"Jeder von uns ist froh, wenn er am Abend wieder sicher daheim ist", sagt Thomas Wittmer. Seit 24 Jahren arbeitet er für die Hilzinger Firma Gerhäuser, trotzdem ist der Rückbau des Conti-Hochhauses ein besonderes Projekt für den Abriss-Fachmann. Das liegt daran, dass sein luftiger Arbeitsplatz über der Bahnhofstraße nicht ungefährlich ist. In 27 Metern Höhe ist Wittmer mit seinen Kollegen damit beschäftigt, den neunten Stock des ehemaligen Hotelgebäudes abzutragen.

Mithilfe einer knapp ein Meter langen rotierenden Betonsäge trennt der kräftige Mann gerade eine Fensterfassade ab. Eine anstrengende, lärmintensive Aufgabe – die ihre Spuren hinterlässt: Von dem Dach und dem früherem Maschinenraum im obersten Stock ist nach zwei Wochen Sägearbeiten nichts mehr übrig. "Eine Etage hat die Maße 18 Mal 18 Meter", berichtet Wittmer und wischt sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Wange. Diese 324 Quadratmeter würden in jeweils 100, etwa 1,6 Tonnen schwere Klötze zerteilt. So soll es auch die nächsten Wochen weiter gehen. Etage für Etage. Bis vom Conti kein Stein mehr übrig bleibt.

Sicherheit geht vor: Jedes Einzelstück, das die Bauarbeiter aus den Wänden und Decken des Gebäudes herausschneiden, muss zunächst abgesichert werden.
Sicherheit geht vor: Jedes Einzelstück, das die Bauarbeiter aus den Wänden und Decken des Gebäudes herausschneiden, muss zunächst abgesichert werden. | Bild: Sabine Tesche

Dass die Arbeiten zügig voran gehen, hat auch mit den Wetterbedingungen zu tun. "Nur einmal hat es leicht gespritzelt“, berichtet Wittmer mit einem Lächeln. Dabei geht es ihm weniger um den Rundum-Blick auf das Hegau-Panorama, den er hier oben genießen kann, sondern eher um die eigene Sicherheit. Auf fast 30 Metern Höhe kann gerade der Wind zum Risikofaktor werden: „Wenn es zu sehr luftet, muss unser Kranführer gegensteuern“, erklärt Wittmer in breitem Hegau-Dialekt. Das funktioniere aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Für den Fall, dass der Wind zu stark wird, sei im Kran eine Sicherung eingebaut. "Sobald die anschlägt, schlägt der Kranführer Alarm und wir unterbrechen die Arbeit."

Heute Vormittag ist es windstill. Wittmer und drei seiner Kollegen kümmern sich um die Sicherung und Abtrennung der Betonteile. Ein weiterer Mitarbeiter bedient den 35 Meter hohen Kran, während ein anderer die abgetrennten Einzelteile unten auf dem Hof ablädt. Für die Abrissspezialisten der Firma Gerhäuser war es im Vorhinein schwierig, abzuschätzen, wie bröselig der Beton des Hochhauses sein würde. Seitdem das Gebäude in einem damals neuartigen Verfahren hochgezogen wurde, sind schließlich bereits fünf Jahrzehnte vergangen. Die Decken seien dann aber doch massiver gewesen als erwartet, freut sich Wittmer. Er hatte sich Sorgen gemacht, dass das Material porös sein könnte. "Die Nähe zur Bahnhofstraße macht die Arbeiten besonders gefährlich", betont Abrissunternehmer Thomas Gerhäuser und deutet auf die Fußgänger, die von hier oben nur als bunte bewegliche Punkte auszumachen sind.

Bis Ende Juli wird das einst höchste Gebäude der Stadt dem Erdboden gleichgemacht.
Bis Ende Juli wird das einst höchste Gebäude der Stadt dem Erdboden gleichgemacht. | Bild: Willi Albrecht

Gerhäuser besucht die Baustelle heute zusammen mit seiner Frau Andrea. Damit kein Einzelteil im Zuge des Abrisses auf die Straße fällt, werde der Kran nur im Bereich der Baustelle geschwenkt, erklärt der Bauleiter. Zudem sichere man jedes Einzelteil minutiös ab, bevor die Sägearbeiten beginnen. "Mit jeder Etage, die wir nach unten kommen, wird es etwas schneller voran gehen", ergänzt Andrea Gerhäuser. In den kommenden Wochen könne man die Last des Krans erhöhen und größere Stücke abschneiden. "Dann werden die Wege kürzer und es spielt sich eine gewisse Routine ein." Sie findet es fast schon schade, dass der neunte Stock nur noch in der Erinnerung der Singener existieren wird: "Dieser Ausblick ist doch einmalig", sagt sie und scherzt: "Vielleicht hätte man hier oben ein Penthouse mit Bar einrichten sollen."

Der Stadt dürfte es dagegen recht sein, dass der Conti-Rückbau zügig vonstatten geht, schließlich steht das einst höchste Gebäude Singens seit Ende Februar vergangenen Jahres leer. Nachdem das Hochhaus in einem ersten Schritt entkernt worden war, war es im Herbst zu Verzögerungen gekommen. "Es stand im Raum das Conti zu sprengen oder die Wände des Gebäudes mithilfe eines Spezialbaggers einzureißen", berichtet der Abteilungsleiter Gebäudemanagement, Christian Kezic. "Aus Sicherheitsgründen war aber beides nicht möglich." Er ist froh, dass man beim letzten Arbeitsschritt angekommen ist. "Bis zur 29. Kalenderwoche soll der Abriss beendet sein", gibt Kezic einen Einblick in den Zeitplan. Damit könnte das Conti bereits Ende Juli aus dem Lageplan der Innenstadt radiert werden.

Das Conti-Hochhaus

Das Gebäude wurde im Jahr 1967 an der Ecke Bahnhofstraße/Hauptstraße erbaut. Die Bauzeit betrug weniger als ein Jahr. Im Erdgeschoss und bis zum dritten Stock war das Hotel Continental untergebracht, das dem Conti seinen Spitznamen gibt. Im übrigen Haus befanden sich Wohnungen. Später kam es zu Umbauten im Erdgeschoss. Ein Strip-Lokal zog ein. Nach und nach kaufte die Stadt die Wohnungen auf, um das gesamte Areal weiterzuentwickeln. Bis Ende Februar 2017 wurde das Conti als Notunterkunft benutzt. Inzwischen steht nur noch der nackte Rohbau, der in den kommenden drei Monaten vom Abrissunternehmen Gerhäuser dem Erdboden gleichgemacht wird. (bie/das)