In wenigen Wochen wird in Singen und in Europa wieder gewählt. In der modernen Demokratie ist es vollkommen selbstverständlich, dass Frauen wie Männer, Trans- oder Intersexuelle, Menschen aller Glaubensrichtungen (sofern sie lange genug in Baden-Württemberg oder Europa leben), ihre Stimme abgeben dürfen. Doch das war längst nicht immer so.

Erst am 19. Januar 1919 durften Frauen zum ersten Mal zur Urne schreiten und über die Zusammensetzung ihrer Volksvertretung mitbestimmen. Ein langer, erbitterter Kampf einiger mutiger Frauen war nötig, um das Recht auf freie Wahlen für alle erwachsenen Deutschen im Grundgesetz zu verankern. Doch das Ringen um die Gleichstellung der Geschlechter reicht noch viel weiter zurück und ist bis heute nicht beendet.

Demokratisches Recht im Blick

Ein ganzes Jahr lang haben die Kulturabteilung der Stadt Singen und die Sozialbürgermeisterin Ute Seifried zusammen mit der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises, Petra Martin Schweizer, mit zahlreichen Veranstaltungen den Blick auf dieses wichtige Jubiläum gerichtet: 100 Jahre Frauenwahlrecht.

Die Frauen erheben sich vom Nachtlager, das sie im besetzten Singener Ratssaal aufgeschlagen haben, als die Männer das Gebäude erstürmen wollen. Bild: Gudrun Trautmann
Die Frauen erheben sich vom Nachtlager, das sie im besetzten Singener Ratssaal aufgeschlagen haben, als die Männer das Gebäude erstürmen wollen. | Bild: Gtr

In dem Zusammenhang entstand auch im Gems-Theater das Stück „Her mit dem ganzen Leben“, das am Wochenende Premiere feierte. Es geht dabei um die Rebellion ganz normaler und außergewöhnlicher Frauen gegen die Dominanz ihrer Ehemänner, Liebhaber oder Vorgesetzten. Die Frauen mit unterschiedlichem Bildungsgrad kommen aus den verschiedensten sozialen Schichten.

Achtlos steht der Leiterwagen mit den Demonstrationsschildern im Singener Ratssaal, den die Frauen lautstark erstürmt haben. Die Parolen spiegeln die ihre Forderungen nach Gleichberechtigung wider. Bild: Gudrun Trautmann
Achtlos steht der Leiterwagen mit den Demonstrationsschildern im Singener Ratssaal, den die Frauen lautstark erstürmt haben. Die Parolen spiegeln die ihre Forderungen nach Gleichberechtigung wider. | Bild: Gtr

Doch eines verbindet sie: Sie wollen sich nicht länger unterordnen, sondern gleichberechtigt mitgestalten. Sie wollen nicht nur dienen, sondern fordern eine gerechte Aufgabenteilung in Familie und Beruf, Gesellschaft und Politik. Sie fordern Wertschätzung für ihre Arbeit und gleiche Bezahlung. Forderungen, die der modernen westlichen Welt keineswegs fremd, aber trotzdem längst nicht überall erfüllt sind.

Suche in der Antike

Regisseurin Marie Luise Hinterberger hat sich mit ihrer bewährten Laientheatertruppe des Themas angenommen und eine textliche Grundlage in der Antike gefunden. Am Beispiel der Komödie „Lysistrata“ von Aristophanes zeigt sie, dass auch schon im Jahr 411 vor Christus der Geschlechterkampf tobte.

Wütend fordern die Männer von der Zuschauertribüne ihre Frauen zur Heimkehr zu Kindern und Küche auf. Bild: Gudrun Trautmann
Wütend fordern die Männer von der Zuschauertribüne ihre Frauen zur Heimkehr zu Kindern und Küche auf. | Bild: Gtr

Die Frauen wollten nicht länger unter den kriegerischen Ambitionen ihrer Männer leiden. Sie besetzten das Zentrum der Macht in Athen und traten in den Streik, indem sie sich ihren Männern verweigerten.

Hausfrauenprotest

In Singen lässt Marie Luise Hinterberger nun acht Frauen das Singener Rathaus erstürmen. Mit Topfdeckelgetöse und laut skandierend fordern sie die Hälfte der Macht. Da sind die Männer längst ausgesperrt. Zu sechst vertreten sie in der Theaterversion das starke Geschlecht, das jedoch im Moment ohne die weibliche Hälfte stark ramponiert ist. Da helfen weder die Versuche, den von den Frauen besetzten Ratssaal zurückzuerobern; da helfen keine lautstarken Beschimpfungen; da hilft kein auf die Leinwand projiziertes, zotiges Stammtischgeschwätz aus dem Gasthaus Sonne. Die Frauen schmieden einen Plan, wie sie die Männer zu Zugeständnissen bewegen können.

Zwischen Ernst und Slapstick

Als Sprecherin führt Eva-Maria Morandell das in den Zuhörerrängen dicht gedrängte, vorwiegend weibliche Publikum in die Thematik ein. Sie beschreibt den Kampf der Frauen um die Jahrhundertwende, sorgt für die Überleitung der Szenen und begeistert die Zuschauer auch noch mit abgewandelten Gesängen à la Mackie Messer aus Bertold Brechts „Dreigroschenoper“.

Langsame Annäherung nach dem Streik: Die Männer räumen ihren Frauen die Hälfte der Macht ein. Das wird per Handschlag besiegelt. Bild: Gudrun Trautmann
Langsame Annäherung nach dem Streik: Die Männer räumen ihren Frauen die Hälfte der Macht ein. Das wird per Handschlag besiegelt. | Bild: Gtr

Susanne Egger in langem, schwarzen Mantel und Hut schlüpft in die Rolle der Clara Zetkin, die sich unerbittlich für das Frauenwahlrecht eingesetzt hat. Jede der Frauen schildert ihr eigenes Erlebnis von Unterdrückung, Bevormundung und Gewalt. Die Geschichten sind zum Teil so dick aufgetragen, dass es schmerzt. Und die Männer in der eingeblendeten Stammtischrunde geben sich mit ihrem vulgären Frauenbild endgültig der Lächerlichkeit preis. Dass schließlich der liebestolle Kämmerer Heinrich (Gerhard Beck) sich unter Katzengejammer das Hemd vom Leib reißt, bringt die Zuschauer zum Grölen. Kurzfristig fühlt man sich zwischen Fasnacht und Chippendales verfrachtet.

Nachdem die Frauen ihre Männer erfolgreich mit Schirm und Stock vertrieben haben, zeigen sie ihnen demonstrativ ihr Hinterteil. Bild: Gudrun Trautmann
Nachdem die Frauen ihre Männer erfolgreich mit Schirm und Stock vertrieben haben, zeigen sie ihnen demonstrativ ihr Hinterteil. | Bild: Gtr

Die rote Matratze verwandelt den nackten Ratssaal in ein verschmähtes Liebesnetst. Das Kalkül der Frauen siegt über den männlichen Trieb, und am Ende gehen beide Parteien aufeinander zu. Das Geschäft steht: Liebe gegen die Hälfte der Macht. Wenn es doch nur so einfach wäre.

Noch immer viel zu tun

Es hat sich viel getan in 100 Jahren, seit die Frauen durch ihr Stimmrecht mitreden und selbst politische Ämter übernehmen können. Und doch gibt es Lücken in der Gleichstellung von Mann und Frau: Das beginnt beim Zutrauen in der Arbeitswelt und reicht über die ungleiche Bezahlung bis hin zur Aufgabenverteilung in der Familie. Doch das dümmliche Bild der Männer, das in diesem Stück gezeichnet wird, ist platte Übertreibung und damit für Liebhaber des Schwanks ein Riesenspaß.

Den scheinen auch die Schauspieler selbst zu haben. Der nüchterne Ratssaal, die nackte Leinwand vor Otto Dix' Wandfresko „Krieg und Frieden“ (wie symbolisch), sowie die spärlichen Requisiten (Eimer, Besen, Kartoffelstampfer und Regenschirm) genügen ihnen, um ihre Geschichten zu erzählen. Ob das ausreicht, um den Menschen den Wert des Wahlrechtes zu vermitteln, bleibt allerdings fraglich.