Minusgrade, Dauerregen und Bodenfrost: Der April 2017 wird vielen Obstbauern im Hegau noch lange in Erinnerung bleiben. Ungewöhnlich spät gab es im vergangenen Jahr noch einmal Nächte mit eisigen Temperaturen von bis zu minus sieben Grad, die vielen Pflanzen stark zusetzten. „Bei diesem Ausmaß können wir von einem Jahrhundertfrost sprechen, der zu einer Katastrophe für unsere Winzer und Landwirte geführt hat“, betonte der Minister für ländlichen Raum, Peter Hauk, damals. Massive Ernteausfälle bedrohten die Existenzen der Bauern und ließen das Angebot auf den Märkten und in den Läden schrumpfen.

Kunden, die zum Beispiel frische Erdbeeren kaufen wollten, mussten vor einem Jahr tief in die Taschen greifen. Die beliebten Früchte waren teurer als sonst, weil viele Knospen und Blüten der frühen Sorten im Freiland erfroren waren. Wolfgang und Katja Hertell vom Bruderhof in Eigeltingen hatten 2017 einen Ernteausfall von insgesamt 50 Prozent zu beklagen. In diesem Jahr sieht es für die Erdbeerbauern viel besser aus. „Die Bestände stehen aktuell ganz ordentlich da“, freut sich Katja Hertell und blickt auf das diesjährige Frühjahr zurück: „Nach dem sehr kalten März kam der heiße April. Vom Winter ging es innerhalb von nur vier Wochen in den Frühsommer über, da gab es ein regelrechtes Blütenmeer.“
 

Auch bei Äpfeln, Trauben und Co. sieht es gut aus

  • Himbeeren und Brombeeren
    Wie die Erdbeeren sind auch die anderen Beerensorten in diesem Jahr etwas früher reif als sonst. "Himbeeren und Brombeeren sehen schon gut aus, ab Mitte Juni sind sie bereit zur Ernte", erklärt Katja Hertell vom Eigeltinger Bruderhof.
  • Äpfel und Birnen
    Thomas Hägele vom Magdalenenhof in Hilzingen ist zufrieden mit seinem Bestand. "Bis jetzt sieht es sehr gut aus, wir erwarten eine normale bis gute Ernte", sagt er. Da man aber nie wisse, welche Überraschungen das Wetter noch bereithält, könne man erst nach der Ernte im Oktober wirklich Bilanz ziehen.
  • Trauben
    Auch Hegauer Weinliebhaber können aufatmen. Die Pflanzen des Weinguts Vollmayer in Hilzingen haben das Frühjahr gut überstanden. "Bisher hatten wir Glück, im April war es sehr warm und auch die Eisheiligen haben uns in Ruhe gelassen", freut sich Beate Vollmayer. Wenn der Hagel diesmal ausbleibe, erwarte sie – anders als 2017 – in diesem Jahr einen normalen Ertrag.

 

 

Statt Frost war in diesem April Trockenheit das Problem

Der späte Frost blieb diesmal aus, mit dem sonnigen April kam allerdings eine längere Trockenperiode, in der der Hegau zu den regenärmsten Regionen Deutschlands zählte. „Gegen diese Trockenheit mussten wir natürlich erst mal ankommen. Durch vermehrtes Gießen konnten wir verhindern, dass uns die Pflanzen kaputtgehen“, schildert die Betreiberin des Bruderhofs. Mit einer Prognose hält sie sich jedoch noch zurück. Wie gut die Ernte wirklich war, könne man erst am Ende der Saison mit Sicherheit sagen, denn Unwetter mit Hagelschauern oder extreme Hitze könnten dem Bestand noch erheblich schaden, warnt Katja Hertell. Auch die Hagelnetze, die die Pflanzen vor solchen Wetterkapriolen schützen sollen, seien keine Garantie.

Hagelnetze sollen die Erdbeerpflanzen des Bruderhofs vor Unwetterschäden schützen.
Hagelnetze sollen die Erdbeerpflanzen des Bruderhofs vor Unwetterschäden schützen. | Bild: Svenja Graf

"Was man allerdings schon sagen kann ist, dass die Haupterntezeit in diesem Jahr sicher etwas kürzer ausfällt als sonst", ergänzt ihr Mann. Die Frühernte kommt jetzt gerade so richtig in Schwung, die Beeren fallen in diesem Jahr allerdings etwas kleiner aus als sonst. Das liege daran, dass das gute Aprilwetter alles ein wenig beschleunigt habe und sich die Früchte nicht ganz so lange entwickeln konnten, erklärt Katja Hertell und verspricht: „Trotzdem sind die Erdbeeren nicht weniger süß und lecker.“

Durch den sonnigen April fallen die Erdbeeren in diesem Jahr etwas kleiner aus als sonst. Süß und saftig sind sie trotzdem.
Durch den sonnigen April fallen die Erdbeeren in diesem Jahr etwas kleiner aus als sonst. Süß und saftig sind sie trotzdem. | Bild: Svenja Graf

Felder im Hegau öffnen für Selbstpflücker

Davon können sich die Kunden nicht nur im Hofladen überzeugen, sondern auch auf den Selbstpflücke-Feldern in Eigeltingen, Singen, Radolfzell und Tuttlingen. "Frischer geht es nicht", sagt Wolfgang Hertell. Allerdings habe er den Eindruck, dass die Zahl der Menschen, die ihre Erdbeeren direkt vom Feld pflücken, in den vergangenen Jahren eher zurückgegangen sei. "Das liegt zum einen an den bequemen Supermarkt-Früchten, zum anderen aber auch daran, dass heute nicht mehr so viel Obst eingekocht wird wie früher", vermutet der Landwirt. Dabei lohnt sich ein Ausflug aufs Feld: Durch die Pflanzenreihen zu schlendern und sich die leuchtendsten Exemplare herauszupicken, macht nicht nur Spaß, es spart auch Plastikverpackungen und schont die Umwelt. Außerdem sei es wünschenswert, so Katja Hertell, wenn die Menschen dadurch wieder mehr Bezug zum Produkt und dessen Herkunft bekämen.

Vom Feld direkt ins Regal: Katja Hertell bietet die frischen Früchte im eigenen Hofladen an.
Vom Feld direkt ins Regal: Katja Hertell bietet die frischen Früchte im eigenen Hofladen an. | Bild: Svenja Graf