Irgendetwas ist anders im Behindertensport. „Wir sind wie eine große Familie“, hatte der Behindertenbeauftragte des Landkreises Konstanz, Oswald Ammon, gesagt. Ammon ist selber nach einem Schlaganfall körperlich beeinträchtigt. Doch als begeisterter Sportler ließ er sich nicht unterkriegen und beteiligte sich erfolgreich als Kugelstoßer und Diskuswerfer an zahlreichen Para-Leichtathletik-Meisterschaften. Als ehemaliger Gymnasiallehrer hat er auch den Draht zu jungen Menschen nicht verloren. Und so wurde er zum Mentor für zwei Singener Nachwuchstalente. Robin Weiler (17) und Yannis Fischer (17) hatten den Kontakt zu Oswald Ammon gesucht und sich für seinen Sport interessiert. Die beiden Kleinwüchsigen wollten mehr erfahren über die Kugel und den Diskus.

Vor einem Jahr hat Yannis Fischer mit dem Kugelstoßen begonnen und sehr schnell Talent entwickelt. Mittlerweile hat er eine eigene Kugel, die er auch für Wettkämpfe einsetzen darf. „Ein teures Stück“, wie er sagt. Selbstverständlich wird sie vor jedem Wettkampf geeicht. Vier Kilogramm wiegt das gute Stück, das der junge Sportler fast andächtig aus seinem großen Rucksack hebt. Golden glänzt die Kugel in der Sonne, wenn Yannis sie nach einer fast tänzerischen Fünfviertel-Drehung kunstvoll über die Schulter stößt. Stolz verweist er auf die Gebrauchsspuren. Haben sich da etwa schon Fingerabdrücke in das Metall eingegraben? 8,46 Meter war sein bisher weitester Stoß. Sein Freund Robin Weiler ist noch auf der Suche nach dem richtigen Sportgerät. „Ich kratze noch an der Siebener-Marke herum“, sagt er und sieht für sich mehr Erfolg im Diskuswurf.

Robin Weiler (links) und Yannis Fischer sind nicht nur Sportsfreunde, sondern auch schon Weltmeister. In Kanada holten sie 2018 in der deutschen Nationalmannschaft den Titel bei der Fußballweltmeisterschaft für Kleinwüchsige. Jetzt treten sie in neuen Disziplinen bei der Meisterschaft in Singen an.
Robin Weiler (links) und Yannis Fischer sind nicht nur Sportsfreunde, sondern auch schon Weltmeister. In Kanada holten sie 2018 in der deutschen Nationalmannschaft den Titel bei der Fußballweltmeisterschaft für Kleinwüchsige. Jetzt treten sie in neuen Disziplinen bei der Meisterschaft in Singen an. | Bild: Tesche, Sabine

Kann der Erfolg des anderen Freundschaften zerstören? – „Nein, auf keinen Fall“, sind sich Yannis und Robin einig. Dazu verbindet sie viel zu viel: Beide besuchen in Singen das Technische Gymnasium; beide begeistern sich für Musik; und beide sind leidenschaftliche Sportler. Als Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft der Kleinwüchsigen holten sie im Februar 2018 den Weltmeistertitel in Kanada. Robin Weiler ist außerdem noch als Fußballtrainer aktiv. „Sport ist mein Leben“, sagt er, „neben Schlagzeug und ‚nem bissel Schule.“ Claudia Weiler, die ihren Sohn zum Training ins Münchriedstadion begleitet hat, lacht. „Die Jungs haben wahnsinnig viele Talente“, sagt sie und freut sich über die dicke Freundschaft.

Wie Merle Menje zum Sport kam

Es stimmt also, was Oswald Ammon gesagt hat, dass unter den Sportlern kein Neid entsteht, wenn der andere besser ist. Das bestätigt auch Merle Menje. Die 14-Jährige sitzt in der Hocke in ihrem Rennrollstuhl. 2011 hat die seit ihrer Geburt Teil-Querschnittgelähmte den Athleten der Deutschen Para-Meisterschaften im Singener Stadion zugeschaut. „Eine Trainerin fragte mich, ob ich einen Rennrollstuhl ausprobieren wollte“, erzählt sie strahlend. Da war das Feuer entflammt. Erst im Mai räumte sie bei den Süddeutschen Meisterschaften viermal Gold ab auf 100, 200, 400 und 800 Metern Distanz. Ihre Lieblingsdisziplin ist jedoch die Langstrecke mit 1500 Metern.

Die besten Fans sind die stolzen Eltern (von links): Claudia Weiler, Sibylle und Ewald Fischer sowie Sandra Menje und Reinhold Betz. Sie haben die jungen Athleten nach besten Kräften gefördert. Bild: Sabine Tesche
Die besten Fans sind die stolzen Eltern (von links): Claudia Weiler, Sibylle und Ewald Fischer sowie Sandra Menje und Reinhold Betz. Sie haben die jungen Athleten nach besten Kräften gefördert. | Bild: Tesche, Sabine

Solche Ergebnisse fliegen niemandem zu. „Merle fährt an einem Trainingstag bis zu zehn Kilometer“, berichtet ihre Mutter, Sandra Menje. Dazu kommen Spezialtrainings, zum Beispiel in Köln oder Berlin, zu denen die Familie mitfährt. „Zwischen 5000 und 8000 Euro kann so ein Rennrollstuhl schnell kosten“, sagt Merles Vater Reinhold Betz. Es gibt die Möglichkeit zu knien oder zu sitzen. Merle kniet im Rollstuhl. Mit verstärkten Handschuhen bringt sie die Räder in Schwung. Ein kleineres Rad vorne ist mit der Lenkung verbunden. Wenn Merle auf der blauen Tartanbahn im Münchriedstadion Fahrt aufnimmt, blitzen die silbernen Speichen in der Sonne. Da ist das fröhlich lachende Mädchen mit ihrem zierlichen Gerät fest verbunden und scheint über das Sportgelände zu schweben.

Am Rand stehen die stolzen Eltern und feuern ihre Kinder an. Der Sport hat sie in mehrerlei Hinsicht zu Siegern gemacht, ganz egal ob mit oder ohne Medaillen.