Die Erderwärmung hat sich über Jahrhunderte langsam entwickelt. Doch erst in den vergangenen 150 bis 200 Jahren waren die Treibhausgase, verursacht durch den Menschen, dafür mitverantwortlich, wie die Zuhörer beim Vortrag von Professor Rüdiger Glaser erfuhren. "Klimageschichte in Mitteleuropa" – so lautete sein Thema, über das er auf Einladung der VHS im Studio des Kulturzentrums Gems sprach.

Professor Rüdiger Glaser sprach über die Klimageschichte in Mitteleuropa.
Professor Rüdiger Glaser sprach über die Klimageschichte in Mitteleuropa. | Bild: Susanne Gehrmann-Röhm

Wer die vergangenen 50 Jahre erlebt hat, weiß es eigentlich selbst: Die Veränderung des Klimas geht zwar schleichend voran, aber sie ist immer deutlicher spürbar, vor allem wenn man an den Sommer 2018 denkt. "In den 1960er Jahren konnte ich in meiner Heimatstadt Ettlingen noch Schlitten fahren", erinnert sich Rüdiger Glaser. Heute müssten die Tourismusbetriebe im Schwarzwald überlegen, ob sie überhaupt noch in Schneekanonen oder neue Lifte investieren oder lieber in den Sommertourismus.

Halb so viel Eis, doppelt so viel Niederschlag

Die Zahl der Eistage mit Temperaturen von unter null Grad werde sich bis zum Jahr 2050 halbieren, die Zahl der heißen Tage mit Werten von über 30 Grad dagegen verdoppeln. Auch würden die Winterniederschläge deutlich zunehmen und gleichzeitig die Sommerniederschläge abnehmen. Bereits nach dem heißen Sommer 2003, in dem viele ältere Menschen gestorben sind, habe der Deutsche Wetterdienst reagiert und ein Hitzewarnsystem auf den Weg gebracht.

Hitzejahre habe es auch früher immer mal wieder gegeben. Wie zum Beispiel das Jahr 1949. Danach habe es erste Überlegungen gegeben, eine Bodenseewasserversorgung auf den Weg zu bringen. Auch Klimaflüchtlinge habe es schon in früheren Jahrhunderten gegeben. 1815 sei so ein Hungerjahr mit kaltem Sommer gewesen. Viele Menschen seien damals ausgewandert. Übrigens auch die Vorfahren von Donald Trump, die bekanntlich in der Pfalz zuhause waren.

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Mit dem Beginn der amtlichen Klimamessungen in Mitteleuropa ab 1881 habe man Daten, auf die man heute zurückgreifen kann. Doch auch schon davor findet man Zahlen in Wettertagebüchern. Tatsache ist, dass es in den vergangenen 150 Jahren wegen des durch Menschen verursachten Anstiegs der Treibhausgase zu besonders starken Temperaturzunahmen kommt. Besonders ab 1970 kann man einen exponentiellen Anstieg der Temperatur feststellen, zeigte Glaser auf. Jährliche Schwankungen gebe es immer, doch diese befinden sich nun auf einem höheren Niveau. Zwischen den Jahren 1881 und 2013 lag die Erwärmung im Südwesten bei 1,2 Grad, während es im Durchschnitt nur 0,8 Grad seien.

Gute Bedingungen für Schnaken und Algen

Auch beim phänologischen Kalender, in dem Aussagen über die Dauer von Wintern, Sommern oder die Zeit der Apfelblüte getroffen werden, könne man Veränderungen feststellen. Zwischen 1961 und 1990 war die Winterzeit 120 Tage lang, danach bis 2015 nur noch 105 Tage. "Es gibt bei uns im Südwesten inzwischen mediterrane Arten wie den Bienenfresser, der sich bei uns wohlfühlt", so Glaser. Schnaken hätten in feucht-warmen Sommern mehr Vermehrungszyklen. Bei zunehmend heißen Sommern könne die Algenblüte in Badeseen zum Problem werden.

Der Temperaturanstieg habe jedoch auch Gewinner, wie im vergangenen Jahr die Wein- oder Obstbauern. Im Hinblick auf die Veränderungen müsse man Chancen erkennen und nutzen. In Wäldern müsse man auf Artenreichtum setzen und nicht auf Monokulturen. Tief wurzelnde Arten seien für zunehmende Unwetterereignisse besser gerüstet als Flachwurzler. Glaser erwähnte auch die Plattform www.tambora.org, eine kollaborative Forschungsumgebung für Klima- und Umweltgeschichte. Sie ist offen für jeden, der Interesse hat, Informationen zu Wetter, Klima, geophysikalischen, astronomischen oder anderen Umweltereignissen der Vergangenheit aus Chroniken, Hochwassermarken oder Schiffstagebüchern zu rekonstruieren.