Gegen Ende der Gesprächsrunde wird deutlich, unter welchem Druck die Beteiligten stehen. Gerade hat Bernhard Grunewald vom Integrationsverein InSi zum wiederholten Mal darauf beharrt, dass man Vermieter, die es ablehnen, benachteiligte Menschen bei sich aufzunehmen, nach ihrer Absage immer wieder gezielt ansprechen müsse.

Aus der lautstarken Reaktion von Bernd Häusler ist Frustration herauszuhören: "Glauben Sie denn, dass wir das nicht tun?", gibt der Oberbürgermeister zurück. Er sei in ständigem Austausch mit Wohnungseigentümern. "Es macht mir auch nichts aus, nach Konstanz zu fahren, wenn ein potenzieller Vermieter dort wohnt."

Mittlerweile hätten Vermieter die Möglichkeit, in Frage kommende Mieter im Vorfeld kennenzulernen und zunächst nur ein Jahr auf Probe bei sich wohnen zu lassen, zählt der Oberbürgermeister einige der Zugeständnisse auf, die die Stadt möglichen Wohnungsgebern macht. Man spürt: Er will sich nicht vorwerfen lassen, zu wenig gegen die Probleme auf dem Wohnungsmarkt zu tun. "In den vergangenen fünf Jahren haben wir 24 Wohnungen akquiriert und 109 Menschen untergebracht - das sind nicht nur Asylsuchende, sondern die unterschiedlichsten Menschen, die auf dem Wohnungsmarkt benachteiligt sind", betont Häusler.  Zudem seien zwischen 2014 und 2018 1000 neue Wohneinheiten in der Stadt genehmigt worden. "Wir tun etwas!"

Schwächergestellte vor verschlossenen Türen

Grundsätzlich sind sich die Beteiligten im InSi-Konferenzraum im Alten Zollgebäude auch einig darüber, wo die Ursache für den Mangel an bezahlbaren Wohnungen zu suchen ist. "Bund und Länder haben den sozialen Wohnungsbau jahrzehntelang nicht gefördert", sagt Wolfgang Heintschel, Vorstandsmitglied der Caritas Singen-Hegau. Welche Folgen das für ein Zuzugsgebiet wie Singen hat, erleben die Caritas-Mitarbeiter in ihren Beratungsgesprächen. "Das Thema Wohnen wird von unseren Klienten immer als erstes angesprochen", berichtet Heintschel.

Die Situation sei so dramatisch, dass die Caritas sich gezwungen fühlt, selbst als Wohnungsgeber aufzutreten. "Auch wenn die Doppelrolle als Vermieter und Betreuer sicher nicht optimal ist, stellen wir mittlerweile Wohnraum für 20 Menschen zur Verfügung." Einer der Gründe für diesen ungewöhnlichen Schritt: "Gerade Menschen mit einer Behinderung stehen in Singen oft vor verschlossenen Türen."

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Eine Quote für Benachteiligte?

Sie sind nicht alleine. Auch für Obdachlose sei es extrem schwierig, eine Wohnung zu finden, weiß die Leiterin der Wohnungslosenhilfe im Landkreis Konstanz, Susanne Graf. "Wenn überhaupt, dann sind diese Wohnungen in einem unzumutbaren Zustand." Ihre Forderung: "Dieses Thema können wir nicht dem freien Markt überlassen – wir brauchen eine Quote für Benachteiligte."

Benachteiligt sind aus Sicht des InSi-Vorsitzenden Manfred Hensler auch die etwas mehr als 1000 Flüchtlinge, die derzeit in Singen leben. "Gerade wir Ehrenamtlichen, die wir direkt an der Ausbildungsplatz-, Arbeitsplatz- und Wohnungssuche-Front arbeiten, wissen, wie schnell Neiddiskussionen entstehen, die in eine aggressive Stimmung umschlagen." Zu einer gelungenen Integration gehöre aber zwingend eine ausreichende Wohnsituation.

Singen liegt vorne

Mut macht ihm, dass InSi-Mitglied Martina Kiehm in den vergangenen Jahren in unermüdlichem Einsatz Dutzende von Wohnungen für Flüchtlinge gefunden habe. "Auch dank ihr und ihrer Mitarbeiter liegt Singen heute mit 431 privaten Anschlussunterbringungen für Flüchtlinge deutlich an der Spitze aller Städte im Landkreis", berichtet Hensler.

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Nicht nur in diesem Bereich liegt die Hegaumetropole vorne. "In Singen leben 1200 erwerbsfähige Hartz-IV-Empfänger – genauso viele, wie in Konstanz", führt Bernd Häusler aus. Die Zahl der Kinder von Hartz-IV-Empfängern sei in Singen sogar höher.

Um bezahlbaren Wohnraum für sozial Schwächergestellte zu finden, kontaktiere die Stadt Privatpersonen und Institutionen. Zudem kaufe man selbst Grundstücke und Wohnungen auf. Derzeit sei ein Architekt damit beauftragt, einen Geschosswohnungsbau mit 20 bis 40 Einheiten zu konzipieren, in dem Benachteiligte Platz finden. Da aber auch dieses Projekt nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sei, betonen die Teilnehmer der Gesprächsrunde, dass es wichtig sei, eng miteinander in Kontakt zu bleiben. Denn dass der Wohnungsnot nur mit Beharrlichkeit beizukommen ist, darin sind sie sich alle einig.