Noch treiben sich ein paar Nachtschwärmer in der milden Sommernacht auf den ansonsten verlassenen Bahnsteigen im Singener Hauptbahnhof herum. Der letzte Zug aus Engen in Richtung Konstanz wird noch durchgelassen. Es ist 0.52 Uhr. Die Bundespolizei fegt die Bahnsteige leer, die letzten Sichtschutzzäune werden zugemacht.

Bild: Sabine Tesche

Ab jetzt gehört der Bahnhof den Einsatzkräften: In wenigen Minuten beginnt hier eine Übung für ein Terrorszenario. Um 0.57 Uhr hört man Menschen durch die Maggi-Unterführung kommen, durch die Lücken der Sichtschutzzäune lassen sich die gelben Warnwesten der Polizei erkennen.

Bild: Sabine Tesche

Es ist schon deutlich nach 1 Uhr, als die ersten Schüsse die Stille der Nacht zerreißen. Es folgen Hilfeschreie, Schmerzenslaute. Eine ganze Salve von Schüssen geht ab, erwidert von einzelnen Schüssen. Aus etwa hundert Metern Entfernung klingt es nicht ganz so furchteinflößend, erinnert ein wenig an Paintball von der Geräuschkulisse.

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Und tatsächlich: Ein Bundespolizist, der die Straße hinter dem Bahnhof sichert, gibt an, dass die Dienstwaffen dafür umgebaut wurden, so dass sie mit Farbplatzpatronen bestückt werden können. "Das pfetzt ganz schön, wenn man eine abkriegt", verrät er. Aber mit der Farbe wirke die Übung dann auch realistischer.

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Der gesamte Bereich um den Bahnhof ist hermetisch abgeriegelt, Züge verbarrikadieren die Gleise, Sichtschutzwände versperren die Sicht. An jeder Ecke stehen Beamte: niemand soll auf das Bahnhofsgelände gelangen. Ein paar Schaulustige haben sich in der Nähe der Taxistände an den Gleisen postiert, aber auch sie sehen nichts.

Bild: Sabine Tesche

So plötzlich, wie die Schüsse losgingen, verstummten sie auch wieder. Es dauert bis kurz vor 2 Uhr, bis das Szenario offenbar erneut durchgespielt wird. Unmittelbar vor dem Bahnhof klingen die Schüsse um einiges bedrohlicher.

Presse-Videos sollen sofort gelöscht werden

Zwei Bundespolizisten bemerken, dass der SÜDKURIER ein Video aufnimmt – zu sehen war nur die schwarze Sichtwand, zu hören ein paar Platzpatronensalven und simulierte Hilferufe. Sie geben an, die Aufnahmen seien nicht erlaubt, nehmen das Smartphone an sich, mit dem die Videos gedreht wurden und fordert zum Löschen auf, droht andernfalls mit der Beschlagnahmung und dem Staatsanwalt. "Das ist Verschlusssache", sagen die Bundespolizisten in ruppigem Ton. Die Stimmung beim Nachteinsatz scheint gereizt.

Auch der extra abgestellte Pressesprecher vor Ort will keinerlei Auskünfte über den Übungseinsatz geben. Insgesamt seien 200 Beamte beteiligt – inklusive der Außensicherung. Wie viele Bundespolizisten aktiv an der Übung beteiligt sind, sagt er nicht. Auch nicht, ob verschiedene Szenarien geübt werden. Um 2.59 Uhr erschallen wieder Schüsse. Erneut sind Rufe zu hören. Dann kehrt die Stille zurück, bis die Polizei um 3.35 Uhr plötzlich abrückt.

Bild: Sabine Tesche

Die Straßensperre hinter dem Bahnhof wird aufgehoben. Auf dem dort gelegenen Maggi-Gelände hatten die Beamten ihre mobile Einsatzzentrale eingerichtet. Mehrere Pavilions stehen dort und eine ganze Reihe Dixie-Toiletten. In Windeseile brechen die Bundespolizisten ihre Zelte ab.

Der Spuk ist vorbei, in gut zweieinhalb Stunden ist der nächtliche Bahnhof drei Mal von potenziellen Terroristen heimgesucht worden. Sprecher Christian Werle zieht nach dem Einsatz eine positive Bilanz. Ziel der Übung sei es gewesen, "das Zusammenwirken der verschiedenen Sicherheitsbehörden im Grenzraum bei der Bewältigung komplexer lebensbedrohlicher Einsatzlagen" zu trainieren.

Bild: Sabine Tesche

Das Szenario: ein Anschlag auf den Bahnhof. Die Aufgabe der Einsatzkräfte: die Täter entwaffnen und "handlungsunfähig" zu machen, Verletzte aus der Gefahrenzone zu geleiten und Erstversorgung zu leisten. Trainiert werden sollten vor allem die Einsatzkräfte, die im Fall eines Anschlags als Erste vor Ort eingreifen müssen. Details zu den trainierten Szenarien nannte Werle nicht.

Übungen wie diese, die in Zusammenarbeit mit dem deutschen Zoll in Singen und der Eidgenössischen Zollverwaltung stattfanden, gibt es immer wieder, wie im September im Stuttgarter Hauptbahnhof. Dort waren Videoaufnahmen übrigens gestattet.

Die Bundespolizei Konstanz will an solchen "möglichst realistischen Bedingungen" wie am Singener Hauptbahnhof festhalten. Den Zeitraum zwischen 1 Uhr und 4 Uhr morgens hatten die Beamten deshalb gewählt, weil in dieser Zeit keine Züge fahren und der Verkehr somit nicht unterbrochen werden musste. Denn am Ende war es eben nur eine Übung – für den Ernstfall, der hoffentlich nicht eintritt. "Hier ist die Welt noch in Ordnung", sagt einer der Beamten, bevor er in sein Einsatzfahrzeug steigt. Er hat offenbar schon anderes gesehen.