Frau von Briel, warum haben Sie die Selbsthilfegruppe gegründet?

Mein Gedanke war, als Betroffene den Austausch unter ebenfalls Betroffenen zu ermöglichen. In Singen gab es zwar einen Gehörlosenverein, doch zwischen taub sein und schlecht hören liegt ein großer Unterschied.

Was kann der Austausch bewirken?

Schwerhörigkeit ist nicht gleich Schwerhörigkeit. Doch leider ist diese unsichtbare Behinderung für viele Betroffene ein Grund, Situationen zu meiden, in denen ihre Behinderung auffallen könnte. Helen Keller formuliert es knapp und drastisch: Blindheit trennt uns von den Dingen, Taubheit trennt uns von den Menschen. Genau dagegen will die Selbsthilfegruppe angehen.

Wie kann man sich als Hörender Schwerhörigkeit vorstellen?

Ungefähr so: Man hört alles, als wäre die Welt mit Watte vollgestopft. Die hohen Töne fehlen meist, manchmal auch die tiefen. Statt Rhein versteht man Reim, statt Nord Mord. Trotz Hörgerät kann man Gesprächen nur schwer folgen. Manchmal hat man Schwierigkeiten Geräusche oder Töne in sinnvolle Höreindrücke zu übersetzen.

Was hat Sie zur Gründung bewegt?

Als ich im Alter von 50 Jahren meine Arbeitsstelle durch Betriebsauflösung verlor, suchte ich nach einem neuen Lebensinhalt. In einer Reha-Klinik für Hörgeschädigte und Tinnitus-Erkrankte wurde mir bewusst, was es heißt, nicht mehr alles zu hören und zu verstehen. Für mich sind Selbsthilfegruppen neben professionellen Hilfsangeboten von entscheidender Bedeutung. Sie bieten die Möglichkeit, Kommunikation unter barrierefreien Bedingung zu üben.

Wie darf man sich das vorstellen?

Schwerhörige behelfen sich auf ihre Weise. Man liest vom Mund ab, kombiniert sich Sätze und achtet auf Mienenspiel und Körpersprache. Oft kann man erst durch die Verbindung von Hören, Ablesen, Kombinieren und Beobachten die Mitteilung verstehen. Aber das muss man erst lernen und dann immer wieder üben. Das Üben klappt prima in der Selbsthilfegruppe.

Wie wurden Sie schwerhörig?

Meine Behinderung sieht man mir ja nicht an und doch lebe ich seit meiner Kindheit mit dem Handicap – als Folge einer Mittelohrentzündung mit fünf Jahren. Bemerkt wurde dies aber erst vom Betriebsarzt der Weberei, in der ich später arbeitete. Dann habe ich persönlich erfahren, dass Schwerhörigkeit einer durchsichtigen Mauer gleicht: Man sieht sie nicht und sollte doch darüber reden.

Wo kann man darüber reden?

Anfangs beteiligte ich mich in einer Selbsthilfegruppe in Überlingen am See. Nach einem VHS-Kurs in Gebärdensprache für Gehörlose, gründete ich die Singener Gruppe. Am Anfang waren wir 15 Betroffene. Ich belegte Schulungen für Gruppenleiter, Mentorenkurse, bildete mich zur ehrenamtlichen Pflegelotsin und Mundabsehtrainerin weiter und übernahm Verantwortung in den Verbänden Betroffener.

Was kann man in der Gruppe lernen?

Das Wort Selbsthilfe sagt es ja: Die Hilfe liegt in uns selbst, in der Bereitschaft, Veränderung anzunehmen. Dabei lautet das Leitmotiv: Nimm deine Behinderung an, sie ist speziell für dich gemacht. Die Teilnehmer haben alle eines gemeinsam, den Willen mit der Behinderung fertig zu werden.

Worauf kommt es bei der Arbeit an?

Zwei wichtige Punkte sind bis heute, dass sich die Teilnehmer erstens wohlfühlen und zweitens regelmäßig kommen. Ein wichtiger Aspekt des Wohlfühlens ist, dass wir uns ohne Gebärden unterhalten können.

Sie leiden nicht nur unter Schwerhörigkeit, sondern auch an Tinnitus...

Da geht es mir, wie vielen anderen. Jeder zehnte Bundesbürger leidet an chronischen Ohrgeräuschen. Am Anfang stand ein Hörsturz. Ich musste ins Krankenhaus, bekam Infusionen, und das Hören kam langsam wieder. Seither habe ich meinen Begleiter, den Tinnitus. Er lässt mich nicht mehr alleine und ermahnt mich von Zeit zu Zeit, mir nicht zu viel zuzumuten.

Wie geht man damit um?

Tinnitus, im Volksmund Ohrensausen genannt, äußert sich in verschiedenen Erscheinungsformen. So hören es viele pfeifen oder zischen, bei manchen ist es ein brummen oder Dröhnen. Bei mir ist es wie das Rauschen eines Wasserfalls. Die Behandlung ist immer Teamarbeit. Ärzte, Psychologen, Orthopäden, Therapeuten, Hörgeräteakustiker und manchmal sogar der Zahnarzt arbeiten mit den Patienten zusammen.

Was haben Sie aus ihrer Arbeit gelernt?

Ich habe viele Menschen kennen gelernt und konnte vieles auf den Weg bringen, zum Beispiel als Gründungsmitglied auch das Selbsthilfenetzwerk "Kommit" im Landkreis Konstanz.

Zur Person

Ella von Briel (68) betreut seit über 20 Jahren die Selbsthilfegruppe für Hörgeschädigte und Tinnitus in Singen. Schon früh begann ihr soziales Engagement – in den 60er-Jahren beim Roten Kreuz. 1999 absolvierte sie eine Schulung als Gruppenleiterin. Die Selbsthilfegruppe trifft sich jeden zweiten Montag im Monat, 15-17 Uhr, im Stüble bei der Awo in Singen am Heinrich-Weber-Platz. (bie)