Es ist keine Wanderung, aber doch mehr als ein Spaziergang. Vom zentralen Dorfplatz, umgeben von Kirche, Rathaus und dem Bohlinger Turm, führt der Weg entlang der Mooser Straße, danach weisen der Straßenname sowie Markierungen den Weg zum Galgenberg.

Es sind vielleicht zwei, drei Kilometer, aber die Steigung hat es in sich. Im Weinberg kann man ins Schnaufen kommen, doch oben angekommen, ist die Anstrengung schnell vergessen. Von der Blattform, die ihren allegorischen Namen der Architektur verdankt, bietet sich ein herrlicher Blick über das Dorf und vor allem über das Naturschutzgebiet der Aach bis nach Radolfzell und den Bodensee. Es ist die Idylle pur.

Blutige Geschichten

Und doch ist es ein Platz mit schauriger Geschichte, denn der Bohlinger Galgenberg hat seinen Namen nicht umsonst. Der Ortsteil von Singen war ab dem Jahr 1426 Ort der niederen Gerichtsbarkeit, bis 1820 befand sich hier anstelle des heutigen Aussichtsturmes der Galgen. Der Begriff der „niederen Gerichtsbarkeit“ täuscht über seine Bedeutung hinweg: Es ging nicht um Lappalien, es wurde am Galgenberg gehenkt, am Ort der Gerichtsbarkeit verbrannt oder in der Aach ertränkt und bei einer milden Strafe konnte der Verurteilte sich glücklich schätzen, wenn es beim Abschneiden der Ohren blieb.

Dieses Glück hatte der Dreibrodt zu Moos nicht. Die Geschichte seiner Hinrichtung, die auf einer Informationstafel beim Galgenberg erwähnt wird und die um das Jahr 1450 vollstreckt wurde, beginnt mit seiner Ergreifung nach einem Diebstahl. Die vermutlich sechs Männer, die das Hochgericht am „Burghalden“ in der Bohlinger Dorfmitte bildeten, dürften den Delinquenten gekannt haben, denn sie kamen von der Höri. Getagt wurde unter freiem Himmel, jeder konnte daran teilnehmen und der Prozess war in seinem Fall ungewöhnlich lang.

Vom Gericht direkt an den Galgen

Wie es in der historischen Aufbereitung des Gerichtsfalls heißt, war die Sonne bei der Urteilsverkündung bereits untergegangen, doch das bewirkte für den Dreibrodt keinen Aufschub. Nach dem Urteil hatte der Mann wohl ziemlich genau den Weg wie der heutige Spaziergänger anzutreten.

Der Hohgarten in Singen, umgeben von Stadthalle (links), Hotel (rechts) und dem Rathaus, war ab dem 16. Jahrhundert ebenfalls ein Ort der niederen Gerichtsbarkeit. Das Dorfgericht vor der Kulisse des Hohentwiels tagte unter einer Linde, der heutige Name Hohgarten leitet sich von "Heimgarten" ab. <em>Bild: Sabine Tesche </em>
Der Hohgarten in Singen, umgeben von Stadthalle (links), Hotel (rechts) und dem Rathaus, war ab dem 16. Jahrhundert ebenfalls ein Ort der niederen Gerichtsbarkeit. Das Dorfgericht vor der Kulisse des Hohentwiels tagte unter einer Linde, der heutige Name Hohgarten leitet sich von "Heimgarten" ab. | Bild: Sabine Tesche

Oben auf dem Berg, kurz bevor ihn der Tod durch den Strick erwartete, hielt man inne und vom Tal herauf mahnte eine Glocke zum Gebet. Auf der Leiter stehend soll der Todgeweihte laut „den englischen Gruß“ gebetet haben. Es ist die Umschreibung für die biblische Szene, in der Maria durch den Engel Gabriel auf die Geburt des Gottessohnes vorbereitet wird. Der Passus endet mit dem allbekannten „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes“.

Dann verstummte die Glocke und der Dreibrodt wurde gehängt. Gut möglich, dass er danach zwecks Abschreckung und weithin sichtbare Mahnung noch längere Zeit am Galgen hing. Inwiefern das Wirkung zeigte, sei angesichts der Zahl der „Fälle niederer Gerichtsbarkeit“ dahingestellt. In der Phase der Herren von Salmansweiler (1456 bis 1469) beispielsweise wurden allein in einem Jahr 15 Hochgerichtssitzungen anberaumt.

Willkürliche Urteile

Wie wenig dabei nach heutigen Maßgaben Straftat und Urteil korrespondierten, zeigen andere Urteile. Die Exekution des Dreibrodts wegen eines Diebstahls jedenfalls steht in krasser Unverhältnismäßigkeit zum Vergleich mit einem Paar namens Culman und Thias Juda (ebenfalls zur Zeit der Salmansweiler). Sie hatten „den Orsinger von Moos erstochen“, doch irgendwie verstanden sie es, sich mit den Salmansweilern zu „betragen“. Was immer das auch heißen mochte, am Strick endeten sie nicht.

Auch während der Herrschaft der Grafen zu Sulz (1469 bis 1497) finden sich Urteile, die nach heutigen Maßstäben willkürlich erscheinen. Ein gewisser Stoffel Zaltenbach soll demnach in Iznang einen Mann erstochen haben, doch er hat sich mit dem Grafen „darum betragen“ und kam mit einer Buße von 100 Gulden davon. Ein Jakob Trutwin wiederum musste sich wegen eines „malefiz Handel zu Bankholzen“ vor dem Hochgericht verantworten, das in diesem Fall keine Gnade kannte: Der Angeklagte wurde verbrannt.

Als Fabel für einen historischen Roman aus dieser Zeit könnte das Schicksal eines Müllers der Bohlinger Mühle dienen. Er hatte Korn gestohlen und wurde in den Turm geworfen. Ihm gelang die Flucht, er wurde aber ergriffen und wieder nach Bohlingen gebracht. Dann tagte das Hochgericht und der Müller ging den Weg des Dreibrodts...

Gnadensee und Galgenäcker

Bohlingen allerdings war mitnichten eine Ausnahme beim Rechtsverständnis einer heute düster erscheinenden Vergangenheit. Auch andernorts ist in Ortsbezeichnungen konserviert, was Menschen den Menschen so alles antun können. So haben der Reichenauer Gnadensee und die Galgenäcker bei Allensbach ihre Namen nicht von ungefähr.

Der Legende zufolge wurden Verurteilte vom Hochgericht auf der Reichenau über den See zu den Galgenäckern zwecks Exekution gerudert, doch läuteten während der Überfahrt die Reichenauer Glocken, dann bedeutete dies die Begnadigung der Todgeweihten. Nicht rationales Bedenken brachte dabei die Glocken in Schwingung – es waren Zufall und Willkür.

Stadtarchive sind Schatztruhen mit spannenden Hintergründen für ein besseres Verständnis von Geschichte

Britta Panzer, Stadtarchivarin SingenBild: Torsten Lucht
Britta Panzer, Stadtarchivarin Singen. | Bild: Lucht, Torsten

Britta Panzer, Stadtarchivarin von Singen, lieferte das Rohmaterial für die Geschichte um den Bohlinger Galgenberg. Für sie ist die Archivarbeit kein Selbstzweck

Frau Panzer, die Geschichte Singens und seiner Ortsteile birgt viele Schätze. Sie als Stadtarchivarin haben den Überblick über die Dokumente. Welche sind für Sie von ganz besonderem Wert?

Bei der Fülle und Heterogenität der im Stadtarchiv überlieferten Unterlagen fällt es mir natürlich schwer, mein persönliches „Highlight“ zu benennen. Zumal die Quellen ja auch immer offen sind für ganz unterschiedliche Fragestellungen: so kann eine Verwaltungsakte aus dem 19. Jahrhundert über den Ausbau der Kanalisation für den einen schlicht und einfach langweilig sein – wer sich aber mit dem Thema Umweltschutz in dieser Zeit beschäftigt, wird in dieser Akte sicher fündig werden. Natürlich gibt es aber Bestände, auf die ich immer wieder gerne zurückgreife, so zum Beispiel der Nachlass der Singener Fotografenfamilie Ott-Albrecht. Da gibt es ganz fantastische Fotos aus den frühen 1920er- Jahren.

Wie groß ist das Interesse an den Dokumenten? Und ließe sich das nicht noch weit mehr nutzen, indem das Archiv in einem höheren Maß zugänglich gemacht würde?

Das Stadtarchiv versteht sich als Dienstleister für die Verwaltung und die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Singen. Wir betreiben ja den Erhalt archivwürdiger Unterlagen und Objekte nicht zum Selbstzweck, sondern wollen, dass Benutzerinnen und Benutzer zu uns kommen und in den Quellen forschen. Dabei sind die Interessen ganz unterschiedlich: ob es um die Familienforschung geht, ob jemand sich einfach für die Baugeschichte des Hauses interessiert, in dem er lebt oder ob man – so wie Sie – einer bestimmten Geschichte auf die Spur kommen will – all diese Fragen können mit Hilfe unserer Bestände beantwortet werden.

Die Dokumente haben ihren eigenen Reiz, doch dahinter stehen nicht selten spannende Geschichten – zum Beispiel die vom Galgenberg. Werden aus Ihrer Sicht die Potenziale zum Beispiel für den touristischen oder aber auch den schulischen Bereich hinreichend genutzt?

Gerade die Zusammenarbeit mit den Schulen halte ich definitiv für ausbaufähig, aber hier begeben wir uns mit dem archivpädagogischen Angebot ja auf den Weg. Im Singen Jahrbuch gibt es übrigens seit zwei Jahren die Rubrik „Junges Singen“, in der junge Autorinnen und Autoren ihre ganz persönliche Sicht auf unsere Stadt schildern – auch das ist ein Weg, um jüngere Benutzergruppen für das Archiv zu begeistern. Es wäre sicherlich schön, wenn der Besuch in einem Archiv auf dem Lehrplan in Geschichte stünde, denn die meisten Schülerinnen und Schüler, die zu uns kommen, sind immer ganz begeistert von unseren Schätzen. Im touristischen Bereich kann man natürlich heute mit den Möglichkeiten der Digitalisierung und des Internets ganz neue Wege beschreiten, ich denke da beispielsweise an einen virtuellen Geschichtspfad.

Eine Frage zu Ihrem Arbeitsalltag: Archivieren heißt ja nicht nur, dass alles gesammelt wird, was auf den Tisch kommt. Sie müssen auswählen: Was kann in den Reißwolf, was bleibt im Bestand?

Eine archivarische Faustregel lautet: Höchstens fünf Prozent der angebotenen Unterlagen sind archivwürdig, der Rest kann nach Ablauf der gesetzlichen Aufbewahrungsfristen vernichtet werden. Das klingt zunächst einmal erschreckend wenig. Wenn Sie sich aber vor Augen führen, dass viele Unterlagen aus Rundschreiben, Kopien, Rechnungsunterlagen oder Materialsammlungen bestehen, dann ist das schon gar nicht mehr so schlimm. Wir als Archive wollen ja eine qualitative Überlieferung schaffen. Das bedeutet, dass mit möglichst wenigen, aussagekräftigen Unterlagen eine möglichst gute Dokumentation der Singener Stadtgeschichte möglich ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

Fragen: Torsten Lucht