Polizei und Gestapo deportierten die Sinti-Familie Winter aus Singen im März 1943 nach Auschwitz-Birkenau. Später, einige Jahre nach dem Krieg, trat Anton Winter wieder als Musikant auf und spielte in den Wirtshäusern lustige Zigeunerlieder. Etwa 1956 reisten Radio-Redakteure an den Tannenberg zu Familie Winter und notierten, wie die "Zigeuner" am abendlichen Lagerfeuer "stundenlang mit leuchtenden und lebhaften Gesichtern wundervoll erzählen". Reporter Georg Basner sagte: "Ich werde die Juninacht zwischen dem Hohentwiel und dem Hohenkrähen nie vergessen und fast wäre ich in eine romantische Stimmung gekommen."

Die lachenden Gesichter der Familie Winter zeigten nach außen eine vordergründig glückliche Fassade, die mit jedem Jahr mehr zerbrach am Höllenfeuer der Erinnerung.

In Auschwitz-Birkenau arbeitete Anton Winter im Sonderkommando und schleppte die Körper der Ermordeten in die Öffnungen der Krematoriums-Öfen. Zuvor brachen die Männer auf Befehl die Goldzähne aus den Gebissen der Toten zur weiteren Verwertung.

Die Häftlingspersonalkarte von Luise Winter ist eines der erhalten gebliebenen Dokumente des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Es dokumentiert unter anderem die sieben Tage Stehbunker, mit denen Luise Winter bestraft wurde.
Die Häftlingspersonalkarte von Luise Winter ist eines der erhalten gebliebenen Dokumente des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Es dokumentiert unter anderem die sieben Tage Stehbunker, mit denen Luise Winter bestraft wurde. | Bild: Häftlingspersonalkarte des Konzentrationslagers Birkenau für Louise Winter, 1.1.5.4 / 7762122, ITS Digital Archive, Bad Arolsen

Die SS tötete die Mitglieder der Sonderkommandos regelmäßig, um die Zeugen zu beseitigen. Als Anton Winter an der Reihe war, stellte sich ein Prominenter – so hießen die privilegierten Häftlinge – schützend vor ihn und sagte, Winter sei sein bester Arbeiter. Vier Stunden stand Anton Winter vor dem Feuerofen, bis aus Berlin ein positiver Bescheid kam. Er musste weiterleben.

Am Abend des 23. März 1943 war in einer Überraschungsaktion ein Lastwagen vor dem Anwesen Duchtlinger Straße 13 aufgetaucht. Beamte der Gestapo und der Polizei verhafteten Familienoberhaupt Johann Ferdinand Winter, Ehefrau Philippine, die Kinder Anna, Karl-David und Anton nebst Ehefrau Luise und den Kindern Willi Xaver und Lothar. Nach einer Nacht im Gefängnis brachten die Beamten die Familie zum Bahnhof.

Am Morgen des 24. März 1943 startete in Radolfzell ein Zug, der an fast jedem Bahnhof Sinti und Roma aufnahm. Nach einem Erlass von Reichsführer SS Heinrich Himmler sollten alle "Zigeuner" in Lagern konzentriert und letztlich getötet werden. Der Zug aus Radolfzell kam laut Fahrplan am 27. März 1943 um 15.01 Uhr mit 514 Männern und Frauen im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau an.

Im Abschnitt BIIe hatte die Lagerleitung das "Zigeunerlager" eingerichtet. Versorgung und Hygiene waren fürchterlich, die Menschen starben schnell weg – vor allem die Schwachen und Kranken.

Bald begann das Abschiednehmen für Anton Winter. Als Erster starb sein Sohn Willi Xaver am 2. Mai 1943 mit eineinhalb Jahren, sein Vater Johann Ferdinand (51) am 27. Juli 1943, die Mutter Philippine (56) am 5. August 1943. Die SS folterte seine Frau Luise im August 1943, als sie zur Straße sieben Tage in den Stehbunker musste – eine ein Quadratmeter große Stehzelle, in welche die SS vier Häftlinge stopfte.

Bildunterschrift
Die Sterbeurkunde des Standesamtes Auschwitz dokumentiert den Tod des kleinen Lothar Winter aus Singen. | Bild: Archiv des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau

Anton Winter musste erleben, wie sein Sohn Lothar – geboren am 31. März 1938 in Singen – in der Baracke des berüchtigten Lagerarztes Dr. Josef Mengele verschwand. Kurze Zeit später meldete der Arzt den Tod des Jungen dem Standesamt Auschwitz. Todeszeit: 8. November 1943, 10.20 Uhr.

Anton Winter musste erleben, wie die vier Kinder seiner Schwester Bertha am 16. Dezember 1943 in Auschwitz-Birkenau eintrafen. Friedrich Winter starb 13 Tage später. Er ist nur acht Monate alt geworden. Das Schicksal seiner in Singen geborenen Geschwister Genoveva, Josef und Juliana lässt sich nicht mehr aufklären.

Nachdem am 4. Januar 1944 Karl-David Winter im Alter von 21 Jahren gestorben war, lebten von den Singener Sinti nur noch Anton Winter, seine Frau Luise und die Schwester Anna. Die Frauen wurden im April 1944 ins Konzentrationslager Ravensbrück überstellt und kamen später ins KZ Buchenwald. Anton Winter ging am 15. April 1944 auf Transport nach Buchenwald, überlebte das Lager Mittelbau Dora und erreichte am 8. oder 9. April 1945 das Bergen-Belsen, wo er am 15. April 1945 von den Engländern befreit wurde. An jeder Station galten Anna, Luise und Anton Winter als "Arbeitsscheue Zigeuner" oder "Asozial". An jeder Station befanden sie sich permanent in Lebensgefahr.

Auf dem Singener Waldfriedhof wird der Familie Winter auf dem Gedenkstein für die Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Es heißt dort knapp: "Johann Winter, Philippine Winter und 4 Angehörige."
Auf dem Singener Waldfriedhof wird der Familie Winter auf dem Gedenkstein für die Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Es heißt dort knapp: "Johann Winter, Philippine Winter und 4 Angehörige." | Bild: Sabine Tesche

Anton Winter erreichte Singen wieder am 4. Juni 1945. Nach und nach kehrten seine Frau und weitere Geschwister zurück. Die traumatischen Erlebnisse der Sinti-Familie interessierte niemanden. Die Betroffenen mussten sich ohne Hilfe um ihre Zukunft kümmern. Der Rassismus gegenüber den Sinti blieb. Das Landesamt für Wiedergutmachung schrieb noch 1962 über Anton Winter: "Darüber hinaus sind wir der Meinung, daß man bei einer nervenfachärztlichen Beurteilung des Klägers die rein rassisch und damit ander[s]geartete seelische Konstitution eines Zigeuners nicht außer acht lassen darf."

 

Geschichte des Grauens

  • Die Stadt Singen hat begonnen, die Geschichte dieser Familie Winter aufzuarbeiten. Damit beauftragt ist Axel Huber, der seit 2011 bei der Stadtverwaltung arbeitet. Der 42-Jährige hat nach einer journalistischen Ausbildung Geschichte studiert, er bezeichnet den für den SÜDKURIER verfassten Beitrag zum heutigen Jahrestag der Auschwitz-Befreiung als Werkstattbericht. Axel Huber wird von der Projektgruppe Tannenberg um Heinz Kapp unterstützt, die am ehemaligen Wohnhaus der Familie Winter eine Gedenkstätte entwickeln will. Das Bundesprogramm "Demokratie leben!" beteiligt sich an den Kosten des Projekts.
  • Bei den Recherchen greift Axel Huber unter anderem auf das Bundesarchiv Berlin, auf Daten aus der Zeit des Nationalsozialismus, das Stadtarchiv sowie die Entschädigungsakten zurück. Wer Hinweise, Fotos oder Dokumente zu Familie Winter hat, kann sich bei Axel Huber (077 31 / 85 311, axel.huber@singen.de oder per Post: Unter Hohgarten 2, 78224 Singen) melden.
  • Der Holocaust-Gedenktag ist in Deutschland seit 1996 ein bundesweiter, gesetzlich verankerter Gedenktag. Gedacht wird aller Opfer des Nationalsozialismus. Die Vereinten Nationen erklärten den 27. Januar im Jahr 2005 zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust.
  • Anton Winter und seine Frau Luise lebten nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in Singen und sie bekamen wieder Kinder. Luise Winter starb am 13. Juni 1978, Anton Winter am 19. September 1987. (sk)