Sars, Mers, Ebola, Schweinegrippe und jetzt Corona. Die neue Seuche hebelt derzeit das öffentliche Leben aus. Die Welt hat in der Vergangenheit einige Epidemien überstanden. Doch die Coronavirus-Pandemie scheint alle bisherigen Katastrophen in den Schatten zu stellen.

Nachdem erste Regionen in Deutschland bereits Ausgangssperren verhängt haben, weil Teile der Bevölkerung den Ernst der Lage immer noch nicht erkannt und Corona-Partys gefeiert haben, werden die drastischen Maßnahmen langsam auf das ganze Land ausgeweitet. Die wochenlange häusliche Quarantäne dürfte nicht nur für Familien mit kleinen Kindern zur Herausforderung werden.

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Weil es aber bisher weder einen Impfstoff noch Medikamente gegen das Coronavirus gibt, ist Disziplin eines jeden Einzelnen das einzige Mittel, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Vielleicht können wir in dieser ernsten Krise aus der Vergangenheit lernen.

Erfahrungen mit der Pest

Die Menschen im Hegau erleben bei weitem nicht die erste Epidemie. Seit dem 14. Jahrhundert wurden sie immer wieder von einer unheimlichen Krankheit gebeutelt: der Pest. In Wellen kehrte dieser Fluch immer wieder. Wer von Engen nach Tuttlingen fährt, der kommt in Emmingen ab Egg an eindrucksvollen Mahnmalen vorbei, die an die verheerenden Pest-Wellen aus dem 16. und 17. Jahrhundert erinnern.

Mehrere Meter hohe Pestkreuze warnten die Besucher vor dem Betreten des Dorfes. Zwar lässt sich die Pest nicht direkt mit dem Coronavirus vergleichen, weil es sich bei dem Erreger um das Bakterium Yersinia pestis handelt; die Reaktion der Menschen und die Folgen der Krankheit auf das soziale Leben lassen sich aber durchaus vergleichen. Das könnte für die heutige Generation eine Lehre sein.

Der schwarze Tod in Konstanz

Im Singener Stadtarchiv und in der Hegau-Bibliothek haben die Mitarbeiter nachgeforscht und dem SÜDKURIER auf Anfrage interessante Aufsätze zukommen lassen. Herbert Berner bezieht sich in seiner Stadtgeschichte in dem Artikel „Hungersnot und schwarzer Tod“ auf Forschungen von Peter Eitel. Danach traf es Konstanz und Schaffhausen mit fünf Pest-Wellen im 16. und 17. Jahrhundert am schlimmsten.

Engen wurde dreimal von der Epidemie überrollt; Aach, Stockach, Radolfzell und Emmingen ab Egg je zweimal. Von Singen selbst, damals ein Dorf, gibt es kaum Aufzeichnungen. „In Emmingen starben zwischen 1629 und 1638 etwa 270 Menschen an der Pest„, schreibt Herbert Berner. Damit war das Dorf so stark dezimiert, dass es sich an Engen angliederte, um überleben zu können.

Eine wiederkehrende Bedrohung

Für seinen Aufsatz „Die Pest und ihre Folgen im Hegau des 17. Jahrhunderts“ hat Reinhard Brosig Kirchenbücher im Hegau ausgewertet. Nicht nur in der Folge von Kriegen war die Pest eine wiederkehrende Bedrohung für Leben und Existenz.

Die Seuche schien wahllos zuzuschlagen. Die Menschen ertrugen ihr Schicksal beinahe stoisch. Erst 1894 wurde die Ursache der Pest bekannt, nämlich die Übertragung des bakteriellen Erregers von Ratten oder Mäusen über Flöhe auf den Menschen.

Maßnahmen im 16. Jahrhundert

Bereits im 16. Jahrhundert, so Reinhard Brosig, hatte ein Italiener die Übertragung der Krankheit, also die Ansteckung von Mensch zu Mensch, ins Spiel gebracht. Aus dieser Erkenntnis wurden Maßnahmen zur Vorbeugung wie Isolation und Evakuierung abgeleitet. Die Städte und Gemeinden griffen mit „Pestordnungen“ sehr direkt in das Leben der Bewohner ein.

„Dort waren Quarantäne- und Isolationsmaßnahmen, Zwangseinweisungen in Spitäler, Verbrennen von infiziertem Eigentum und Massengräberzwang aufgeführt“, vermerkt Reinhard Brosig. Die Maßnahmen erinnern an jene, die wir in Europa und der Welt derzeit im Kampf gegen Corona erleben: Abriegelung der Länder, Quarantäne für Menschen aus Risikogebieten, Isolation und Tests.

Kontrollierte Spaziergänge am Abend

Brosig zitiert beispielhaft aus der Konstanzer Verordnung, die vorschrieb, dass Fremde aus pestinfizierten Orten abgewiesen wurden und vor der Stadt verharren mussten. Die Torwachen wurden verstärkt, Besucher mussten schwören, dass sie nicht aus einem Infektionsgebiet kamen; wurde in einem Haus ein Pestbefall festgestellt, mussten die Bewohner die Stadt verlassen oder wurden eingeschlossen. Erst vier Wochen nach dem letzten Pest-Toten wurde das Haus wieder aufgeschlossen.

Die Hälfte der Häuser in Konstanz war geschlossen. Nach Protesten durften die Bewohner der Pesthäuser kontrollierte Spaziergänge am Abend machen. Grobe Verstöße wurden scharf geahndet. Wie auch heute, waren die Präventionsmaßnahmen klug. Doch in der Bevölkerung waren sie verhasst.

Zuflucht im Glauben

Weil es keine Erklärung dafür gab, warum der eine von der Pest befallen und der andere verschont blieb, suchten die Menschen Zuflucht und Erklärung im Glauben. Der von Pfeilen durchbohrte Universal-Heilige Sebastian (zum Beispiel in St. Peter und Paul in Singen) oder der Heilige Rochus wurden als Pest-Heilige verehrt in der Hoffnung, von der Krankheit verschont zu bleiben.

Auch heute suchen viele Menschen im Glauben Hoffnung und Trost. In dem Zusammenhang findet es der frühere Kreisarchivar Wolfgang Kramer bemerkenswert, dass alle Gottesdienste ausfallen. „Das hat es zuvor noch nie gegeben“, bemerkt er zum Ernst der Lage. Da das Coronavirus nicht zu sehen ist, haben viele Zeitgenossen die Bedrohung in der vergangenen Woche nicht ernst genug genommen. Virologen und Politik warnen vor einem explosionsartigen Ausbruch der Krankheit, wenn die Menschen jetzt nicht den Präventionsvorschriften folgen.

Verunsicherung durch Alleingänge

Der dringende Appell zur Disziplin und zu Abstand von Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte aber dennoch nicht alle Menschen erreicht. So ist es wohl nicht mehr die Frage ob, sondern wann die Ausgangssperre als letztes Mittel im Kampf gegen die Corona-Pandemie in ganzen Land verhängt wird.

Alleingänge der verschiedenen Landesregierungen haben eher für Verunsicherung gesorgt. Wir könnten von früheren Epidemien lernen. Und vielleicht werden spätere Generationen unser Verhalten, unsere Berichterstattung und unseren Kampf gegen die Pandemie auf ihre Weise deuten.

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