Singen Autor Michail Schischkin sorgt bei der Erzählzeit ohne Grenzen für einen spannenden Abend

Ungewöhnlicher Literaturabend an ungewöhnlichem Lese-Ort: Michail Schischkin liest im Singener Amtsgericht aus seinem ersten Roman – und hat auch sonst viel zu sagen.

Im Amtsgericht ist abends nichts los. Anders am Dienstag. Drangvolle Enge herrscht bei der Lesung von Michail Schischkin im Rahmen der Erzählzeit ohne Grenzen. Rund 70 Zuhörer zieht der aus Russland stammende Autor mit seinem Roman "Die Eroberung des Ismail" in seinen Bann.

Schon vor fast 20 Jahren ist das Buch von Michail Schischkin auf Russisch erschienen, doch erst 2017 wurde es auf Deutsch veröffentlicht. "Mit dem Übersetzer Andreas Tretner habe ich wohl einen Treffer im Lotto gewonnen", sagt Schischkin, geboren 1961 in Moskau. Schließlich sei das mit dem Übersetzen von Büchern so eine Sache, bei der es darum geht, zu retten, was zu retten ist.

Oliver Thiele, Leiter der Stadtbibliothek Schaffhausen, stellt Schischkins Erstling als "berauschendes Werk" vor, "eine Symphonie, die sich über viele verschiedene Zeitepochen spannt". Und es sei auch ein Gerichtsroman. Somit lag der Leseort auf der Hand. Für einen Eindruck vom Original liest Schischkin ein paar Sätze auf Russisch. Im Gespräch mit Oliver Thiele erzählt er, warum er einmal gesagt habe, Schreiben sei ein Kampf gegen die Wörter. "Als ich mit 16 meine erste Liebeserklärung machen wollte, habe ich plötzlich realisiert, dass es keine Worte dafür gab, was ich empfand", so Schischkin. Also habe er tote Wörter auferstehen lassen müssen, um über die Liebe zu sprechen.

Schischkin stellt Russland in seinem Roman quasi vor das Jüngste Gericht. Dabei war das Land einst stolz auf ihn. Alle drei renommierten russischen Literaturpreise hat er bekommen. Nicht er sei aus Russland emigriert, hat Schischkin immer betont, sonders Russland habe sich aus Europa herausemigriert, und zwar ins politisch unzivilisierte Mittelalter. Schischkin studierte Germanistik und Anglistik in Moskau, arbeitete als Journalist für die Jugendzeitschrift "Rowesnik" und unterrichtete Deutsch und Englisch an der "Schule Nummer 444" in Moskau. 1995 wanderte er in die Schweiz aus, nicht aus politischen Gründen, sondern weil er eine Schweizerin heiratete.

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