Der erste Blick ins Pflegeportal im Internet, in dem die Einrichtungen in Singen und Umgebung aufgeführt sind, sorgt erst mal für Beruhigung. "Ihre Suche nach 'Pflegeheime in Singen (Hohentwiel)' ergab 46 Treffer", heißt es dort, bevor die einzelnen Häuser mit Foto, Träger und Adresse aufgeführt werden. 46 Häuser, in denen zum Teil 80 pflegebedürftige Menschen leben können. Das hört sich gar nicht so schlecht an, wie die Lage von Angehörigen und Heimleitern beschrieben wird.

Doch bei näherer Betrachtung wird schnell klar, dass die weitere Umgebung mitgezählt wurde. Pflegeheime in Bad Dürrheim, Sipplingen oder Konstanz werden zu Singen gezählt. Doch nicht alle Angehörigen wollen weite Wege zurücklegen, um ihre Lieben zu sehen. So reduziert sich die Zahl der Heime, die tatsächlich in Singen pflegebedürftige Menschen betreuen können, schon auf den zweiten Blick.

Vollständig ernüchtert wird, wer einen lieben Menschen relativ kurzfristig in einer Pflegeeinrichtung unterbringen muss. "Allein heute hatte ich sechs Anfragen", sagt Dominik Eisermann. Er leitet das Emil-Sräga-Haus mit 70 Pflegeplätzen im Singener Süden. "Für morgen sind wieder fünf Gespräche eingeplant. Das Schlimme ist: Ich kann nur Absagen erteilen."

Zusammen mit Matthias Frank, dem Leiter des Singener Michael-Herler-Heimes, hatte Eisermann bereits zu Beginn des Jahres die sich zuspitzende Lage an der Pflegefront geschildert. Weinende Angehörige, die an der heimischen Pflegesituation zerbrechen, verzweifelte Frauen und Männer, die selbst zu gebrechlich für die Pflege ihrer Ehepartner geworden sind, sitzen immer öfter am anderen Ende der Telefonleitung. Ständig Absagen erteilen zu müssen, ist auch für die Leiter der Häuser zermürbend.

Aufs Jammern wolle sich Matthias Frank aber nicht beschränken, hatte er gesagt und gefordert, dem Thema Pflege eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung beizumessen. Spätestens seit der 36-jährige Pfleger Ferdi Cebi Bundeskanzlerin Angela Merkel im Wahlkampf auf den Pflegenotstand in deutschen Krankenhäusern und Pflegeheimen aufmerksam gemacht hat, ist das Thema mehr ins Bewusstsein der Menschen gerückt. 11 000 neue Pflegekräfte sollen ab Januar 2019 zur Verfügung stehen. Nur die Fachkräfte an der Basis können das nicht glauben.

Dominik Eisermann fragt: "Woher sollen die kommen?" Der Arbeitsmarkt sei leergefegt. Um die Lage in den Heimen und den ambulanten Pflegediensten zu entschärfen, müssten fünfmal so viele Pflegekräfte kommen. Frühestens im Januar 2019 können die Betreiber der Pflegeeinrichtungen die Mittel beantragen. Inzwischen wird die Lage immer ernster. "Wir waren im Emil-Sräga-Haus kurz davor, Pflegeplätze nicht mehr zu belegen, weil uns wegen mehrerer Schwangerschaften Stammkräfte fehlten", schildert der Heimleiter die Lage. In letzter Minute habe er doch noch eine Lösung gefunden, ohne wie ein Kollege auf die Philippinen zu fliegen, um dort Personal zu rekrutieren.

Auch im Singener Krankenhaus arbeiten mittlerweile Pflegekräfte aus Süditalien, die eigens dafür angeworben wurden. Schon Matthias Frank hatte geschildert, dass die Menschen nur ein Teil des Pflegproblems seien, das andere Problem ist nach wie vor der fehlende bezahlbare Wohnraum. Und dann sei da noch das Einwanderungsgesetz, das schleunigst geändert werden müsse.

Das Emil-Sräga-Haus könnte Pflegekräfte aus Kroatien, Serbien oder dem Kosovo beschäftigen, die schon probegearbeitet haben und gut Deutsch sprechen. "Aber die bekommen keine Genehmigung von der deutschen Botschaft in ihren Ländern", klagt Eisermann. Er hält die gesamte politische Debatte für Augenwischerei. In Singen fühlt er sich jedenfalls von der Politik im Stich gelassen.

"Vor eineinhalb Jahren hat die Bürgermeisterin Ute Seifried einen runden Tisch zur Pflege einberufen", sagt er. "Mehr gab es bisher nicht." Unterdessen wanderten pflegebedürftige Singener nach Tuttlingen oder Rottweil ab, weil es dort noch Plätze gebe. Im Prinzip müssten die Pflegeheimplätze in Singen für die Singener ausreichen. Weil aber Heime im Umland (Tengen-Blumenfeld und Gailingen) infolge der 2019 in Kraft tretenden Landesheimbauverordnung geschlossen werden mussten, kommen diese Menschen in die Singener Heime.

Auch bei den ambulanten Pflegediensten ist die Situation nicht anders. Das bestätigt die Leiterin der Singener Sozialstation St. Elisabeth, Ulrike Jänicke. "Wir mussten die Reißleine ziehen", sagt sie. "Weil uns die Pflegekräfte fehlen, können wir nicht mehr so viele Patienten betreuen." Früher habe der Verein, der heute zur Caritas gehört, 290 Patienten ambulant gepflegt, heute sind es noch 250.

"Wir haben überhaupt keine Bewerber mehr, obwohl wir uns an den Schulen bekannt machen, Sozialpraktika und Ferienjobs anbieten", sagt Ulrike Jänicke. 21 Pflegekräfte arbeiten zumeist in Teilzeit im Schichtbetrieb. "Wir haben angefangen, selber auszubilden." Und was geschieht, wenn eine Familie in eine akute Notlage gerät? – "Dann versuchen wir, die Familie in der häuslichen Pflege zu unterstützen", erklärt Ulrike Jänicke. "Dann kommen wir vielleicht nicht jeden Tag oder nicht zweimal am Tag. Wir suchen dann nach Kompromissen", so die Leiterin der Sozialstation.

Großer Bedarf an Beratungen

  • Der Mangel: Es fehlt in Singen an Pflegeplätzen und Fachkräften. Dies stellt auch Gabriele Glocker vom Singener Seniorenbüro fest. Außerdem gebe es zu wenige für das Pflegepersonal bezahlbare Wohnungen. Viele Senioren aus Konstanz und Radolfzell drängten nach Singen, da in diesen Städten der Mangel an Pflegeplätzen eklatant sei. Etwas Entspannung wird durch etwa 400 neu entstehenden Pflegeplätze in Stockach, Aach, Engen, Tengen und Steißlingen erhofft.
  • Großer Beratungsbedarf: "Bei der Pflege von Familienmitgliedern herrscht großer Beratungsbedarf", berichtet Gabriele Glocker. Es gehe dabei um vielfältige Themen, wie Anspruch auf Leistungen, Einstufung in Pflegegrade, Ausfüllen von Anträgen und vieles mehr. Das Seniorenbüro helfe unterstützend und bewerte jeden Fall ganzhaft und voll umfänglich. Bei angebotenen Hausbesuchen gelte es auch, die Situationen vor Ort zu begutachten. Dadurch soll ausgelotet werden, inwieweit häusliche Pflege möglich ist oder welche baulichen Maßnahmen oder Hilfsmittel dies gewährleisten können. Das Seniorenbüro ist laut Gabriele Glocker stark vernetzt mit anderen Einrichtungen im Pflegebereich. Immer wichtiger sei das Thema Demenz, da die bei älteren Menschen stark zunehme. (bit)