Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern! Da mag etwas dran sein – aber so ganz stimmt dieser Spruch dann doch nicht. Älter als die Zeitung von gestern ist zum Beispiel die von vorgestern. Klar. Und sogar noch viel älter sind die Zeitungen aus dem Jahr 1974. Das wurde uns in der Singener Lokalredaktion vor einigen Wochen deutlich vor Augen geführt. Im Zuge der Serie zur Fußball-WM fielen uns im Archiv einige Ausgaben aus jenem Weltmeister-Sommer in die Hände. Und beim Durchblättern der leicht angegilbten Seiten wurde schnell klar: In 44 Jahren hat sich weit mehr verändert als Druckbild und Seiten-Layout.

Während der SÜDKURIER heute ausführlich über die MeToo-Debatte berichtet, war es 1974 zum Beispiel noch normal, die Teilnehmerinnen eines Schönheitswettbewerbs als "flotte Miezen" zu beschreiben. Auch die Stellenanzeigen wirken aus heutiger Sicht leicht kurios. Eine "flinke Locherin" und ein "Holzspalter" werden da zum Beispiel gesucht. Richtig wild wird es im spannendsten Teil der Zeitung. Und der besteht bekanntlich nicht aus den Politik- oder Sportseiten, sondern den Kontaktanzeigen. Wobei: Im Falle der 27-jährigen Gerti liest sich die eher wie eine Trauerbotschaft. Bitter enttäuscht worden sei die "solide Angestellte" von den Männern. Aber: "Wenn Du ein zuverlässiger Mann bist, der sich dieses liebe Mädel zur Braut wünscht, so mußt du jetzt nur ein kleines Brieflein schreiben." So einfach war das 1974.

Dating Anno 1974: Damals erhoffte sich die 35-jährige Ilse baldiges Liebesglück.
Dating Anno 1974: Damals erhoffte sich die 35-jährige Ilse baldiges Liebesglück. | Bild: SK

Eine ähnliche Mischung aus Leid und Zuversicht strahlt die Anzeige der "hübschen Blondine Ilse, 35" aus, die "gutgelaunt versucht, über die Enttäuschungen ihres Lebens hinwegzukommen." Eine offensivere Strategie verfolgt der "Akademiker, 40, aus dem Bodenseeraum". Er sucht die "Bekanntschaft einer Dame 20-45 J., vollb., sexy und unkonventionell."

Wer sich von diesem mit Abkürzungen gespickten Testosteron-Schub erholen will, dem sei die Werbung am Seitenrand ans Herz gelegt. Frenetisch wird dort das "Familien-Hobby Teppich-Knüpfen" beworben: "Alle machen mit, weil es so viel Spaß macht!" Auch, wenn es dieses Jahr nicht mit dem WM-Titel geklappt hat – spätestens nach dieser Anzeige des Nähzentrums Pfaff darf man zumindest ein bisschen erleichtert darüber sein, dass wir 1974 hinter uns gelassen haben.