Singen, Gottmadingen Als der Weltmeister-Zug im Hegau einrollte: Gottmadinger und Singener erzählen vom ersten WM-Erfolg

Anfang Juli 1954 herrschte Ausnahmezustand auf den Bahnhöfen in Singen und Gottmadingen. Der Grund: Die Nationalspieler um Kapitän Fritz Walter fuhren ein. Dabei hatten sie den gerade gewonnen WM-Pokal. Zeitzeugen aus dem Hegau blicken zurück auf einen historischen Tag – und wagen einen Ausblick auf die WM in Russland. Auch Fritz Fuchs weiß Interessantes zu berichten. Der Hegauer Dauergast war Spieler des 1. FC Kaiserslautern und hautnah bei den WM-Stars dabei. Später war er Trainer des SC Freiburg, sein Spielführer hieß: Jogi Löw .

Der Sonderzug mit der roten, mit Blumen verzierten Lokomotive fuhr im Schneckentempo am 5. Juli 1954 im Gottmadinger Bahnhof ein. Die Musikkapelle spielte zum Freudenmarsch auf. Eine riesige Menschentraube winkte euphorisch den Fußball-Weltmeistern zu. Die hatten einen Tag zuvor das "Wunder von Bern" wahr gemacht, als sie im Endspiel, die als unbesiegbar geltende Mannschaft von Ungarn mit 3:2 bezwang. An den offenen Fenstern stehend erwiderten Fritz Walter, Toni Turek, Helmut Rahn und die anderen deutschen Helden die Begeisterungsstürme.

Tausende Menschen jubeln am 5. Juli 1954 ihren Helden zu, als der Weltmeisterschaftszug langsam vorbeirollt.
Tausende Menschen jubeln am 5. Juli 1954 ihren Helden zu, als der Weltmeisterschaftszug langsam vorbeirollt. | Bild: DPA

Der Triumphzug ging weiter, Kinder und Erwachsene schwenkten an der Böschung neben den Gleisen ausgelassen die Arme. Auf dem Gelände der Landmaschinen-Fabrik, wo einige Tausend Menschen in Arbeit und Brot standen, hupten 20, in einer Reihe aufgestellten Traktoren. Dann stimmten die Werk-Sirenen zu einem lauten, kuriosen Konzert ein.

"Ganz Gottmadingen war im Freudentaumel", schildert Helmut Kienzler, der am 1. Juli seinen 81. Geburtstag feiert. Er machte bei der Firma Fahr seine Ausbildung. In der Fabrik beendete er auch seine berufliche Tätigkeit. Im Weltmeister-Jahr war er gerade 17 geworden. "Vom Direktor bis zum Lehrling wollten alle die Weltmeister empfangen. Auf der überfüllten Rampe des Schlepperbaus jubelten die Beschäftigten", erinnert sich Kienzler.

Sechs Jahrzehnte später stellen sie die Begeisterung nach, die sie 1954 auf dem Bahnhof getragen hatte: (von links) Harald Wildi, Hermann Wiedemer, Gerhard Handloser, Wolfgang Klopfer und Fritz Schuhmacher.
Sechs Jahrzehnte später stellen sie die Begeisterung nach, die sie 1954 auf dem Bahnhof getragen hatte: (von links) Harald Wildi, Hermann Wiedemer, Gerhard Handloser, Wolfgang Klopfer und Fritz Schuhmacher. | Bild: Sabine Tesche

Auf dem Bahnhof stand Fritz Schumacher aus Ebringen. Er war ein heranwachsender Jugendlicher wie Gerhard Handloser, Hermann Wiedemer, Wolfgang Klopfer und Harald Wildi. "In Windeseile hatte es sich herumgesprochen, dass der Weltmeister-Zug in Gottmadingen einfährt. Unser Vater ist mit uns schnell mit dem alten Lloyd von Ebringen nach Gottmadingen gefahren", blickt Fritz Schuhmacher zurück. "Da wir im Bahnhof wohnten, konnte ich vom Fenster aus das Spektakel beobachten", schildert Hermann Wiedemer.

"Die Begrüßung des Zuges war mein erster öffentlicher Auftritt. Damals war ich 14 und furchtbar nervös", berichtet Wolfgang Klopfer. Da er mit seinem Instrument aufspielen musste, hatte Klopfer nicht soviel Glück wie andere, Spieler im Zug auszumachen. "Ein paar habe ich gesehen, wie Eckel und May", schweift Gerhard Handloser zurück in die Vergangenheit.

Singen im Freudentaumel

Einen noch größeren Trubel mit an die 20 000 Menschen erwarteten die Weltmeister auf dem Singener Bahnhof, wo der Zug kurzzeitig anhielt und einige Spieler den Weg ins Freie wagten. "Ob wir da lebend wieder rauskommen?", wurde Torhüter Toni Turek im SÜDKURIER zitiert.

Grenzenlose Begeisterung: Unter dem Jubel der Singener fährt der Weltmeister-Zug von Bern in den Bahnhof ein, nachdem er kurz zuvor die deutsche Grenze überquert hatte.
Grenzenlose Begeisterung: Unter dem Jubel der Singener fährt der Weltmeister-Zug von Bern in den Bahnhof ein, nachdem er kurz zuvor die deutsche Grenze überquert hatte. | Bild: DPA

"Es war ein gewaltiger Auflauf von Menschen. Da ich in der Maggi-Straße wohnte, hatte ich einen kurzen Weg, um bei diesem denkwürdigen Ereignis dabei zu sein", schildert der Arlener Herbert Schmidt, der 1959 mit dem FC Singen 04 Deutscher Amateurmeister wurde. "Ich war selbst im Stadion, als Ungarn in Basel beim Vorrunden-Spiel Deutschland mit 8:3 Toren bezwang. Umso sensationeller war, dass wir im Endspiel siegten", so Schmidt.

Der Lauterer im Hegau

Einen besonderen Bezug hat Fritz Fuchs zu etlichen Weltmeistern von 1954. Er ist wie Fritz und Ottmar Walter, Horst Eckel und andere viele Jahre lang für die "Roten Teufel" des 1. FC Kaiserslautern aufgelaufen. Er kickte als Nachfolger der Idole lange in der Bundesliga. Fritz Fuchs hat im Hegau seine zweite Heimat gefunden. Seit er als sportlicher Leiter der Spielvereinigung Trier beim Fritz-Guth-Turnier des 1. FC Rielasingen-Arlen eine freundschaftliche Bande zu Vereinsmitgliedern geknüpft hat, kommt er regelmäßig in den Hegau.

"Fritz Walter und die anderen Stars haben uns in Kaiserslautern als Jugendspieler aufgenommen wie in einer Familie und uns die Kickschuhe gebunden, als wir noch Knirpse waren", schildert Fuchs. "Bundestrainer Sepp Herberger vermittelte uns bei Vorträgen Werte wie Anstand, Wille und Treue", sagt er.

Mannschaftskapitän Fritz Walter steigt kurz aus dem Sondertriebwagen aus und begrüßt die Hegauer: Etwa 30 000 Menschen hatten sich am 5. Juli 1954 am Bahnhof Singen eingefunden, um die DFB-Mannschaft zu feiern.
Mannschaftskapitän Fritz Walter steigt kurz aus dem Sondertriebwagen aus und begrüßt die Hegauer: Etwa 30 000 Menschen hatten sich am 5. Juli 1954 am Bahnhof Singen eingefunden, um die DFB-Mannschaft zu feiern. | Bild: DPA

"Als ich nach der Jugend zum Dorfverein SV Alsenborn wechselte, war Fritz Walter dreieinhalb Jahre mein Trainer. Wir sind oft knapp am Aufstieg in die Bundeliga gescheitert. Später wechselte ich zurück zum 1. FC Kaiserslautern. Mein erstes Bundesligaspiel war beim Hamburger SV. Ich vergesse nie, wie Uwe Seeler mir clever auf den Fuß stand und das Siegtor köpfte", berichtet Fuchs.

"Horst Eckel war mein Nachbar im kleinen Ort Vogelbach. Der Empfang der Weltmeister dort war gigantisch. Auch das Erlebnis, als Deutschland Weltmeister wurde. 200 Menschen saßen vor einem kleinen Fernseher. Das war eine Spannung und eine Begeisterung, die heute unvorstellbar ist", so Fuchs. Knut Hartwig, der beim Film "Das Wunder von Bern" Fritz Walter spielte, war Ende der 90-er Jahre Spielführer von Rot-Weiß Essen. Trainer war Fritz Fuchs.

Bei seinen zahlreichen Trainerstationen – er stieg unter anderem mit dem FC Homburg sensationell in die 1. Bundesliga auf – war Fuchs auch Coach von Bundestrainer Löw, als er in den 80-er Jahren zweimal den SC Freiburg trainierte. "Er war mein Spielführer und stand wie heute für gute Einstellung, Disziplin und Loyalität. Zudem war Jogi Löw ein sehr talentierter und technisch versierter Fußballer", lobt Fuchs. "Es wird diesmal schwer. Das Halbfinale ist aber drin", bewertet Fuchs die Chancen bei der WM in Russland.

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