Der Aufprall ist härter als vermutet. Mit einem kräftigen Klatschen schlagen zwei Handschuhe nacheinander auf den Boden auf. Björn Duttle gibt das Signal zur Mittagspause. Vier Stunden sind vergangen, seitdem sich der Mann mit dem grauen Helm über die Gebäudekante des Hegau-Tower geschwungen hat. Seitdem haben er und seine vier Kollegen sich allmählich vom 18. bis zum vierten Stock hinuntergearbeitet. Duttle ist Industriekletterer. Abgesichert mit zwei Seilen reinigt er heute Fenster und Fassadenelemente an der Südseite von Singens höchstem Hochhaus.

Fast schon zu schönes Wetter: Die Mitarbeiter der DSM-Group versuchen, direkte Sonneneinstrahlung so gut es geht zu vermeiden.
Fast schon zu schönes Wetter: Die Mitarbeiter der DSM-Group versuchen, direkte Sonneneinstrahlung so gut es geht zu vermeiden. | Bild: Sabine Tesche

Während Duttle seine Putz-Utensilien in einem Beutel verstaut, wirft Michael Storch 15 Meter darunter einen Blick auf sein Smartphone. "Es ist halb 12 – wir sind gut vorangekommen", sagt er in sympathischem norddeutschem Singsang. Gestern hätte das ganz anders ausgesehen. "Als wir am Morgen mit der Arbeit angefangen haben, hat es heftig gewindet", berichtet Storch. "Das war hier unten am Boden schon kaum erträglich – aber oben war richtig der Teufel los!" Als dann auch noch Regen einsetzte, hätten die Kletterer ihren Arbeitseinsatz abbrechen müssen.

Genau wie die Männer am Seil hat auch der stämmige Bremer eine Kletterausbildung absolviert. Bei dem zweiwöchigen Reinigungs-Einsatz am Hegau-Tower widmet er sich allerdings ganz dem Thema Sicherheit. "In 67 Metern Höhe können die Kollegen ja nicht einfach mal so die Arbeit unterbrechen", erklärt Storch. Er hält Funkkontakt mit den Kletterern, für den Fall, dass in luftiger Höhe Probleme auftreten sollten. Zum Beispiel, wenn einem von ihnen der Schwamm oder der Fensterwischer aus der Hand fällt. "Passieren kann aber eigentlich nicht viel – alle Hilfsmittel sind mit Schnüren gesichert."

Das Team: Björn Duttle (von links), Jan Kieschnek, Hans Christian Meyer, Auftraggeber Frank Burkart, Sebastian Beckmann, Michael Storch, Stefan Willybrand und David Möhnle.
Das Team: Björn Duttle (von links), Jan Kieschnek, Hans Christian Meyer, Auftraggeber Frank Burkart, Sebastian Beckmann, Michael Storch, Stefan Willybrand und David Möhnle. | Bild: Sabine Tesche

Zudem führt Storch vor jeder Abfahrt eine minutiöse Gefahrenermittlung durch. Er sperrt den Bereich unmittelbar unterhalb der Kletterer ab und sorgt dafür, dass keines der Seile auf dem Dach des Hochhauses an Kanten scheuert. "Unsere Arbeit sieht vielleicht spektakulär aus, wirklich gefährlich ist sie aber nicht", betont Michael Storch. In mehr als zehn Jahren als Industriekletterer habe er noch nie einen Unfall miterleben müssen. "Jeder Dachdecker lebt gefährlicher als wir", ist er sich sicher.

Höhenangst nur beim Bungee-Sprung

Als erster der fünf Kletterer hat sich Björn Duttle inzwischen abgeseilt. Am Boden angekommen, nimmt er die Sonnenbrille ab. Für den jungen Mann mit dem wettergegerbten Gesicht ist die Arbeit am Hegau-Tower ein Heimspiel – und gerade deshalb etwas besonderes. Denn: Sein exotischer Beruf hat Duttle zwar nach Aserbaidschan, in die USA, nach Russland und Dubai gebracht hat, so nahe an Zuhause wie jetzt hat er in mehr als zehn Jahren aber noch nie gearbeitet. "Das Näheste war der Fahrstuhl-Testturm in Rottweil", erinnert sich der 30-Jährige, der in Gottmadingen groß geworden ist.

Ein bisschen Adrenalin-Junkie steckt in jedem Industriekletterer, gibt Björn Duttle (links) zu. | Bild: Daniel Schottmüller

Björn Duttles Vater war ebenfalls Industriekletterer. "Ich bin schon als Jugendlicher bei seinen Arbeitseinsätzen mitgekraxelt." Höhenangst kennt der junge Mann nicht – zumindest, wenn er am Seil hängt. "Vor zwei Jahren habe ich in Hamburg Bungee-Jumping ausprobiert", berichtet er. Auch wenn die Absprunghöhe von 50 Metern für jemanden, der auf Baustellen in mehr als 240 Meter Höhe gearbeitet hat, eigentlich keine Herausforderung darstellt: Als es daran ging, sich kopfüber nach unten zu stürzen, hätten ihm trotzdem die Knie gezittert, sagt Duttle und lacht. Das Bungee-Abenteuer war kein Zufall: "In diesem Beruf sind wir alle zu einem gewissen Grad Adrenalin-Junkies."

Ein Leben im Hotelzimmer

Das Kribbeln im Bauch ist nicht die einzige Besonderheit im Leben eines Industriekletterers. "300 von 365 Tagen im Jahr bin ich unterwegs, übernachte in Ferienwohnungen und Hotels", berichtet Duttle. Eine echte Konstante im Berufsalltag stellt das eigene Team dar. Die Mitarbeiter der DSM-Group sind stets gemeinsam im Einsatz. Wie gut eingespielt die Truppe ist, wird klar als die nächsten drei Kletterer den Boden erreichen. "Den Kollegen habt ihr aber hängen lassen," feixt David Möhnle und deutet auf Hans Christian Meyer, der immer noch am Fenster vor dem vierten Stock baumelt. Er müsse jetzt so langsam wirklich dringend auf die Toilette, ruft der und seilt sich lachend ab.

Gute Laune in luftiger Höhe: Die Kletterer der DSM-Group sind eine eingeschworene Truppe. | Bild: Sabine Tesche

Für eine Abfahrt am Hegau-Tower brauchen die Männer dreieinhalb bis vier Stunden. Dabei sind sie immer auf der Schattenseite des Gebäudes unterwegs. Direkte Sonneneinstrahlung versuchen sie zu vermeiden. Zum einen, weil sich dann beim reinigen von Metall und Fensterscheiben Schlieren bilden, zum anderen weil sich die Gebäudeoberfläche schnell aufheizen kann. Neben dem Wind ist der vielleicht größte Gefahrenfaktor aber die eigene Sitzposition. "Der Gurt schnürt einem die Beine ab", erklärt David Möhnle. Dadurch werde die Blutzirkulation unterbrochen. "Im schlimmsten Fall kann man ohnmächtig werden". Aus diesem Grund sind die Kletterer grundsätzlich mindestens zu zweit unterwegs.

Reinigen, trocken reiben und Politur auftragen: Björn Duttle (links) und Sebastian Beckmann bei der Arbeit. | Bild: Daniel Schottmüller

In Singen gab es bisher keine Zwischenfälle. Im Gegenteil: Auftraggeber Frank Burkart ist beeindruckt davon, wie schnell die Arbeiten vonstatten gehen. Nachdem die für die Außenreinigung des Gebäudes vorgesehene Anlage auf dem Dach des Hegau-Tower nicht mehr verwendbar sei, habe sein Sohn Maximilian den Kontakt zu Björn Duttle und der DSM-Group hergestellt. Eine Zusammenarbeit, die beide Seiten gerne fortsetzen würden.

Zunächst geht es für alle aber in die verdiente Mittagspause. Ab 13 Uhr wollen sich die waghalsigen Gebäudereiniger dann die Fassade an der Ostseite des Hegau-Tower vornehmen. Das Wichtigste bleibt auch dann: Sicher unten ankommen.

 

Video: Daniel Schottmüller

 

Die Ausrüstung

Das wichtigste Hilfsmittel für den Industriekletterer ist der Arbeitsgurt, an dem verschiedene Ösen befestigt sind. Die entscheidende ist die zentrale Öse, die an der Vorderseite des Körpers etwa auf Bauchhöhe angebracht ist. An dieser Öse ist das Abseilgerät befestigt. In dieses Gerät, das sich öffnen und verschließen lässt, wird das Arbeitsseil eingelegt. Wenn die Kletterer sich abseilen, läuft das Seil durch das Abseilgerät hindurch. Für den Fall, dass das Arbeitsseil reißen sollte, gibt es ein weiteres Seil, das sogenannte Back-Up-Seil, welches auf Höhe des Brustkorbs festgemacht wird. Entwickelt sich beim Abseilen eine zu hohe Geschwindigkeit, beginnt das Back-Up-Seil zu blockieren. Da beim Herunterfallen aus großer Höhe Fliehkräfte entstehen, sorgt ein Falldämpfer dafür, dass der Sturz entsprechend abgefedert wird. An der Rückseite des Arbeitsgurts ist zudem ein Sitzbrett angebracht, um die Beine zu entlasten. Zusammen mit den Putz-Utensilien, Trinkwasserflasche und Helm sowie diversen Haken und Karabinern bringt es die Ausrüstung der Kletterer auf gute 20 Kilogramm. (das)

Jeder Kletterer ist immer mit zwei Seilen gesichert. | Bild: Daniel Schottmüller