Lange Gesichter auf beiden Seiten der Grenze: Nachdem die Corona-Pandemie die Absage sämtlicher Kulturveranstaltungen nötig machte, ist die gesamte Vorbereitung für die „Erzählzeit ohne Grenzen 2020“ nichts mehr wert. „Ein Dreivierteljahr Arbeit für die Tonne“, sagt die Leiterin der Städtischen Singener Bibliotheken Monika Bieg.

66 Lesungen hätten an 46 ungewöhnlichen Orten in 46 Städten und Gemeinden im Hegau und in der benachbarten Schweiz vom 26. März bis 5. April stattfinden sollen. „Das Festival war zu 98 Prozent vorbereitet“, sagt die Organisatorin. Hotels seien gebucht gewesen, Zugverbindungen herausgesucht und natürlich einige Tausend Programmhefte fertig gedruckt. Die sind jetzt nur noch Altpapier. „Das ist traurig und frustrierend“, sagt die Bibliothekenchefin.

Lesen überwindet Grenzen

Schon lange hatten sich die Literaturfreunde auf diese intensive Lesewoche gefreut. Selten gibt es die Möglichkeit, so viele Autoren mit ihren neuesten Büchern kennenzulernen. Was unter der Regie der ehemaligen Leiterin der Stadtbücherei, Barbara Grieshaber, als kleine regionale Veranstaltung in Singen und den Nachbarorten begann, hat seit elf Jahren mit der Grenzüberschreitung einen internationalen Charakter erhalten. Mittlerweile sind es in der Schweiz sogar noch mehr Leseorte als auf deutscher Seite.

Das Konzept, ein lesefernes Publikum für Literatur zu interessieren, ging auf, weil sich immer mehr Gemeinden an der Veranstaltungsreihe beteiligten. Und so war das Publikum auch in diesem Jahr schon lange vor der Lesewoche wieder neugierig auf die Autoren. Doch das Corona-Virus machte den Veranstaltern und vielen ehrenamtlichen Helfern einen Strich durch die Rechnung.

Etliche Unterstützer der Lesewoche

Oliver Thiele, Leiter der Bibliotheken in Schaffhausen, ist froh, das die Erzählzeit nicht einnahmenfinanziert ist. „Weil wir die Auslagen für die Veranstaltung ohnehin aus dem städtischen Haushalt und mit dem Kanton sowie Sponsoren bestreiten, entsteht kein zusätzliches Loch in die Stadtrechnung“, sagt Oliver Thiele. Hotels und Transportfahrten für die Autoren hätten noch rechtzeitig storniert werden können. Oliver Thiele ist dankbar, dass die Sponsoren auch nach der Absage der Lesewoche bei ihrer Unterstützung bleiben. „Wir schätzen die Solidarität sehr.“

Finanzieller Schaden für Autoren

Schlimm ist jedoch der finanzielle Schaden für die Autoren. „Besonders die jungen Autoren und Debütanten haben solche Veranstaltungen nötig, um auf sich aufmerksam zu machen“, sagt Oliver Thiele. „Ihnen fehlt nicht nur der Lohn für die Lesungen, sondern auch die Werbung und die Mund-zu-Mund-Propaganda durch die Zuhörer.“ Da hätten es die arrivierten und preisgekrönten Autoren etwas leichter.

Bei der Auswahl der Bücher haben Monika Bieg und Oliver Thiele schon sehr früh mit der Lektüre der Druckfahnen angefangen. Tipps für Neuerscheinungen seien auch von den Verlagen gekommen. „Nach all den Jahren haben wir ein Gefühl dafür, was unser Publikum interessiert“, sagt Oliver Thiele und verweist auf die Mischung von Werken großer Autoren und Erstlingswerken. „Wir präsentieren die Blüten der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“, erläutert er.

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Auf ein Motto habe man bewusst verzichtet, um dann doch festzustellen, dass sich bei der Auswahl größere Themenbereiche zusammenfügten, die die schreibende Welt beschäftigen, erklärt Monika Bieg. Und so wurden dann doch Kategorien erkennbar, wie „Krieg und Zerstörung“, „Rückblick“, „Preisgekrönt“ oder „Von Schelmen und Abenteurern“. Die Lesungen sind Appetithappen, die zum Weiterlesen anregen sollen.

Vielleicht hat die Corona-Pandemie auch etwas Gutes: Sie könnte die Menschen in ihrer gewonnenen Freizeit dazu verleiten, sich an die alte Kulturtechnik des Lesens zu erinnern. Oliver Thiele hat in seinen Schaffhauser Bibliotheken kurz vor der vorübergehenden Schließung (vorerst bis 19. April) wahre Hamsterausleihen registriert. Die Leihfristen seien verlängert worden. Mit der Rückgabe können sich die Kunden Zeit lassen – die Leihfrist sei verlängert worden. Die Büchereien ihrerseits nutzen die stille Zeit ohne Publikum für die Innenrevision.

Buchtipps der Veranstalter

Wer jetzt nicht genügend Lesestoff hat, kann sich nur noch über den Online-Handel der Buchhandlungen mit Büchern versorgen. Oliver Thiele und Monika Bieg haben hier ein paar Tipps aus dem Erzählzeitprogramm: Mit Benjamin Quaderers „Für immer – Die Alpen„ sei endlich ein rasant erzählter Roman aus Liechtenstein über den Kundendatenklau und Landesverrat erschienen, mit einem Blickwinkel, den man so noch nicht kannte.

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Tonio Schachinger sei mit „Nicht wie ihr“ ein sprachlich interessanter Roman und Einblick in den Kopf eines jungen Profi-Fußballers gelungen, der seine balkanesischer Herkunft mit der Welt der Schönen und Reichen abgleichen muss. „Ein echt cooles Buch“, urteilt Oliver Thiele.

Für den Deutschen Buchpreis nominiert ist der Erstlingsroman „Kintsugi“ von Miku Sophie Kümmel, das sich mit den Sollbruchstellen und dem Kitten menschlicher Beziehungen beschäftigt. In Japan wird zerbrochenes Porzellan mit Gold repariert. Dieses Bild überträgt die Autorin auf Brüche im persönlichen Zusammenleben.

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