Die DGB-Verantwortlichen in Singen werden nicht müde zu betonen, dass ihre Maikundgebung die größte und wichtigste in der Region ist. In einer Arbeiterstadt mit Tausenden Einpendlern sollte das auch so sein. Ist es aber nicht. Ein kleines Häufchen getreuer Genossen fühlte sich am 1. Mai berufen, den Kampf für gerechte Arbeit zu unterstützen. In über 100 Jahren hat sich die Situation der Arbeiter stark verbessert. Heute sind bundesweit rund 30 Prozent der Beschäftigten Mitglied in einer Gewerkschaft, so die Tarifsekretärin Barbara Resch. In Singen sind nach Angaben des 2. Bevollmächtigte der IG Metall Raoul Ulbrich in der Metallindustrie rund 50 Prozent in der Gewerkschaft organisiert. Das mag an den zahlreichen Veränderungen und Besitzerwechseln in der ansässigen Großindustrie liegen.

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In unsicheren Zeiten haben die Gewerkschaften einen stärkeren Zulauf. Betriebsräte werden gestärkt und arbeitspolitische Themen in der Öffentlichkeit stärker beachtet. Der Wunsch nach Mitbestimmung wächst. Das konnte man vor Jahren beobachten, als bei der Aluminiumindustrie große Stellenstreichungen bevorstanden. Damals strömten die Besucher in Massen zu den Maikundgebungen. Bedeutet das also im Umkehrschluss, dass die Beschäftigten in Singen und Umgebung heute keine Probleme mehr haben? Das geringe Interesse an der diesjährigen Veranstaltung scheint diese Vermutung zu bestätigen. Die Menschen haben bei Vollbeschäftigung weniger Sorgen. Was wir nicht sehen, sind die vielen prekären Beschäftigungsverhältnisse, die oft aus mehreren Minijobs bestehen. Wer so überleben muss, hat keine Kraft mehr für Gewerkschaftsengagement. Für diese Menschen sind vollmundige Kundgebungen das falsche Format. Und für jene, die in Arbeit ersticken, ist der Grillnachmittag mit der Familie wichtiger.