Herr Jetter, mit zwei erfolgreichen Aufführungen des Werks Moses von Max Bruch gaben Sie 2016 ihr Debüt als Dirigent des Bodensee Madrigalchors. Beim neuen Chorprojekt haben Sie erneut ein eher unbekanntes Stück ausgewählt: Am 8. März wird in der Liebfrauenkirche in Singen das Oratorium Quo Vadis von Felix Nowowiejski aufgeführt. Weshalb gerade diese Komposition?

Quo Vadis ist ein sehr anspruchsvolles Werk. Dem Komponist ist damit ein ganz großer Wurf gelungen. Rund 30 Jahre lang feierte er mit Quo Vadis große Erfolge. Es wurde weltweit über 200 Mal aufgeführt. Doch dann wurde das Stück lange Zeit nicht mehr gespielt. Felix Nowowiejski hat auch andere gute Werke komponiert, doch Quo Vadis ist unerreicht. Man erkennt darin auch die Handschrift von Max Bruch, in dessen Meisterklasse er war. Das Werk besteht aus vier Szenen mit unglaublich schönen, eingängigen Melodien. Außerdem wird eine sehr fesselnde Geschichte erzählt. Das Publikum wird von Anfang an – ohne lange Vorgeschichte – in diesen Sog mit hineingenommen.

Warum geriet ein so außergewöhnliches Werk überhaupt in Vergessenheit?

Viele denken, dass Felix Nowowiejski gebürtiger Pole war. Er wurde aber als Deutscher im Landkreis Allenstein in Ostpreußen geboren. Von dort stammt im Übrigen auch mein Ur-Ur-Großvater – beide stehen im gleichen Adressbuch. Nowowiejski hat während seiner Zeit in Berlin einen polnischen Sprachkurs absolviert. Nachdem er sich dann ganz plötzlich dem Polentum zugewandt und mit seiner deutschen Vergangenheit gebrochen hatte, sprach Max Bruch von Vaterlandsverrat und rief zum Boykott von Nowowiejskis Werken auf. Dadurch gerieten diese in Vergessenheit – auch Quo Vadis.

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Wie gestaltet sich die Probenarbeit für ein solches Werk?

Wir proben seit Mai 2016. Der Weg war streckenweise mühsam. Es war zwar eine lange Probenzeit, aber der Chor hat diese Zeit gebraucht. Das anderthalbstündige Werk ist sehr schwer und für den Chor ein unglaublicher Kraftakt. Gleich zu Beginn der Aufführung wie auch in der gesamten ersten Hälfte wird viel Energie benötigt. Daher müssen die Sängerinnen und Sänger ihre Kräfte gut einteilen, da diese schließlich auch noch für die zweite Hälfte benötigt werden.

Sind auch diesmal – wie es bei der Moses-Aufführung der Fall war – wieder Projektsänger dabei?

Ja, es machen teils versierte Sänger aus der Region mit. Des Weiteren sind auch Mitglieder von Chören aus Fulda und Bad Homburg dabei, die das Werk vor ein paar Jahren aufgeführt haben und es nochmals singen wollen. Es hatte sich offenbar herumgesprochen, dass Quo Vadis in Singen aufgeführt wird. Die Sänger von außerhalb freuen sich sehr darüber und kommen extra deswegen hierher. Da das Werk unter anderem auch von der Größe des Chors lebt, wirkt es dementsprechend auch ganz anders, je mehr Sänger dabei sind.

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Wie es scheint, setzen Sie bei Orchester und Solisten auf Bewährtes?

Ja, es gibt insgesamt nur zwei bis drei Gesamtproben und dann muss es passen. Deshalb arbeite ich gerne mit Profis wie der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz zusammen. Das Gleiche gilt für die Solisten: Wie auch schon bei der Moses-Aufführung wirken meine Frau, Irene Mattausch (Sopran) und Markus Volpert (Bariton) wieder mit. Außerdem wird bei Quo Vadis der niederländische Opernsänger Huub Claessens (Bass) als Solist zu hören sein.

Fragen: Karin Zöller