Ein kurioses Strafverfahren gegen einen 67-jährigen Mann aus Singen ist jetzt vor dem Landgericht Konstanz gegen eine Geldauflage eingestellt worden. Vor einem Jahr soll der Rentner in seinem Mehrfamilienhaus in Singen im Streit mit einer Axt in der Hand auf den Sohn und die Schwiegertochter einer Mieterin losgegangen sein.

Verletzt wurde dabei aber nur er. Mit einem gebrochenen Handgelenk und einer tiefen Risswunde auf der rechten Brustseite endete der Eklat für ihn im Hegau-Klinikum. Nach einer Strafanzeige wurde er im August vorigen Jahres wegen gefährlicher Körperverletzung und Beleidigung angeklagt. Das Amtsgericht Singen verwies das Verfahren dann aber an das Landgericht, weil man ein versuchtes Tötungsdelikt vermutete.

Dort berichtete die 33-jährige Schwiegertochter der Mieterin jetzt, der Angeklagte habe sich damals, wie so oft, über den Lärm beschwert, als sie an jenem frühen Nachmittag mit ihrer Schwägerin die Treppe geputzt habe. Er habe sie als „Zigeuner“ und „Dreckspack“ beschimpft. Ihr Mann habe ihn dann mit beschwichtigenden Worten sanft wieder in die Wohnung zurück geschoben. Daraufhin sei er wieder herausgekommen und habe mit einer großen Axt in der Hand zum Schlag ausgeholt. Wenn ihr Mann dem Rasenden die Axt nicht entwunden hätte, wäre sie direkt getroffen worden.

Im weiteren Verlauf der Befragung verstrickte sich die Zeugin dann aber in mehrere Widersprüche. Ihre Schwiegermutter untermauerte deren Behauptung, obwohl sie laut ihrer Schwiegertochter gar nicht Augenzeugin des Axtangriffs gewesen war, sondern sich in ihrer Wohnung aufgehalten hatte. „Da stimmt etwas ganz und gar nicht“, rief Oberstaatsanwältin Claudia Fritschi. Sie regte eine Verhandlungspause an, in der es zu internen Besprechungen kam.

Zu Beginn des Prozesses hatte der Angeklagte, der damals mit zwei Promille Alkohol berauscht war, den Einsatz einer Axt abgestritten: „Die lügen doch alle!“ Er behauptete, der Sohn seiner Mieterin habe ihn damals in seine Wohnung zurück geschubst, sodass er gestürzt sei. Dann habe der Mann ihm mehrmals mit dem beschuhten Fuß gegen die Brust getreten. Auch das konnte so nicht stimmen, denn die Risswunde auf seiner Brust, die genäht werden musste, stammte laut medizinischen Gutachten in keinem Fall von einem Tritt. Man vermutete, dass der betrunkene 67-Jährige damals gegen die Kante einer hinter seiner Wohnungstür befindlichen Kommode gefallen war.

Nach der Pause erklärte das Gericht, dass aufgrund der widersprüchlichen Zeugenaussagen eine Verurteilung wegen versuchten Totschlags höchst unwahrscheinlich sei. Auch eine Unterbringung in der Psychiatrie sei aufgrund des vorgelegten psychiatrischen Gutachtens auszuschließen. Unter Berücksichtigung der erheblichen Eigenverletzung des Angeklagten und der wieder beruhigten Situation im Mietobjekt wurde das Strafverfahren gegen den Angeklagten vorläufig eingestellt. Der hatte sich zuvor bereit erklärt, eine Geldbuße in Höhe von 1000 Euro an die Nachsorgeklinik Tannheim zu entrichten.