"Ich repräsentiere große Teile dieser Partei. Ich sehe mich nicht isoliert." Das betonte der Landtagsneuling bei einer Veranstaltung seines Bürgerbüros in Singen. Die Presse wäre bei dieser öffentlichen Veranstaltung nach einer bizarren Abstimmung der Zuhörer um ein Haar hinausgeworfen worden.

Der 69-jährige pensionierte Mediziner betonte zur gerade noch abgewendeten Kampfabstimmung über seinen Fraktionsausschluss, "ich hätte gewonnen, ich wäre nicht ausgeschlossen worden". Dazu habe er eine viel zu starke Unterstützung in der Fraktion gespürt. Um jedoch "nicht weiter zu spalten" und "Luft rauszunehmen", habe er sich zu seinem Schritt entschlossen. Gleichwohl brachte Gedeon indirekt zur Sprache, dass es auch zur Abspaltung in der Stuttgarter Landtagsfraktion der AfD kommen könnte. Eine "neue Fraktion" sei denkbar, aber von ihm nicht gewünscht.

Gedeon sieht sich "instrumentalisiert durch Querelen im Bundesvorstand". Da gebe es "ein Hauen und Stechen" und "Sitten, die wir nicht durchgehen lassen sollten", findet er. "Lauter komische Sachen" würden auf Bundesebene passieren. "Mein Problem ist da nur ein Nebenproblem", meinte er in einer längeren Ansprache. Der Fraktionsvorsitzende Jörg Meuthen habe "viele Fehler gemacht" und den Konflikt zugespitzt.

In der Pizzeria "Goldene Kugel" hatte das Treffen stattgefunden. Es war das erste nach dem Medienrummel in den vergangenen Tagen. Von diesem berichtete Gedeon den rund zwei Dutzend Sympathisanten und Anhängern im Nebenzimmer des Lokals. Auch ein Singener Stadtrat hatte sich an den Tisch gesetzt, aber wohl mehr um zu erkunden, was es mit dem Abgeordneten auf sich hat.

Im Landtag will Gedeon nach seinen Worten bis zur Parlamentspause im Sommer ohne Fraktionsfunktion weitermachen. "Das sind ohnehin nur drei, vier Sitzungen." Erst bis nach den Sommerferien soll eine Kommission geklärt haben, wie Gedeons Äußerungen einzustufen sind und wie es dann bei ihm politisch in Partei und Fraktion weitergeht. Von seinem Rederecht im Landtag werde er "nur minimal Gebrauch machen".

Die Versammlung in einem Nebenzimmer einer Singener Pizzeria hatte rund zwei Dutzend Interessierte angezogen. Eingeladen war dazu ausdrücklich jedermann. Die Presse war über den Termin nicht eigens informiert worden. Nach Gedeons persönlichen Ausführungen entbrannte dann rasch eine hitzige Debatte unter den AfD-Sympathisanten und Mitgliedern, ob die Presse, der SÜDKURIER, von der Versammlung ausgeschlossen werden sollte. Einige Besucher forderten das lautstark und emotionalisiert, forderten "endlich eine Aussprache unter uns" und ohne Presse. Andere versuchten zu beschwichtigen und erklärten, die Zusammenkunft sei keine AfD-Mitgliederversammlung, sondern ein öffentlicher Termin von Gedeons Wahlkreisbüro. Die Debatte wogte längere Zeit hin und her, ein Zuhörer verließ wutentbrannt das Lokal und pfefferte die Türe hinter sich zu. Eine Mehrheit entschied dann, dass der Reporter bleiben durfte. Gedeon war diese Auseinandersetzung sichtlich unangenehm. Er betonte mehrfach, dass die Sitzung nicht parteiintern sei.

Aus dem Kreisverband der Partei erklärte ein Mitglied des Vorstandes, dass es "Mails in alle Richtungen gegeben" habe. Seine Frage, welche Auswirkungen Gedeons Stuttgarter Entscheidung für den Kreisverband habe, hatte Brisanz, blieb am Ende aber unbeantwortet. Offenbar sind längst nicht alle Parteimitglieder am See und im Hegau mit den Äußerungen ihres Kreisvorsitzenden zum Holocaust zufrieden.

Nicht anwesend in der Pizzeria war der bisherige starke Gedeon-Unterstützer Friedhelm Möhrle, der einstige Singener OB. Dieser hatte für die AfD und den Rielasinger Kandidat engagiert Wahlkampf gemacht und AfD-Veranstaltungen mit diesem moderiert. Möhrle hatte aber zuletzt gegenüber dem SÜDKURIER den Rückzug von Gedeon gefordert.

Nach 90 Minuten im stickig-schwülen Nebenzimmer der Pizzeria war den Besuchern des Treffens klar: Gedeon hat keine Angst vor Konflikten. "Politik ist immer Kampf", meinte er. "Da prallen Meinungen aufeinander." Der Landtagsneuling zitierte dann noch den griechischen Philosophen Heraklit, wonach "der Krieg Vater aller Dinge" sei. Doch die nächsten Wochen werde er sich weniger kämpferisch engagieren, kündigte Gedeon an, sondern vielmehr für den Wahlkreis. "Da habe ich nun sogar mehr Zeit dafür, weil die Fraktionsarbeit ruht", sagte er.

Was Gedeon nun vorhat

Der AfD-Landtagsabgeordnete, der über ein Zweitmandat in den Landtag kam, erklärte seine neuen Themen, die er im Wahlkreis beleuchten will: Die Gäubahn, auf der er nun auch persönlich nach Stuttgart pendelt und die "Rettung der Milchbauern". Und, so kündigte er beim Treffen in der Pizzeria an, er wolle ein bis zwei Bürgermeister seines Wahlkreises pro Woche besuchen. Zuerst jene Stadt- und Gemeindeoberhäupter, die sich im Hegau noch nicht öffentlich von ihm distanziert haben. Sehr viele sind das nicht, hatte eine Umfrage dieser Zeitung jüngst ergeben. Die meisten Stadtoberhäupter haben angekündigt, auf einen Austausch mit Gedeon verzichten zu wollen.