Herr Both, mein Kollege Georg Becker hat Sie einmal als Mister Hohentwiel bezeichnet, weil Sie dem Berg ein Gesicht gegeben haben. So sehen viele Singener Sie auch. Doch nun haben Sie dem landwirtschaftlichen Betrieb zur Jahresmitte den Rücken gekehrt. Warum?

Der Hohentwiel liegt mir sehr am Herzen. Es ist wie eine große Liebe. Aber aus gesundheitlichen Gründen kann ich mich nicht mehr so um den Betrieb und den Naturschutz auf dem Berg kümmern, dass es meinen eigenen Qualitätsansprüchen genügt. Deshalb habe ich beschlossen, den Hof abzugeben, solange ich noch die Kraft habe.

Mit Ihrem Schäfer Michael Thonnet haben Sie einen fähigen Nachfolger gefunden.

Ja, deshalb war es jetzt genau der richtige Zeitpunkt, abzugeben. Michael Thonnet ist genau im richtigen Alter, um als Pächter die Verantwortung für den Hof zu übernehmen. Wenn er erst in zehn Jahren meine Nachfolge antreten könnte, wäre das vielleicht zu spät gewesen.

Ihren Vorgänger auf der Domäne haben die meisten gar nicht gekannt. Was haben Sie anders gemacht, um die Herzen der Singener zu erobern?

Als es 1998 um die Neuverpachtung des Betriebes auf dem Hohentwiel ging, war ich der einzige Bewerber, der auch ein Naturschutzkonzept vorgelegt hat. Damals hat sich sowohl das Referat Naturschutz am Regierungspräsidium, als auch das Landwirtschaftsamt für mich als Pächter stark gemacht. Daraufhin hat auch das Liegenschaftsamt zugestimmt. Dann haben wir uns von Anfang an für die Singener geöffnet.

In den 20 Jahren haben Sie mit Ihren Schafen ganze Arbeit für die seltene Flora und Fauna geleistet. Vielen Besuchern ist vielleicht gar nicht bewusst, dass die Schafe und Ziegen die extensive Pflege betreiben.

Ja, das stimmt, aber wir haben viele Jahre ohne die entsprechenden Verträge gearbeitet und viel eigenes Geld in den Betrieb gesteckt. Jedes einzelne Schaf ist in der Haltung teurer als der Erlös. Deshalb brauchen wir die Querfinanzierung durch die Naturschutzbehörde. Die Landschaftspflege muss bezahlt werden. Mittlerweile gibt es dafür verlässliche Verträge.

Ein Bild aus alten Tagen: Hubertus Both (Mitte) inmitten seine Schafen. Die einmalige Flora und Fauna am Hohentwiel zu erhalten, hatte er sich zur Aufgabe gemacht. Diese Aufgabe hat nun Michael Thonnet mit seiner Schafen übernommen. <em>Archivbild: Patrick Seeger</em>
Ein Bild aus alten Tagen: Hubertus Both (Mitte) inmitten seiner Tiere. Die einmalige Flora und Fauna am Hohentwiel zu erhalten, hatte er sich zur Aufgabe gemacht. Diese Aufgabe hat nun Michael Thonnet mit seinen Schafen übernommen. | Bild: Patrick Seeger

Und deshalb können Sie sich jetzt beruhigt neuen Zielen zuwenden?

Ich möchte mich momentan mehr auf die Kommunalpolitik konzentrieren. Ich möchte neue Kraft schöpfen und mich dann neuen Projekten zuwenden. Ich lebe gerne in Singen und war noch nie so lange an einem Ort wie hier. Vor 20 Jahren hatte ich Singen gar nicht so auf dem Plan. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich hier so aufgenommen werde. Ich habe hier meine Heimat gefunden und möchte mich dafür engagieren.

Sie haben es den Menschen aber auch leicht gemacht, indem Sie sich von Anfang an geöffnet haben.

Ja, mit unseren Hohentwielführungen haben wir viele Tausend Menschen erreicht. Wir haben Projekte wie Advenstnächte, Lesungen, Konzerte, Theater in der Scheune organisiert. Wir haben viele Gäste und Gruppen bewirtet. Das hat uns viel Anerkennung eingebracht. Wir wurden zum Beispiel mit dem Agendapreis, dem Landesnaturschutzpreis und dem Kulturlandschaftspreis des Schwäbischen Heimatbundes ausgezeichnet.

Gab es auch Enttäuschungen?

Frustrierend war die zermürbende Bürokratie. Ich wollte aus der Domäne einen Landschaftspflegehof machen. Dafür haben sich auch Oberbürgermeister Bernd Häusler und Hans-Peter Storz (damals als SPD-Landtagsabgeordneter) stark gemacht. Wir wollten das institutionalisieren. Doch der damalige Landwirtschaftsminister Alexander Bonde (Grüne) war daran nicht interessiert. Das bedeutet, dass die Verantwortung für den Pachtbetrieb weiterhin von einer Person abhängt. Das bedeutet, dass man an sieben Tagen in der Woche 24 Stunden verantwortlich ist.

In der Kommunalpolitik wollen Sie aber weiterhin aktiv bleiben?

Ich war schon immer ein politischer Mensch. Als Schüler war ich Klassen- und Schulsprecher, dann habe ich mich in der Dritte-Welt-Bewegung engagiert. Dafür brauche ich kein Parteibuch. Durch Helga Kaul bin ich zu den Freien Wählern (FW) gekommen. Sie hat mich als erste gefragt, ob ich bei ihnen kandidieren würde. Bei der Kommunalwahl 2004 bekam ich ein exzellentes Ergebnis. Mir gefällt die sachorientierte Politik in Singen. In der Kommunalpolitik habe ich als gewählter Vertreter einen andern Einfluss. Ich finde es positiv, dass wir im Gemeinderat und im Kreistag noch einen gewissen Gestaltungsspielraum haben.

Welche Themen liegen Ihnen besonders am Herzen?

Mich beschäftigen Themen zur alternden Gesellschaft. Deshalb interessieren mich Projekte wie "älter werden im Quartier" oder Leben zwischen Arbeit und Ruhestand. Aber genauso müssen wir uns im Gemeinderat zum Beispiel um die dringend benötigte dreiteilige Sporthalle kümmern.

Woraus beziehen Sie Ihre Kraft?

Ich wohne ja jetzt nicht mehr auf, sondern am Fuße des Hohentwiel und kümmere mich sehr gerne um meinen Garten und tanke Kraft in der Natur.