Er wusste sich zu verteidigen. Deshalb nahmen Adlige aus dem gesamten Umkreis beschwerliche Wege auf sich, um sich von ihm unterrichten zu lassen. "Der Fechtmeister selbst war nicht adlig, er war kein Ritter", erklärt Andreas Gäbler. "Sein Berufsstand galt sogar als unehrenhaft." Und doch hatten die Menschen im Mittelalter insgeheim Respekt vor ihm, denn niemand konnte besser mit dem Schwert umgehen als er. "Man hat die Fechtmeister an Höfen angestellt. Einige haben dort sogar Bücher verfasst, um sich und ihren Kampfstil für die Nachwelt festzuhalten."

Ein halbes Jahrtausend später hat Andreas Gäbler nicht nur viele dieser Werke studiert, er nimmt selbst die Rolle des Fechtmeisters ein. Zumindest leitet er die Übungseinheiten der mittelalterlichen Fechtgruppe Hohentwieler Klingenkunst. Eine Aufgabe, die er ernst nimmt. Der stämmige Mann mit der Brille ist nicht viel größer als 1,75 Meter. Aber seine aufrechte Haltung, der strenge Blick und vor allen Dingen das mehr als einen Meter lange Schwert, das er beidhändig umgreift, lassen keinen Zweifel daran, dass man sich mit ihm besser nicht anlegen sollte. Schwertkampf umfasst für Gäbler auch Charakterschule. "Mittlerweile lasse ich mich im Berufsleben nicht mehr einschüchtern. Ich bin keiner, der schnell den Schwanz einzieht." Er sagt das ohne zu lächeln – man glaubt ihm.

Video: Schottmüller, Daniel

Mit Kampfkunst setzt sich Gäbler seit mehr als drei Jahrzehnten auseinander. Bevor er beim mittelalterlichen Fechten landete, nahm er den Umweg über Asien, übte sich in Judo und philippinischem Stockkampf. 2005 vertiefte sich Gäbler dann erstmals in die Welt der Klingen. "Und seit 2009 betreibe ich das Ganze ernsthaft, als mittelalterlichen Kampfsport."

Er ist nicht alleine. Heute abend sind 16 Gleichgesinnte in die Uhlandhalle gekommen. Sie tragen rote Shirts, Sportschuhe und kurze Hosen. "Wir sind der einzige Verein im Umkreis", sagt Gäbler. Die Teilnehmer kämen teilweise sogar aus Ravensburg und Donaueschingen, um im Hegau zu trainieren.

Die Gruppe besteht zu gleichen Teilen aus Frauen und Männern.
Die Gruppe besteht zu gleichen Teilen aus Frauen und Männern. | Bild: Tesche, Sabine

Anders als vielleicht zu erwarten, halten sich Frauen und Männer die Waage. Die Meisten sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. Und obwohl einiger der männlichen Teilnehmer verwegene Bärte tragen: Wie Kampfmaschinen sehen sie nicht unbedingt aus. Man kann sich gut vorstellen, dass viele der Vereinsmitglieder über ein intellektuelles Interesse am Mittelalter den Weg zur Klingenkunst gefunden haben.

Kein "Klong-Klong"

Ähnlich beschreibt es auch Daniel Wikenhauser, der die Übungseinheit im Zusammenspiel mit Gäbler leitet: "Ein Teil der Geschichte wird hier wieder lebendig", meint der junge Mann mit den tätowierten Unterarmen. "Wenn man sich für Kampfsport und Geschichte interessiert, ist es eine wunderbare Verbindung." Wichtig ist Wikenhauser und Gäbler Authentizität. Ihr Training fußt auf den zum größten Teil in englischer Spache verfassten Überlieferungen der alten Fechtmeister. Mit dem was sie als „Klong-Klong“ bezeichnen – unkoordiniertes Schwerter-aneinander-Gehaue, wie man es manchmal auf Mittelaltermärkten sieht – wollen die Fechttrainer nichts zu tun haben. Ebenso wenig mit den spektakulären Choreografien aus Historien- und Fantasyfilmen."Bei uns geht es darum, den Gegner möglichst schnell kampfunfähig zu machen", fasst Gäbler die Vereinsphilosophie zusammen.

Das erfordert Disziplin. Denn auch, wenn sich die Schwerter – etwa 1,5 Kilo schwere Nachbauten von Turnierwaffen aus dem 15. Jahrhundert – beim Auftreffen verbiegen: Ungefährlich sind sie nicht. "Fußballer oder Handballer verletzen sich sicher häufiger", erklärt Gäbler. "Aber, wenn bei uns etwas passiert, dann ist es meistens richtig schlimm." Er habe bei einem Wettkampf sogar schon miterleben müssen, wie jemandem der Arm durchgestochen wurde. Der begründete Respekt vor Waffe und Partner wird wenige Minuten später augenscheinlich. Ähnlich wie im Judo beginnt die Trainingseinheit mit einem rituellen Angrüßen.

Die Schwertkämpfer beim Angrüßen.
Die Schwertkämpfer beim Angrüßen. | Bild: Tesche, Sabine

"Schön, dass ihr da seid", sagt Wikenhauser nach einer kurzen Verbeugung. Dann gibt er die Techniken vor. Ober-, Unter-, Mittel- und Dachhau: Alles wird in kurzen Sequenzen trainiert. Dabei bewegen sich die Teilnehmer aus schulterbreiter Position vorwärts – jeder in seinem Tempo. "Ein Hau ist eine Hackbewegung und ein darauffolgender Schnitt", erklärt Gäbler mit gedämpfter Stimme und wendet sich dann wieder seinen Schützlingen zu. Bis auf Wikenhausers Zählkommandos und dem ein oder anderen Scharren, wenn ein Schwert über den Hallenboden streift, hört man jetzt nur noch den Atem der Trainierenden.

Video: Schottmüller, Daniel

Bei den anschließenden Partnerformen lässt Gäbler die Gegenüber bewusst immer wieder rotieren: "Die Wechsel sind wichtig, um ein breites Spektrum möglicher Gegner kennenzulernen", betont er. Sein Ansatz geschichtsorientierter Selbstverteidigung scheint aufzugehen. Die Teilnehmer gehen respektvoll miteinander um - und sind mit viel Freude und Lerneifer dabei.

Video: Schottmüller, Daniel

Den Trainer wundert das nicht: "Historisches Fechten rückt immer weiter in die Mitte der Gesellschaft." Gäbler beobachtet nicht nur in Singen stetig steigende Mitgliederzahlen, auch weltweit sei der historische Schwertkampf auf dem Vormarsch. "In den USA und Australien zum Beispiel sprießen jeden Monat neue Fechtschulen aus dem Boden - in England ist es ähnlich." Warum das so ist? Der Fechttrainer glaubt, derzeit ein latentes Interesse an Geschichte wahrnehmen zu können. "Andere wiederum möchten vielleicht einfach nur lernen, sich auf eine neue und ungewöhnliche Weise zu bewegen", mutmaßt er. "Und: Die Symbolkraft des Schwerts ist nicht zu unterschätzen."