Die Aschenbecher sind gefüllt, die Scheiben abgedunkelt. Im Dämmerlicht der Wett-Terminals unterhalten sich zwielichtige Gestalten im Flüsterton. Wer sich ein Sportwettbüro so vorstellt, könnte bei Jacky Singen eine Überraschung erleben. „Wir legen Wert auf unsere Gastronomie„, wirbt der Geschäftsführer des Sportwettbüros, Dirk Jaser. Geraucht werde bei Jacky nicht.

„Alles ist offen einsehbar, wir haben nichts zu verbergen“, führt er weiter aus. „Im Gegenteil: Wir haben einen Außenbereich und tollen Kaffee und Kuchen.“ Der Geschäftsführer möchte sich familienfreundlich präsentieren, die Hemmschwelle abbauen, die potenzielle Kunden vom Betreten seines Wettbüros abhalten könnte.

Von Singen nach Konstanz expandiert

Das scheint zu funktionieren. Immer mehr Kunden würden bei Jacky auf die Ergebnisse von Sportarten wie Fußball, Tennis, Radsport und Golf setzen, sagt Jaser. Gerade am Wochenende, wenn man die Ergebnisse der großen europäischen Fußballligen tippen kann, sei viel los. „Und bei Großevents wie Champions-League, WM- oder EM-Spielen haben wir richtig volle Hütte“, freut er sich. Mittlerweile hat man sogar expandiert und ein weiteres Sportwettbüro in Konstanz eröffnet.

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Nicht nur für Jacky gilt: Das Geschäft mit Sportwetten läuft glänzend, egal ob stationär oder online. Wettanbieter sind Partner großer Vereine. In den Halbzeitpausen der Bundesligaübertragungen läuft ständig Werbung für Sportwetten. Die Bruttospielerträge privater Sport- und Pferdewetten in Deutschland, also Spieleinsätze abzüglich der Gewinnauszahlungen, wurden für 2017 auf mehr als eine Milliarde Euro geschätzt. Im Vergleich zum Vorjahr wuchsen sie um 183 Millionen Euro. Und das, obwohl die Rechtslage – gelinde gesagt – kompliziert ist.

Mit Lizenzen aus Malta

Sportwettanbieter wie TipWin oder Tipico vermitteln mit Lizenzen aus Malta in Deutschland Sportwetten und werben für ihr Angebot. Aktuell wird das geduldet, während die Bundesländer an einer Neufassung des Glücksspielstaatsvertrages arbeiten. Alexander Ellinghaus ist beim Regierungspräsidium Karlsruhe für das Glücksspielwesen in Baden-Württemberg zuständig. Er spricht von einer „noch lückenhaften Aufsicht“ auf die Anbieter von Sportwetten.

Der Glücksspielstaatsvertrag von 2012 sah vor, 20 deutsche Sportwettkonzessionen zu vergeben. Konkurrentenklagen ließen das Verfahren scheitern. „Das führt zu der merkwürdigen Situation, dass es jede Menge Wettbüros gibt, diese aber gar keine deutsche Erlaubnis haben können“, so Ellinghaus. Ohne deutsche Konzessionen könne nur schwer auf die Verpflichtungen im Glücksspielstaatsvertrag gepocht werden.

Mittlerweile gibt es den dritten Glücksspieländerungsstaatsvertrag. Auf der Ministerpräsidentenkonferenz im März wurde beschlossen, mit Beginn 2020 eine unbegrenzte Zahl an Konzessionen zu vergeben. Damit sollen Sportwetten aus der Grauzone geholt und der Markt besser kontrollierbar werden. Bis zum neuen Vertrag, der im Juli 2021 kommen soll.

1100 Tipico-Wettshops – drei davon in Singen

Ellinghaus betont: „Die großen Anbieter hätten lieber eine Erlaubnis. Sie tun in der Regel viel, um die Regeln einzuhalten, haben Sozialkonzepte et cetera.“ Mit über 1100 Wettshops in Deutschland – zwei davon im Singener, drei im Konstanzer Stadtgebiet – ist Tipico in den Innenstädten präsent. Auf SÜDKURIER-Anfrage listet ein Tipico-Sprecher einen ganzen Katalog von Maßnahmen zum Spielerschutz auf. Mitarbeiter und Franchise-Nehmer würden etwa regelmäßig geschult, um problematisches Spielverhalten früh zu erkennen und zu melden.

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Dieter Puhl hat sein Büro bei der Suchtberatung Konstanz im Klinikum West. Seit 35 Jahren arbeitet er mit Suchtkranken. „Sportwetten sind in puncto Verfügbarkeit und Gefährdungspotenzial gleichrangig mit anderen Glücksspielen“, sagt Puhl. Die Schwelle, ein Sportwettbüro zu betreten, liege aber niedriger als bei Spielhallen. Meist brächten Freunde einen dazu, auch mal zu wetten. „Auf manche hat das Wetten dann einen Effekt.“ Dieser Effekt werde zu einer inneren Motivationsfeder, immer wieder zu spielen.

Hohes Suchtpotenzial bei Live-Wetten

„Die Ereignisfrequenz ist entscheidend für das Suchtpotenzial eines Glücksspiels. Live-Wetten haben ein sehr hohes Suchtpotenzial“, findet auch Professor Gerhard Meyer, der am Institut für Psychologie und Kognitionsforschung an der Universität Bremen zu Sportwetten forscht. Das Gefühl, dass Sportkenntnis und nicht Glück entscheidend für den Spielausgang sei, fördere die Selbstüberschätzung. Gerade Live-Wetten überlagerten Verlustgefühle mit der Hoffnung auf einen neuen Gewinn.

In Zukunft brauche es deshalb einen „möglichst wasserdichten Spielerschutz“ bei Sportwetten. Etwa mit einer bundesweiten personengebundenen Spielerkarte für alle Glücksspielarten mit Verlustlimit und Sperrfunktion. „Online erspielen weniger als 20 Prozent der Kunden 80 Prozent der Erträge.“ Das seien gerade die problematischen Spieler, sagt Meyer. Er spricht von einem Interessenkonflikt bei den Spielerschutzmaßnahmen der Wettvermittler. „Ob die Anbieter ihrer Verantwortung gerecht werden, ist fraglich.“

„Weil es Spaß macht!“

Dirk Jaser sieht das anders. Bei Jacky gebe es bereits Spielerkarten. So könne man garantieren, dass ein Einzelner maximal 1000 Euro im Monat verspielt. „Wir wollen ja nicht, dass jemand Haus und Hof verspielt.“

Und auf die Frage, warum Sportwetten populärer werden, hat Jaser eine einfache Antwort: „Weil es Spaß macht! Miteinander im Wettbewerb stehen: Das wird uns doch mit in die Wiege gelegt. Wenn man sich ein Spiel zusammen anschaut, wird dann ein echtes Gruppenevent daraus.“

Wettbüros und Annahmestellen in Singen

  • Anzahl: Sieben Wettbüros verschiedener Wettvermittler gibt es laut Gewerberegister aktuell im Singener Stadtgebiet. Hinzu kommen Wettannahmestellen, in denen werktags Wetten vermittelt, aber keine Sportübertragungen gezeigt werden dürfen.
  • Zulässigkeit: Ob ein Wettbüro zulässig ist, wird durch die Baunutzungsverordnung und den jeweiligen Bebauungsplan geregelt. Wettbüros gelten in der Singener Baunutzungsverordnung als Vergnügungsstätten, die einer entsprechenden Konzeption unterworfen sind. Diese findet sich auf der städtischen Homepage unter Stadtplanung-Konzepte. Auf einer Karte kann man hier erkennen, wo es Bereiche in Singen gibt, in denen Wettbüros zugelassen werden können. Dazu gehören kleinere Teile in der Innenstadt, ansonsten ein größerer Bereich um den Obi-Baumarkt herum. Im sonstigen Gemeindegebiet sind Wettbüros unzulässig.
  • Erfahrungen: Wie Stadt-Pressesprecher Achim Eickhoff mitteilt, habe sich die Vergnügungsstättenkonzeption als Steuerungsinstrument bewährt. „Wir konnten große Teile der Gewerbegebiete, aber auch Bereiche in der Innenstadt von entsprechenden Nutzungen freihalten und diese dann für Gewerbe oder Einzelhandel zur Verfügung stellen“, sagt Eickhoff. „Nichtsdestotrotz haben Wettbüros die Möglichkeit, innerhalb der ausgewiesenen Zonen ihre Nutzung auszuüben.“
  • Schutz für Spieler: Für Wettvermittlungsstellen gilt das Trennungsgebot: Sie dürfen nicht in demselben Gebäude wie Spielbanken, Spielhallen oder in einer Gaststätte mit alkoholischen Getränken und Spielautomaten untergebracht sein.