Wenn Thomas Scherer durch seinen Garten geht, rümpft er die Nase. Riecht es wieder? Nein, im Moment ist kein Gestank zu erschnüffeln. Das war in den vergangenen Monaten häufig anders, sagt er. Seit zehn Jahren wohnt er in der Friedrich-Hecker-Straße in Singen, doch erst seit Jahresanfang fällt ihm der Geruch häufiger auf als sonst. Mit einem Nachbarn hat er sich daher zusammen getan, um dem Geruch auf den Grund zu gehen. Ein möglicher Verursacher war schnell ausgemacht, Fondium produziert nur wenige Meter entfernt. Doch diesen Verdacht zu prüfen, zu bestätigen und eine Lösung zu finden, ist schwierig. Bei einer Ortsbegehung haben die Beteiligten ihre Standpunkte ausgetauscht.

Das Leben in der sogenannten ehemaligen Meistersiedlung könnte so schön sein, schildert Thomas Scherer. Während er in der Küche sitzt und erzählt, spielt seine Frau mit der kleinen Tochter im Nebenraum. Der Blick aus dem Fenster zeigt viel Grün, das sich langsam herbstlich verfärbt. Und die Innenstadt ist nur einige Schritte entfernt.

Es könnte so schön sein. Wäre da nicht dieser Geruch.

Thomas Scherer führt seit Monaten ein Geruchsprotokoll, weil ihm zuhause regelmäßig ein unangenehmer Gestank um die Nase weht. Jetzt soll geklärt werden, woher der kommt.
Thomas Scherer führt seit Monaten ein Geruchsprotokoll, weil ihm zuhause regelmäßig ein unangenehmer Gestank um die Nase weht. Jetzt soll geklärt werden, woher der kommt. | Bild: Arndt, Isabelle

Drei Arten von Geruch haben die Nachbarn ausgemacht: Es rieche entweder schwefelähnlich, metallisch oder Maggi-typisch. Früher habe es im Sommer mal gerochen, jetzt würden sie teils täglich von Gerüchen geplagt. „Der Geruch ist schon eine Einschränkung der Lebensqualität“, sagt Scherer mit Blick auf ein Geruchsprotokoll. Es sei gut gewesen, möglichen Geruchsquellen bei der Betriebsbegehung auf den Grund gehen zu können. Für alle sei dabei überraschend: „Manchmal entsteht der Geruch an Stellen, wo 99,9 Prozent der möglichen Quellen gefiltert werden. Doch wir riechen es trotzdem.“

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Suche nach Geruchsquelle ist bislang vergebens

Die Problemstelle ist gar nicht so einfach zu finden. Das sagt Achim Schneider als einer der Geschäftsführer von Fondium. „Trotz intensiver, interner Überprüfungen konnten wir keine Zusammenhänge zwischen unserer Produktion und den uns gemeldeten Gerüchen feststellen.“ Das Unternehmen prüfe seine Emissionen: „Wir lassen regelmäßig alle gesetzlich vorgeschriebenen Messungen durch anerkannte Messinstitute durchführen.“

Die Ergebnisse würden dem Regierungspräsidium gemeldet, das auch direkt mit den Auswertungsrechner der Abgasmessungen verbunden sei. „Zudem überwachen wir, zumeist auf freiwilliger Basis und wo technisch möglich, alle unsere Emissionsquellen, sodass wir bereits vor einer potenziellen Belästigung der Anwohner Maßnahmen ergreifen können“, versichert Schneider. Fondium sei sich seiner Lage mitten in der Stadt bewusst und habe früh ein Umweltmanagement eingeführt. 2010 hätten sie für ihre Förderung des betrieblichen Umweltschutzes sogar den Umweltpreis des Landes Baden-Württembergs erhalten.

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Fondium sagt: Prozesse laufen seit Jahren stabil

Was sich seitdem geändert und zu dem Geruch geführt hat, kann Schneider sich nicht erklären: „Die Prozesse laufen seit Jahren stabil, sodass eine Zu- oder Abnahme von Emissionen für uns nicht nachvollziehbar ist.“

Dieses Foto soll zeigen, wie sehr die Fondium-Anlage teilweise dampft. In dem Dampf steckt auch der Geruch, sind sich die Nachbarn sicher. Bild: Privat
Dieses Foto soll zeigen, wie sehr die Fondium-Anlage teilweise dampft. In dem Dampf steckt auch der Geruch, sind sich die Nachbarn sicher. | Bild: privat

Regierungspräsidium prüft Ausmaß – und kann Nachbesserungen fordern

Für das Regierungspräsidium ist aber klar: „Nach unserem derzeitigen Untersuchungsstand ist Fondium zumindest mitverantwortlich für Geruchsbelästigungen in dem fraglichen Viertel. Als nächstes muss nun geklärt werden, ob diese Belästigungen nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetzes erheblich sind“, teilt Pressesprecherin Heike Spannagel mit.

Demnach handle es sich um eine erhebliche Belästigung, wenn es in mindestens 876 Stunden im Jahr riecht, also zehn Prozent der Jahresstunden. Als Geruchsstunde gilt, wenn innerhalb einer Stunde sechs Minuten lang ein unangenehmer Gestank zu riechen ist. Unabhängig von der Erheblichkeit könne die zuständige Behörde Nachbesserungen der Produktionsprozesse, der Ablufterfassung, der Abluftreinigung und Abluftableitung veranlassen, erklärt ein Sprecher weiter.

Ortsbegehung bei Fondium in Singen: Hier soll ein Teil des Geruchs entstehen, der Nachbarn stört.
Ortsbegehung bei Fondium in Singen: Hier soll ein Teil des Geruchs entstehen, der Nachbarn stört. | Bild: Tesche, Sabine

Mögliche direkte Quellen sind unauffällig

Mögliche direkte Quellen für Geruch oder Staub wurden bereits geprüft, sie würden allesamt überwacht und seien unauffällig. Nun sollen auch diffuse Geruchsquellen untersucht werden, also beispielsweise offene Fenster. Fondium werde weiterhin intensiv nach einer möglichen Ursache suchen, sagt der Fondium-Umweltbeauftragte Frank Bettinger, und werde das Regierungspräsidium unterstützen. „Für den Fall dass die Ursache wirklich bei Fondium liegen sollte, werden wir die geeigneten Maßnahmen, unter Berücksichtigung der technischen und wirtschaftlichen Machbarkeit, einleiten.“

Anwohner zeigen sich geduldig

Manches brauche Zeit, zeigt sich Scherer verständnisvoll: „Uns ist klar, dass man das nicht innerhalb einer Woche abstellen kann.“ Der Umweltbeauftragte Fondiums sei für sie ständig ansprechbar und bei der Begehung sei versucht worden, all ihre Fragen zu beantworten. Er rechnet mit Verbesserungen in den nächsten Wochen, die Nachbarn würden weiter ein Geruchsprotokoll führen.

Thomas Scherer führt seit Monaten ein Geruchsprotokoll. Bild: Isabelle Arndt
Thomas Scherer führt seit Monaten ein Geruchsprotokoll. | Bild: Arndt, Isabelle

Zwei weitere Themen beschäftigen übrigens die Anwohner: Lärm durch nächtliches Beladen beim Tanklager sowie zu schnelle Autofahrer. Wenn es nach Thomas Scherer geht, soll zum Beispiel die Tempo-30-Zone der Güterstraße/Fittingstraße verlängert werden. Doch eins nach dem anderen: Wenn es nicht mehr riecht in der ehemaligen Meistersiedlung sei schon viel geholfen.

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Weiteres Problem: Rätselhafte Ablagerungen auf Autos und Möbeln

  • Das Problem: Mit einem Spezialmittel schrubbt Rüdiger Schmidt derzeit immer wieder sein Auto. Er arbeitet an der Julius-Bührer-Straße in Singen und parkt sein Auto an benachbarten Straßen. Ende August bemerkte er erstmals eine dunkle Schicht auf seinem Auto, das er in der Langen Straße geparkt hat. Seitdem sei es immer wieder verschmutzt, die Ablagerungen erinnern ihn an Metallpartikel. „Diese Schicht lässt sich nur sehr schwer entfernen“, berichtet er. Eine Lackiererei habe ihm ein Lösungsmittel empfohlen. „Aber man merkt noch, dass Partikel drauf waren.“ Auch Anwohner der Friedrich-Hecker-Straße bemerken hin und wieder einen dunklen Schmutzfilm auf ihren Gartenmöbeln. Flugrost sei ein Problem, sagt Thomas Scherer, doch sie wüssten noch nicht, woher er stamme.
    Schwarze Ablagerungen auf seinem weißen Auto: Rüdiger Schmidt fällt seit Ende August regelmäßig ein Schmutzfilm auf seinem Wagen auf. Bild: Rüdiger Schmidt
    Schwarze Ablagerungen auf seinem weißen Auto: Rüdiger Schmidt fällt seit Ende August regelmäßig ein Schmutzfilm auf seinem Wagen auf. | Bild: Rüdiger Schmidt
  • Die Reaktion: Ähnlich geht es dem Regierungspräsidium (RP) Freiburg, das nach einer Anzeige von Rüdiger Schmidt eingeschaltet wurde. „Das RP wird nun prüfen, ob diese Niederschläge von Fondium emittiert werden und gegebenenfalls Maßnahmen zur Minderung oder Vermeidung treffen“, teilt Pressesprecherin Heike Spannagel mit. Einen Zusammenhang mit den Beschwerden über Geruch sieht das RP aber nicht. Wenn Rüdiger Schmidt Schäden entstanden sind, werde das in der Regel zivilrechtlich mit dem Verursacher geklärt. Noch sei aber unklar, wer der Verursacher ist. „Das Einzige was wir bisher sicher wissen ist, dass annähernd während der gesamten in Frage kommenden Zeit, Betriebsferien waren und somit die gesamte Gießereiproduktion stand“, erklärt Frank Bettinger als Umweltbeauftragter Fondiums. „Sobald uns detailliertere Informationen vorliegen, werden wir, wie bei allen bisherigen Anfragen, aktiv bei der Ursachensuche unterstützen“, versichert er. Bei ähnlichen Anfragen sei Fondium bisher nicht Verursacher gewesen.