Ich trage keine Vokuhila und habe keine weiße E-Gitarre zuhause rumstehen. Auch mit Kirschen-Ladies und Brüdern namens Louie habe ich im Normalfall wenig zu schaffen. Und trotzdem ist mir Dieter Bohlen näher als ich es gerne hätte. Seit letzter Woche habe ich sogar das Gefühl, er ist Teil von mir. Irgendwo in den Tiefen meines Unterbewusstseins muss er geschlummert haben. Aber jetzt ist er erwacht.

Das ist schlimm, denn der Bohlen in mir hat mit dem harmlosen Playback-Bohlen aus Modern-Talking-Zeiten nichts zu tun. Nein, meiner ist der Juroren-Bohlen. Der, der junge Menschen einlädt, um sie nach viel zu kurzer Zeit zähnbleckend in eine Schublade und im schlimmsten Fall direkt in den Zug nach Hause zu stecken. Ziemlich genau das ist letzte Woche passiert, nachdem sich eine meiner Mitbewohnerinnen entschieden hatte, unsere WG zu verlassen – und wir gezwungen waren, einen Nachfolger zu finden. Wie macht man das? Man veranstaltet ein Casting. Daniel sucht den Supermitbewohner.

Genau wie die Popstar-Suche ist ein solches WG-Casting – zumindest für jemanden, der in Bodensee-Nähe wohnt – von einem Überangebot an Kandidaten geprägt – und alle sind hoffnungsfroh und sympathisch. Damit die Dreier- da nicht zur Zehner-WG mutiert, ist man zum Aussieben gezwungen. Und ohne es zu merken, wachse ich mit jedem Bewerber-Besuch mehr und mehr in die Rolle des Traumzerstörers hinein. Auf die Frage meiner Mitbewohnerin, ob ich den letzten Interessenten nett fand, höre ich mich Sätze sagen, wie: "Schon, aber ist dir nicht aufgefallen, dass er uns fast gar nichts gefragt hat?". Oder: "In dem Moment, als sie von ihrem Malaysia-Urlaub erzählt hat, kam sie mir arrogant vor." Die Frage eines Bewerbers nach meiner Arbeit? Geschleime. Beim sechsten Besuch bin ich soweit, dass ich bereits das kleine Wörtchen "hä" als Absagegrund anführe.

Zum Glück hat diese schlechte Show ein Ende und die WG schließlich doch noch eine neue Mitbewohnerin gefunden. Morgen zieht sie ein. Es wird Zeit, den Bohlen rauszuschmeißen...