Herr Huber, was erwartet die Besucher Ihres Vortrags in der Stadthalle?

Spannende, teilweise dramatische Geschichten aus meinem Leben. Ich nehme die Zuschauer mit in ein Abenteuer. Von meinem Anfängen, wie ich als Jugendlicher zum ersten Mal geklettert bin, bis hin zu meiner letzten Expedition zum Latok, einem 7000er in Pakistan. Für mich ist "Stein Zeit" einer meiner schönsten und intensivsten Vorträge, weil es wirklich um mein ganzes Leben geht. Ein wildes Leben.

Ist es für Sie nicht seltsam, dass Sie wochenlang abgeschieden von der Zivilisation am Berg unterwegs sind, danach dann aber in vollbesetzten Sälen vor Hunderten von Menschen darüber sprechen?

Früher dachten mein Bruder und ich, dass die Vorträge einfach nur notwendiger Teil unserer Arbeit sind. Mittlerweile habe ich aber das Gefühl, dass wir wirklich die Bühne erobert haben. Es macht uns heute unglaublich viel Spaß, Menschen einen schönen Abend zu bereiten. Vielleicht ist das Wort Vortrag sogar unpassend für das, was wir machen. Vortrag: Das klingt nüchtern und trocken. Was die Zuschauer bei uns bekommen ist mehr wie Kabarett. Sie lachen und weinen. Sie gehen berührt nach Hause.

Der in Singen geborene Dokumentarfilmer Pepe Danquart (Mitte) vor der Premiere des Films "Am Limit", den er zusammen mit Alexander (links) und Thomas Huber gedreht hat.
Der in Singen geborene Dokumentarfilmer Pepe Danquart (Mitte) vor der Premiere des Films "Am Limit", den er zusammen mit Alexander (links) und Thomas Huber gedreht hat. | Bild: Andreas Gebert

Selbst, wenn sie eigentlich keine Ahnung vom Bergsteigen haben?

Wenn jemand mit dem Bergsteigen nichts zu tun hat und er kommt nach der Veranstaltung zu mir und sagt "das hat mir nichts gegeben", dann zahle ich ihm das Eintrittsgeld zurück. Das wird aber nicht passieren.

Was macht Sie da so selbstbewusst?

Ich glaube, es hat damit zu tun, dass ich nicht nur einen Einblick in mein Leben gebe, sondern dass ich den Leuten auch einen Anstoß gebe, ihr eigenes Leben mutig nach vorne zu leben. Den Moment zu leben und nicht so viel Angst vor dem Tod zu haben – der kommt sowieso von selbst (schmunzelt).

Sie halten bis zu 70 Vorträge im Jahr. Sind Sie da noch aufgeregt oder ist es für Sie Routine, vor so vielen Menschen zu sprechen?

Routine ist etwas Schlechtes. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass ich aufgeregt bin – es ist eher eine Vorfreude da, auf die Bühne zu gehen. Und jeder Vortrag entwickelt sich. Wie ein großes Projekt. Man trainiert, man wächst hinein. Und dadurch wird diese Erfahrung im Laufe der Zeit immer intensiver.

Sie klettern und Sie touren. Ihre Hobbies sind Fallschirmspringen und Ihre eigene Rockband. War für Sie ein Bürojob jemals eine Option? Oder war Ihnen von Anfang an klar, dass Sie ein spannenderes Leben führen wollen?

Ich glaube nicht unbedingt, dass ein Bürojob unspannend ist. Ganz persönlich sage ich aber: Für mich ist dieses Leben das richtige Leben. Ich hoffe immer, dass jeder das machen kann, bei dem er sich wohlfühlt. Und ich fühle mich eben am besten in den Bergen. Sogar als Sänger meiner Band singe ich von den Bergen. Die Lieder sind selbstgeschrieben und in den Texten geht es im Prinzip um die die gleichen Dinge, von denen ich auch bei meinen Vorträgen erzähle: Die Berge, das Leben. Aber auch die Trauer, wenn man einen Freund verliert, der am Berg geblieben ist.

Wussten Sie schon als Jugendlicher, dass Sie ein professioneller Bergsteiger werden würden?

Das kam etwas später. Sowohl bei meinem Bruder Alexander als auch bei mir. Alexander hat sein Studium noch abgeschlossen, mit Bravour sogar. Ich habe abgebrochen. Wir beide glaubten, dass der Weg des Bergsteigens spannender und für uns auch realisierbar ist. Aufgrund der Sponsorengelder und dem, was wir mit unseren Vorträgen eingenommen haben, haben wir gemerkt: Wir können nachhaltig a bisserl verdienen damit. Es bedurfte natürlich trotzdem sehr viel Mut, weil es beim Bergsteigen nicht die Garantie gibt, dass man damit auch eine Famile ernähren kann. Aber am Ende ist es aufgegangen.

Auf Ihre allerersten Klettertouren hat Sie damals Ihr Vater mitgenommen. Hat er es jemals bereut, dass er Ihnen und Ihrem Bruder den Anstoß gegeben hat, sich so sehr in Gefahr zu bringen?

Nein. Wir hatten einen sehr stolzen Vater, der uns immer den Weg geebnet hat. Ich weiß noch, wie stolz er war, als wir den Rekord im Speedklettern gebrochen haben. Die Sorge lag eher auf der mütterlichen Seite. Obwohl die Mutter natürlich auch stolz war, war sie es, die immer gesagt hat: "Hey Burschen, das Wichtigste ist, ihr kommt wieder nach Hause!" Heute, wo Alexander und ich unsere eigenen Familien haben, denken wir natürlich immer auch an unsere Frauen und unsere Kinder. Es gibt die höchsten Berge und die größten Ziele. Aber noch größer ist das Leben. Kein Berg ist es wert, einen Blödsinn zu machen.

Selbst wenn der Aufstieg noch so schwer ist, sieht Huber den Berg niemals als Gegner an. Auch mit 51 Jahren genießt der ältere der "Huberbuam" die Herausforderung Extremsport.
Selbst wenn der Aufstieg noch so schwer ist, sieht Thomas Huber den Berg niemals als Gegner an. Auch mit 52 Jahren genießt der ältere der "Huberbuam" die Herausforderung Extremsport. | Bild: Archiv Huberbuam / Timeline Production

Können Sie die Gefahr, der Sie sich am Berg aussetzen, wirklich komplett einschätzen?

Jeder Mensch hat einen Überlebensinstinkt. In dem Moment, in dem du etwas Risikoreiches machst, weißt du, was du zu tun hast, um zu überleben. Heute leben wir leider in einer Gesellschaft, in der alles abgesichert ist. Du brauchst nichts mehr zu tun, um zu überleben. Das tun andere für dich. Am Berg dagegen bist du selbst die Norm. Und am Berg zu überleben, das ist so intensiv, so echt und so schön. Deswegen geh ich so gerne in die Berge. Wirklich gefährlich wird es dort nur, wenn ich anfange zu glauben, ich hätte alles im Griff. Wenn du dir die Historie der Bergunfälle anschaust und auch meinen eigenen Bergunfall von 2016, als ich 16 Meter in die Tiefe gestürzt bin und eine Schädelfraktur erlitten habe: Es ist immer eine Situation in der Komfortzone, während des Abstiegs. Dann steckt die Euphorie im Rucksack drin. Man denkt, man hat bereits etwas Großes geschafft. Und dann wird man unachtsam und es passiert etwas.

Sind Sie nach Ihrem Unfall wieder direkt zurück an die Wand?

Ja, genau. Ich habe mir sofort die Watschen gegeben und gesagt: "Du bist so doof! So etwas darf dir doch nicht passieren." Ich wusste aber, warum es passiert ist. Und weil ich das wusste, hatte ich auch keine Albträume danach.

Sie sprechen sehr positiv über die Berge. Nimmt man einen Berg nicht auch als Gegner wahr? Sind Sie nicht manchmal wütend auf den Berg – gerade, wenn Ihnen eine Besteigung nicht gelingt?

Nein, niemals. Der Berg kann nie ein Gegner sein. Nur eine Herausforderung. Wir gehen ja dahin, wo das Scheiterpotenzial hoch ist. Wenn wir wissen, es ist einfach, ist es für uns uninteressant. Spannend wird es doch grundsätzlich immer dann, wenn der Hauch der Unmöglichkeit im Raum ist. Wir begegnen dem Berg mit all unserem Können und Wissen. Und wenn du den Berg verstehen lernst, dann kommt der Berg auch zu dir. Irgendwann wirst du selbst zum Berg. Dann kannst du das Unmögliche schaffen. Aber: Man muss auch das Scheitern akzeptieren. Wenn du nie scheiterst, gehst du immer zu Bergen, die für dich machbar sind. Aber ist das wirklich eine Herausforderung? Oder ist es nur ein Paket der Eitelkeit?

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie scheitern?

Ich kann das gut wegstecken. Aber natürlich ärgert es einen. Wenn es dich nicht ärgert, stimmt auch wieder etwas nicht. Zorn gehört dazu.

Apropos Zorn. Hat es Sie eigentlich nie gestört, dass man Sie und Ihren Bruder in der Öffentlichkeit immer nur als Team wahrnimmt?

Das ist doch unser Erfolgsmodell. Wir Brüder sind eine unglaubliche Seilschaft, die komplett unterschiedliche Charaktereigenschaften haben. Wir sind so unterschiedlich und können trotzdem gemeinsame Wege gehen. Das ist auch ein großes Thema meines Vortrags: Unser gemeinsamer Weg, der sich oft trennt, am Ende aber immer wieder zusammenführt.

Was sind die Hauptunterschiede zwischen Ihnen und Ihrem Bruder?

Ich habe vielleicht mehr Feuer, was das Expeditionsbergsteigen angeht – der Alexander mehr beim reinen Klettern. Jeder hat seine Stärken und Schwächen. Aber wenn wir die in einen Topf werfen, können wir Großes schaffen.