Die im Jahr 2009 in Singen von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen ins Leben gerufene Stolperstein-Initiative kann sich der weiteren Unterstützung des Gemeinderats sicher sein. In ihrer Sitzung am Dienstagnachmittag gaben die Stadträte einstimmig ihr Einverständnis zu einer Erklärung, in der jeder Stolperstein "zugleich auch ein Zeichen gegenüber aktuellen Tendenzen und Strukturen der Intoleranz, des Fremdenhasses und der Ausgrenzung" setze. Die Erklärung ist vor dem Hintergrund einer Stellungnahme des AfD-Politikers und Landtagsabgeordneten Wolfgang Gedeon zu sehen, der den Gemeinderat zur Distanzierung von der Initiative aufgefordert hatte. Als Anlass dafür nutzte er die Verlegung von Stolpersteinen für die Familie Thälmann in der Rielasinger Straße in Singen, wo die Frau und Tochter von Ernst Thälmann bei ihrer Verhaftung durch die Nazis wohnten. Ernst Thälmann war als Vorsitzender der KPD und Reichstagsabgeordneter seiner Partei bereits 1933 verhaftet worden. Er wurde 1945 von den Nationalsozialisten ermordet, seine Frau und seine Tochter kamen ins Konzentrationslager Ravensbrück. Das Schicksal von Ernst Thälmann wurde später von der DDR zur Heldenverehrung instrumentalisiert.

Erwünschte Diskussion

Zu den geschichtlichen und politischen Zusammenhängen heißt es in der Erklärung des Gemeinderats: "Es ist ausdrücklich erwünscht, wenn einer dieser Steine zum 'Stein des Anstoßes' wird – zur Beschäftigung mit den einzelnen Schicksalen und der politischen wie gesellschaftlichen Hintergründe sowie zur lebendigen Diskussion." Man unterstütze das Ziel, die Opfer des nationalsozialistischen Terrors über die Stolpersteine wieder in der Stadt zu "verorten". "Indem wir dies tun", so heißt es in der Erklärung, "wollen wir ihnen ihren Namen, einen Ort der Erinnerung und damit auch ein Stück ihrer menschlichen Würde zurückgeben."

Trauer als Zeichen von Stärke

In der Erklärung wird zugleich darauf verwiesen, dass inzwischen in 21 europäischen Ländern Stolpersteine verlegt werden. In der Aussprache verwies Veronika Netzhammer (CDU) in diesem Zusammenhang darauf, dass dadurch das Ausmaß des Nationalsozialismus deutlich werde. Benedikt Oexle (SPD) sieht Wolfgang Gedeons Stellungnahme in einer Reihe mit Aussagen von AfD-Politikern, die die Erinnerung beispielsweise für Holocaust-Opfer als "Denkmäler der Schande" empfinden. Für ihn selbst dagegen dienen die Stolpersteine dazu, sich mit "Schuld, Scham und Trauer als Teil unserer Identität" zu beschäftigen. Diese Fähigkeit, sich der Vergangenheit mit Empathie zu stellen, habe Deutschland resozialisiert und in der internationalen Gemeinschaft stark gemacht.