Herr Rodrigues, als Obermeister der Kfz-Innung werden Sie einiges zu tun haben. Was hat Sie zur Übernahme der Aufgabe veranlasst?

Da wächst man wohl ein bisschen rein. Ich habe schon bisher Aufgaben für die Innung übernommen, zum Beispiel in der Prüfungskommission. Und über den Verband lernt man Kollegen kennen, man kommt ein bisschen rum. Es liegt außerdem ein Mehrwert darin, bei Sach- oder branchenspezifischen Themen up to date zu sein.

Wegen der Aufwandsentschädigung übernimmt man so ein Amt aber bestimmt nicht, da muss Idealismus im Spiel sein. Wie hoch auf einer Skala von null bis zehn würden Sie ihren Idealismus denn da einschätzen?

(schmunzelt) Also darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Ich bin eben der Meinung, dass man etwas für die Innung machen muss. Ohne geht's ja nicht...

...aber Sie wissen schon, dass da einiges auf Sie zukommt. Die Diskussion um den Diesel oder die E-Mobilität beispielsweise. Denken Sie bloß mal an Ihren Vorgänger Hansjörg Blender und dessen Auseinandersetzung mit der Deutschen Umwelthilfe. Das war für ihn sicher nicht immer ein Vergnügen.

Es stimmt, die Branche befindet sich in einem brutalen Umwandlungsprozess. Und so etwas verläuft selten ohne Konflikte. Aber ich denke, dass man damit gelassen umgehen kann. In diesem Fall liegt die Kraft in der Ruhe.

Machen wir mal zwei Proben aufs Exempel. Da ist zunächst die E-Mobilität, wo sich einiges tut: Die Industrie experimentiert, Händler und Kunden sind verunsichert und auf die Werkstätten kommen neue Aufgaben zu. Mitten drin steht im Zweifel der Obermeister. Ist nicht ganz einfach, oder?

Naja, da sind wir erst ganz am Anfang. Ich verfolge natürlich die Diskussion, aber da wird nichts von jetzt auf gleich passieren. Außerdem läuft derzeit vieles noch an den ländlichen Regionen vorbei. In Großstädten wie Stuttgart ist die Notwendigkeit des Umstiegs auf E-Mobilität weitaus größer als hier bei uns. Solange nicht die Infrastruktur – von der ausreichenden Energiegewinnung aus regenerativen Quellen bis hin etwa zu Aufladestationen mit praktikablen Aufladezeiten – vorhanden ist, betrifft das die Lebenswirklichkeit der Menschen noch nicht so sehr. Und wir vom Handwerk müssen uns nicht zuletzt an den Kundenbedürfnissen orientieren.

E-Autos spielen in ländlichen Regionen also keine Rolle?

So möchte ich das nicht verstanden wissen. Die Leute beschäftigt das Thema, das alles läuft derzeit allerdings noch weitgehend über Individualberatungen.

Aber die Branche wird sich zunehmend damit beschäftigen müssen, oder?

Klar. Die Automobilindustrie ist meiner Meinung nach auf dem richtigen Weg, aber der Handel und das Handwerk kommen erst danach.

Ein zweites aktuelles Thema, mit dem Sie in Ihrer Funktion als Innungsobermeister über kurz oder lang ebenfalls konfrontiert werden dürften, ist die Diskussion um den Diesel. Übrigens: Was fahren Sie privat?

(lacht) Fahrrad.

Und wenn Sie nicht radeln?

Dann habe ich einen Benziner.

Gut. Aber als Verbandsvertreter werden Sie beim Thema Diesel einiges zu moderieren haben. Vom Kunden über den Handel bis hin zu den Werkstätten ist da viel Zündstoff drin...

...aber in erster Linie ist es ein Problem der Industrie. Das wissen die Menschen auch, deshalb ist das im Alltag der Betriebe – zumindest in unserem Kammerbereich – nicht das ganz große Thema. Der Imageschaden allerdings trifft uns alle.

Das heißt, dass Sie die Diskussion um den Diesel überwiegend als Thema der Politik sehen?

Ja.

Aber es gibt doch auch die technische Seite – zum Beispiel bei der Schummelsoftware. Sie und Ihre Kollegen arbeiten täglich mit der Technik. Können Sie mit Ihrem technischen Wissen beurteilen, ob da bewusst betrogen oder "nur" geschummelt wurde?

Nein. Die Prüfung ist Sache des Kraftfahrbundesamtes. Für das Handwerk ist die Software wie für den Verbraucher oder Kunden auch nichts anderes als eine Kiste, deren inneren Prozesse wir nicht kennen.

Dann ist es aus Ihrer Sicht so, dass da ein paar Experten mit der Manipulation der Software eine ganze Branche in Richtung Abgrund treiben können?

Im Prinzip ist das so.

Macht das Ihnen Angst?

Doch, das kann wirklich Angst machen. Man ist der ganzen Sache ausgeliefert.

Wie gehen Sie damit um?

Das ist irgendwie so ein Mittelding von Aufstand und Fatalismus. Da geht's den Handwerkern und Händler nicht anders als anderen Menschen.

Ihnen ist aber schon bewusst, dass Sie als Obermeister gelegentlich mit diesen Fragen zu tun haben werden? Das Amt hat durchaus zumindest eine verbandspolitische Bedeutung.

Ehrlich gesagt: So richtig ist mir das noch nicht klar. Aber Sie werden bestimmt richtig liegen. Ich gehe das Ganze jetzt erst einmal an – und dann werde ich schon sehen wie's läuft.

Herr Rodrigues, vielen Dank für das Gespräch.

Fragen: Torsten Lucht