus, als würde da ein Wort gebildet, das in der ersten Silbe über ein A und in der zweiten über ein O verfügt.

Zwischen basta...

Solche Typen kennt man – aber dennoch liegt der Mann inhaltlich richtig. Wo 20 draufsteht, hat sich der Autofahrer gefälligst daran zu halten. Das gilt beispielsweise auch für die Rielasinger Straße, wo ab 22 Uhr nur noch 30 km/h gefahren werden darf und wo sich die Autofahrer dennoch nur mühsam an das Tempolimit zum Zweck des Lärmschutzes gewöhnen. Logisch, dass man als Autofahrer stets so seine Entschuldigungen parat hat. Zum Beispiel, dass es äußerst schwierig ist, die 20 oder 30 exakt mit dem Gaspedal auszutarieren und man also schnell mal bei 30 oder 40 landet. Aber das sind nichts als Ausflüchte: Tatsächlich gibt es eben einfach den Interessenskonflikt zwischen Fußgängern beziehungsweise Anwohnern auf der einen Seite und den Autofahrern auf der anderen. Und damit man sich dabei nicht allzu sehr in die Quere kommt, braucht's Regeln. Sie sind einzuhalten – basta!

...und Freundlichkeit

Zurück zur Erzbergerstraße, keine 30 Sekunden später und an der Hitze hat sich überhaupt nichts geändert. Der Autofahrer befindet sich inzwischen auf Höhe des am südlichen Ende der Straße befindlichen Parkhauses und will links über die Gegenfahrbahn in die Einfahrt einbiegen. Er wartet, denn erst muss er einige Autofahrer auf der Gegenfahrbahn passieren lassen. Hinter ihm üben sich dadurch drei, vier weitere Autofahrer in Geduld und als schließlich die Straße frei ist, naht just in diesem Moment ein bevorrechtigter Fußgänger auf dem Gehweg. Doch der erfasst mit einem Blick die Situation samt drohender Staubildung und signalisiert dem Autofahrer mit einer Geste, dass er auf sein Recht als Fußgänger verzichtet und also der Autofahrer in die Parkhaus-Einfahrt einbiegen kann. Der Mann hinterm Steuer erwidert das Entgegenkommen des Fußgängers mit einem Lächeln und Kopfnicken, hebt noch kurz die Hand zum Dankesgruß und erntet seinerseits ein Lächeln.

Kleines A & O fürs Miteinander

Tja, solche Zeitgenossen gibt's eben auch: Menschen, die auf ihr Recht verzichten, weil sie sich an der Lebenswirklichkeit orientieren. Dass solch ein freundliches Naturell seinerseits nerven kann, zeigen die Beispiele von meist älteren Herrschaften, die gerne am Zebrastreifen den bereits stehenden Autofahrer per Handzeichen zum Weiterfahren auffordern (kennt auch jeder). In Singen muss man sich angesichts der vielen Baustellen wohl auf die Suche nach dem A und O des Mittelwegs machen. Das Einhalten von Regeln ist da ebenso ratsam wie die Fähigkeit, Fünfe gerade sein zu lassen. Denn irgendwie muss man miteinander aus- und aneinander vorbeikommen.

torsten.lucht@suedkurier.de