Das Musical ist der Hybrid unter den Kunstformen. Irgendwie will es alles: Als Fest der Verwurstung kommt es als Theater und Tanz mit Musik und Gesang sowie ballettösen Einlagen daher, es nimmt Anleihen bei der Operette, ist Kostümfest und Show zugleich. So auch im Fall des Musicals über Charlie Chaplin, das am Donnerstag in der Singener Stadthalle als deutschsprachiger Ableger einer Broadway-Inszenierung zu erleben war.

Geht das? Insbesondere im Fall von Charlie Chaplin? Seine Kindheit und Jugend hätten Vorlage für einen Sozialroman vom Kaliber eines David Copperfield sein können, seine Ehen erinnern an die filmischen Dramen eines Ingmar Bergman, Chaplins Karriere trägt Züge des Märchens und seine politische Haltung als satirischer Hinkel-Hitler oder als unerschrockener Freigeist im Kalten Krieg schreien geradezu nach einem philosophischen Memorandum.

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Daraus ein auf mittlerer Hitze dahin köchelndes Ratatouille in Form eines Musicals zuzubereiten, kann niemandem schmecken, der nach der ganzen Dramatik, der ganzen Komik oder ganzen Tragik verlangt. Charlie Chaplin allerdings hätte höchst wahrscheinlich seinen Spaß an der Mischung gehabt. Er kannte sich bekanntlich bestens mit der Rolle des Individuums im Räderwerk der Moderne aus – ebenso wie mit den Tricks und Kniffen des Entkommens.

Hinzu kommt, dass die Darsteller im Fall der Tournee-Variante die Versatzstücke des Musicals beherrschen. Die Besucher in der Stadthalle erleben ein Ensemble aus Multifunktionskünstlern, sie beherrschen gleichermaßen Tanz, Gesang und Schauspielkunst. Hinzu kommt eine auch im Detail effektvolle Inszenierung. Die Möglichkeiten der Ausleuchtung beispielsweise werden in Spotlights so genutzt, dass das bunte Bild auf der Bühne in eine Schwarzweiß- Anmutung wechselt. Insbesondere die Fokussierung auf die Mimik sorgt für Schattierungen, durch die der Zuschauer auf suggestive Weise die historische Dimension des Bühnenstoffs und seines Personals erlebt.

Neue Lust auf alte Filme

Das Plakative des Musicals als typische Form gegenwärtigen Kunsttransports mit einem fast schon ins Comic-hafte überzeichneten Bühnenbild freilich lässt sich durch die Leistung von Darstellern und der souveränen Regie nicht relativieren und soll es wohl auch gar nicht. Konsequent wird der Hybrid-Charakter der Inszenierung beibehalten, wodurch ihr am Ende noch ein weiteres Form-Element zuwächst. Wie ein Teaser weckt das Musical über Charlie Chaplin die Lust auf eine eingehendere Beschäftigung mit dem begnadeten Schauspieler und Regisseur, seiner Zeit und seinen Werken. Gut vorstellbar also, dass sich die Besucher der Bühnen-Produktion demnächst vereint wissen, wenn sich auf Arte oder 3SAT wieder einmal ein Zeitfenster für einen Stummfilm-Abend öffnet.