Ein Blick in die Runde zeigt: Diese Leute warten schon länger. Still, geduldig, neugierig. Bereits über eine Stunde vor Beginn der Lesung mit Bernhard Jaumann sei kein Stuhl mehr frei gewesen, wird berichtet. "Wir mussten viele Besucher wegschicken", bestätigt die MAC-Hausherrin, Gabriela Unbehauen-Maier. "Wir sind total überrannt worden."

Erwartungsfrohe Literaturfreunde

Eine Woche der "Erzählzeit ohne Grenzen" ist verstrichen, doch die Literaturfreunde sind noch nicht satt. Diesmal wollen sie ungeheuerliche Geschichte von der Suche nach einem weltberühmten Kunstwerk hören. Der Veranstaltungsort könnte nicht besser gewählt sein. Es geht nämlich um das am Ende des Zweiten Weltkriegs verschwundene Gemälde von Franz Marc "Der Turm der blauen Pferde".

"Einer der mysteriösesten Fälle der Kunstgeschichte"

Erst im Februar ist der neue Kriminalroman des gebürtigen Augsburgers bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Das Besondere: Die Handlung beruht auf realen Ereignissen. "Es ist einer der mysteriösesten Fälle der Kunstgeschichte", sagt Monika Bieg.

Die Leiterin der Singener Stadtbibliotheken stellt nicht nur den vielfach ausgezeichneten Schriftsteller vor, sondern führt auch gleich in die Thematik ein. Ein ganzer Eisenbahnzug voller Raubkunst, die die Nationalsozialisten gewinnbringend ins Ausland verkaufen wollten, stand verlassen in einem Tunnel bei Berchtesgaden.

Zwei 14-jährige Jungen, Xaver und Ludwig, entdecken den Zug mit der Kunst, geraten in einen Streit, bei dem Xaver getötet wird. Ludwig entdeckt das Marc-Gemälde mit den blauen Pferden. Danach verliert sich die Spur.

Nach 70 Jahren taucht das Gemälde unvermittelt auf

Jaumann springt in die Gegenwart. Plötzlich taucht das über 70 Jahre verschollene Gemälde wieder auf. Ein reicher Schraubenproduzent kauft es für drei Millionen Euro von einem dubiosen Anbieter. Doch dann schaltet er eine Münchener Kunstdetektei ein, die die Herkunft aufklären soll.

Um seinen Zuhörern eine Vorstellung von dem bis heute verschwundenen Bild zu vermitteln, hat Bernhard Jaumann ein Foto an die Wand projiziert. Stück für Stück analysiert er ruhig das Kunstwerk.

"Ich will die altmodische Gattung der Bildbetrachtung wiederbeleben", sagt er. Da spricht der Gymnasiallehrer. Akribisch habe er Fakten gesammelt. Erfindung und Wahrheit wechseln sich ab. Die Story nimmt Fahrt auf. Die Zuhörer sind neugierig geworden. Doch das Ende müssen sie dann doch selber lesen.