Es ist fünf vor Zwölf. Aber schon jetzt, um Punkt 11.55 Uhr, sind vor den Pforten von Maggi wummernde Glockenschläge zu hören. „Hell’s Bells“, die Glocken der Hölle, aus dem gleichnamigen Lied der Rockband AC/DC rufen die 400 Mitarbeiter der Frühschicht dazu auf, die Arbeit niederzulegen. Die Botschaft der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) ist klar: Den Planungen von Nestlé hat bereits vor der nächsten Tarifrunde das letzte Stündlein geschlagen.

Weniger Weihnachts- und Urlaubsgeld und Mehrarbeit

"Völlig inakzeptabel", so fasst der Landesbezirksvorsitzende der NGG, Uwe Hildebrandt, die Forderungen des Konzerns zusammen, während hinter ihm eine lange Mitarbeiter-Schlange aus den Werkstoren heraus auf die Julius-Bührer-Straße strömt. Hildebrandt zählt auf, was die insgesamt 750 Frauen und Männer am Standort Singen erwartet, sollte sich Nestlé bei der bevorstehenden dritten Verhandlungsrunde durchsetzen.

"Weniger Weihnachts- und Urlaubsgeld, eine Stunde pro Woche umsonst arbeiten und die nächsten zwei Jahre lang eine Nullnummer", schildert Hildebrandt. "Und das obwohl wirtschaftlich keine Notwendigkeit für Einsparungen besteht." Aus Sicht der NGG geht es dem Konzern einzig und alleine darum, die Aktienrendite von aktuell 16 auf 18,5 Prozent zu erhöhen. "Und das soll auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden."

Mitarbeiter fühlen sich ausgequetscht

Peter Sarstedt sieht das ähnlich. Gerade eben hat sich die junge Mann eine neonfarbene Warnweste übergestreift. Auf der Rückseite ist in dicken Lettern die Aufschrift: "Wir streiken" angebracht. Sarstedt ist Gruppensprecher und im Maggi-Werk Singen für die Überwachung der Produktionslinien zuständig. "Wir leisten täglich gute Arbeit ab", betont er. "Und trotzdem werden wir ausgequetscht wie Zitronen. Einfach nur, weil die da oben nicht genug bekommen können." Nur wenige Meter von ihm entfernt schwingt Bianca Rinderle eine NGG-Fahne. Erst wenige Wochen sei es her, dass sie von den Plänen des Konzerns erfahren habe, berichtet die Maggi-Mitarbeiterin. Sie unterstützt die Forderung der Gewerkschaft: "Wir streiken für höhere Löhne!"

Eine Erhöhung der Entgelte um sechs Prozent fordert die NGG in der aktuellen Tarifrunde. "Nestlé muss auf uns zugehen", findet Uwe Hildebrandt. Inzwischen hat der Landesbezirksvorsitzende ein Podest bestiegen. Per Mikrofon wendet er sich direkt an die Belegschaft. "Wir lassen uns nicht gefallen, was in der Konzernzentrale verbrochen wird." Man werde es nicht zulassen, dass in die Geldbeutel der Mitarbeiter gegriffen werde, um die Aktionäre reicher zu machen. Markige Worte, die von Klatschen, Tuten und den schrillen Pfiffen unzähliger Trillerpfeifen beantwortet werden. Sollte Nestlé bei seinen Prioritäten bleiben, bleibe der Gewerkschaft nur noch die Möglichkeit einer Urabstimmung, schließt Hildebrandt.

Kommt der nächste große Streik?

Was das bedeutet, führt anschließend Betriebsratsvorsitzender Alfred Gruber aus. Fast auf den Tag genau 14 Jahre sei es her, dass die Maggi-Mitarbeiter in Singen zehn Tage die Arbeit niedergelegt hätten. "Wir werden das Gleiche wieder machen, falls der Konzern nicht einlenkt!" 2004 habe die Belegschaft nicht über Standortgrenzen hinweg geschlossen agiert. Das sei in diesem Herbst anders. Kein Zufall, dass sich Gruber nach diesen Worten bei den Mitarbeitern des Caro-Kaffee-Werks in Ludwigsburg bedankt. Wie Maggi gehört auch Caro-Kaffee zu Nestlé. Dem Ludwigsburger Werk droht gar die Schließung, weshalb einige Mitarbeiter den Weg in den Hegau angetreten hatten, um Solidarität zu signalisieren.

Signalwirkung hat dann auch die Musik, die nach Grubers Rede aus den Boxen wummert. Die Trommeln von Queens "We will rock you" liefern eine kämpferische Einstimmung auf die kommende Tarifrunde. Maggi dagegen bleibt stumm. Die Bitte des SÜDKURIER um Stellungnahme wird mit dem Hinweis beantwortet, dass man sich zu den laufenden Gesprächen nicht äußern wolle.

Wenn Unternehmens-Entscheidungen nur den Populisten nutzen

Rita Schwarzelühr-Sutter, parlamentarische Staatssekretärin und SPD-Politikerin hat sich im Vorfeld des Streiks mit dem Betriebsrat von Maggi getroffen. Im Gespräch mit dem SÜDKURIER bezieht sie Stellung.

Rita Schwarzelühr-Sutter, SPD Bundestagsabgeordnete und Parlamentarische Staatssekretärin.
Rita Schwarzelühr-Sutter, SPD Bundestagsabgeordnete und Parlamentarische Staatssekretärin. | Bild: Ursula Freudig

Sie haben sich schon einen Tag vor dem Streik mit dem Maggi-Betriebsrat getroffen. Warum?

Ich wollte mir ein Bild davon machen, was ein multinationaler Konzern mit so viel Macht wie Nestlé hier in Singen plant. Und ich wollte mir vor Ort anhören, ob und inwiefern diese Planungen etwas mit Stellenabbau und nachhaltiger Unternehmenspolitik des Konzerns zu tun haben.

Zwei Stunden lang haben Sie sich ausgetauscht. Wie lautet ihr Fazit?

Ich kann den Betriebsrat gut verstehen. Auch ich finde es nicht nachvollziehbar, wenn ein Unternehmen wie Nestlé, das jedes Jahr riesige Milliardengewinne einfährt, eine Politik macht, die mit Nachhaltigkeit nichts zu tun hat. Da kann ich den Betriebsrat nur unterstützen und an die die Verantwortung der Unternehmensführung appellieren: Nachhaltigkeit muss auch am Arbeitsplatz umgesetzt werden.

Gibt es außer Appellen auch etwas, das die Politik konkret für die Mitarbeiter von Maggi in Singen tut? Wie kann geholfen werden?

Politik greift nicht in Tarifverhandlungen ein. Das machen die Tarifpartner. Ich als Sozialdemokratin mache deutlich, dass es keine langfristige Strategie sein kann, auf kurzfristige Rendite zu setzen. Das ist auch nicht erfolgsversprechend. Es gibt auch viele Anleger, die auf Nachhaltigkeit Wert legen. Immer mehr Anleger steigen aus Rüstungsfirmen, Kohle- oder Ölunternehmen aus. Dass sollte Nestlé zu denken geben. Gerade als Bundespolitikerin ist es mir wichtig, Nestlé zu zeigen, dass wir im Blick haben, wie Multis agieren. Nur den Nachhaltigkeitsbericht auf Ökopapier auszudrucken – das reicht uns nicht. Nachhaltigkeit muss im Unternehmen gelebt werden.

Heutzutage, scheinen undemokratische Gruppierungen an Einfluss zu gewinnen. Macht es ihnen Mut, dass sich die Maggi-Mitarbeiter in Singen demokratisch organisieren und auf die Straße gehen?

Ja, das tut es. Gerade der Umgang mit Arbeitnehmern muss meiner Meinung nach noch viel mehr in die Gesellschaft getragen werden. Denn, wenn Bürger sich nicht vertreten fühlen, weil sie nicht mehr nachvollziehen können, warum bestimmte unternehmerische Entscheidungen gefällt werden, nützt das am Ende nur den Populisten.