Die Ermordung von George Floyd durch einen weißen Polizisten hat in den vergangenen Monaten die Menschen bewegt. Sie selbst sind wahrscheinlich schon viel länger mit Rassismus konfrontiert. Wie nehmen Sie wahr, wie gerade über das Thema gesprochen wird?

Ich finde es schwierig, wenn das Thema Rassismus auf rein emotionale Weise aufgegriffen wird – so wie es zuletzt in den Medien oft passiert ist. Das Mitleid der Mehrheit wird fast schon zur Bedingung gemacht, um als Minderheit sichtbar zu werden und sprechen zu dürfen. Das finde ich nicht zielführend. Hilfreicher ist es doch, Rassismus aus einer objektiven, wissenschaftlichen Perspektive heraus zu betrachten. Keine Frage: Gefühle von Menschen spielen immer eine Rolle – sie sind aber nur die Auswirkungen des eigentlichen Problems. Wenn man immer nur die emotionale Schiene fährt, kann das schnell in Vergessenheit geraten.

Auch in den sozialen Medien ging es nach Floyds Tod emotional zu. Viele äußerten sich zum ersten Mal öffentlich zum Thema Rassismus.

Dieser Hashtag-Aktivismus hat etwas Ambivalentes. Auf der einen Seite kann man ein Bewusstsein schaffen, Menschen sensibilisieren und mobilisieren. Auf der anderen Seite droht die eigentliche Botschaft in dieser großen Inhaltsflut unterzugehen. Wir als Black-Lives-Matter-Gruppe hatten in Konstanz zum Beispiel das Problem, dass so viele Instragram-Nutzer ein schwarzes Bild gepostet und mit dem Hashtag „Black Lives Matter„ versehen haben, dass die Informationen, die wir teilen wollten, nicht mehr wirklich auffindbar waren. Das ist natürlich schade. Denn einfach nur ein schwarzes Bild zu posten, reicht ja nicht. Es muss ein wirkliches Umdenken einsetzen. Schon in Kindergärten und Schulen muss rassismuskritisches Denken vermittelt werden.

Bild: Tesche, Sabine

Sie sind in Rielasingen aufgewachsen und zur Schule gegangen. War Rassismus im Klassenzimmer ein Tabuwort?

Zum Teil war es noch schlimmer. Ich hatte zum Beispiel in der sechsten Klasse einen älteren Bio-Lehrer, der uns in Rassenlehre unterrichtet hat. Ich weiß noch, wie er den Tageslichtprojektor rausgeholt hat und vier Arten von Schädeln als Prototypen für vier verschiedene Menschenrassen an die Wand geworfen hat. Für alle hatte er lateinische „Fachbegriffe“. Er hat versucht, Rassismus wissenschaftlich zu untermauern. Für mich als Zwölfjährige war das sehr merkwürdig. Es macht einen ja auch irgendwie mundtot. Wenn Autoritäts-Positionen so ausgenutzt werden, wundere ich mich nicht, dass es in unserer Region immer noch Rassismus gibt.

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Welche Arten von Rassismus sind Ihnen denn im Hegau bereits begegnet?

Alleine die Frage: „Woher kommst du?“ ist für mich ein Paradebeispiel. Die Antwort „Rielasingen„ will in meinem Fall ja niemand hören. Wegen meines Erscheinungsbildes geht man automatisch davon aus, dass ich nicht dazu gehöre. Selbst beim Arztbesuch werde ich zuerst gefragt, woher mein Name stammt. Ich selbst habe sogar noch ein Privileg, weil ich eine hellere Hautfarbe als andere habe. Dadurch erfahre ich teilweise auch „positiven“ Rassismus. Positiv ist jedoch nicht im Sinne von „angebracht“ zu verstehen, da es sich immer noch um Vorurteile und Rassismus handelt. Zum Beispiel, wenn Leute Sachen sagen wie: „Du kannst bestimmt gut tanzen.“

Was steckt hinter solchen Aussagen: Gedankenlosigkeit oder Bosheit?

Beides. Ich glaube, das wenigste passiert aus reiner Bosheit heraus. Es hat eher damit zu tun, dass wir alle rassistisch sozialisiert wurden. Mich eingeschlossen. Auch ich habe als Kind „Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?“ gespielt oder das Lied von den „Zehn kleinen ...“ mitgesungen. Ich habe in meiner Schulzeit auch nie ein Buch gelesen, wo ein schwarzer Charakter die Hauptperson war. Umgekehrt habe ich viele rassistische Kinderbücher gelesen, Struwwelpeter und Pippi Langstrumpf zum Beispiel. Ich glaube, dass es sich für uns alle lohnt, darüber nachzudenken, was wir als normal empfinden und warum das so ist. Das gilt für Alltagsrassismus, aber auch für strukturelle Probleme.

Was sind denn Beispiele für strukturellen Rassismus?

Auf dem Wohnungs- oder Arbeitsmarkt werden bereits Vorsortierungen nach dem Nachnamen vorgenommen. Wer einen ausländisch klingenden Nachnamen hat, hat schlechtere Chance. Aber auch das Vorgehen der Polizei offenbart strukturelle Probleme. Ich finde es krass, wie oft die Polizei in Singen junge schwarze Männer kontrolliert. Gerade erst vor ein paar Wochen habe ich wieder gesehen, wie ein Polizist ohne ersichtlichen Grund einen schwarzen jungen Mann herausgezogen und kontrolliert hat. Umgekehrt habe ich noch nie gesehen, dass einfach mal so ein älterer weißer Mann kontrolliert wird.

Polizeigewalt war ja auch ein Auslöser für die Black-Lives-Matter-Proteste. Wie sind Sie selbst dazu gekommen, sich zu engagieren?

Eine Freundin von mir hatte die Idee für eine Kundgebung in Konstanz. Das war knapp eine Woche nach dem Mord an George Floyd. Sie war sich sicher, dass sie etwas tun wollte, und hat Menschen gesucht, die ihr helfen. Da sie selbst einen albanischen Hintergrund hat, wollte sie aber nicht für schwarze Menschen sprechen. Sie hat mich gefragt, ob ich eine Rede halten möchte. Das habe ich dann auch gemacht.

Black-Lives-Matter-Demonstration in Konstanz: Auf dem Münsterplatz setzen Menschen ein Zeichen für Toleranz, Akzeptanz und Humanität. Linda Addae tritt als Rednerin auf.
Black-Lives-Matter-Demonstration in Konstanz: Auf dem Münsterplatz setzen Menschen ein Zeichen für Toleranz, Akzeptanz und Humanität. Linda Addae tritt als Rednerin auf. | Bild: Scherrer, Aurelia

Hat das Überwindung gekostet? Immerhin waren bei der ersten großen Kundgebung am Konstanzer Münster um die 1000 Menschen.

Doch, mit Sicherheit. Ich hatte zwar eine Rede vorbereitet, habe mir aber gesagt: Ich schaue mir erst einmal alles vor Ort an. Als ich dann mit den anderen vor dem Münster stand, war mir klar, dass ich den Protest unterstützen möchte. Da waren zum Teil ja viel jüngere Mädels, die moderiert haben. Ich dachte mir: Wenn andere sich das mit 17, 18 Jahren trauen, kann ich als 26-Jährige nicht kneifen. (schmunzelt)

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Was sagen Sie Leuten, die Polizeigewalt gegen schwarze Menschen für ein rein amerikanisches Problem halten?

Es ist doch aber schon hier passiert. Ein bekannteres Beispiel ist der ungelöste Fall von Oury Jalloh. Vor 15 Jahren starb er in einer Dessauer Polizeizelle. Er war zuvor schwer alkoholisiert und wurde unter dem falschen Verdacht, Frauen belästigt zu haben, in Gewahrsam genommen. Er soll sich bei der Festnahme derart gewehrt haben, dass die Beamten ihn auf einer Pritsche fixierten. Stunden später war er tot. Er soll die feuerfeste Matratze, auf der er gefesselt war, selbst in Brand gesetzt haben und dann lebendig verbrannt sein. Der Fall ist bis heute nicht gelöst. Solche Fälle gelangen nicht in unser kollektives Gedächtnis, wohingegen Fälle ermordeter weißer Personen eher kursieren. Das zeigt, wie prekär schwarze Leben sind.

Warum will sich die Öffentlichkeit nicht mit solchen Fällen beschäftigen?

Das ist eine typische Abwehrhaltung, die mit dem Begriff Weiße Fragilität beschrieben wird. Viele Menschen verbinden Rassismus mit großen Negativbeispielen wie Adolf Hitler. Man denkt sich: „Ich bin doch nicht so. Ich bin doch kein schlechter Mensch.“ Rassismus ist aber vielschichtig. Um das zu verstehen, muss man seine Abwehrhaltung fallen lassen. Das fällt gerade älteren Menschen schwer. Viele wollen sich nicht mit Rassismus beschäftigen, weil sie spüren, dass das schmerzhaft sein könnte.

Es muss mühsam sein, ein Problem lösen zu wollen, von dem Menschen gar nicht hören wollen, dass es existiert.

Teils teils. Man muss ja auch sagen: Es gab in den vergangenen Monaten wirklich eine Welle der Solidarität. Das habe ich in meinem Bekanntenkreis gespürt. Man hat auf einmal Leute erreichen können, die ein echtes Interesse daran hatten, sich weiterzubilden. Ich habe mich gefreut, Buchtipps zu geben oder Fragen zu beantworten. Und mittlerweile hab‘ ich sogar ein bisschen Hoffnung, was die Politik angeht. In Konstanz zum Beispiel arbeiten wir mit dem Stadtrat Mohamed Badawi zusammen. Er hat im Gemeinderat zwei Anträge zu den Themen Anti-Diskriminierung und Anti-Rassismus gestellt. Zum einen geht es darum, den Bürgersaal zu nutzen, um dort in Zukunft Veranstaltungen ausrichten zu können. Auf der anderen Seite geht es um die Gründung eines Arbeitskreises, damit langfristig Stellen besetzt werden, die aktiv etwas gegen Rassismus in der Stadt unternehmen. Herr Badawi kam durch die Black-Lives-Matter-Demos auf diese Ideen und hat uns als Organisatoren gebeten, ihn zu unterstützen.

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Und haben Sie Hoffnung, dass sich etwas ändern wird?

Ich finde es wichtig, dass wir Angebote schaffen, damit Leute sich weiterbilden können. Und ich glaube schon jetzt, dass die jüngere Generation viel mehr Möglichkeiten hat, sich zu informieren. Es ist einfacher geworden, Inhalte zu teilen. Ich kann Bücher, Videos und Hörbücher empfehlen. Oder mit meinem Smartphone einen Screenshot machen und Informationen schnell verbreiten. Früher hätte man viel mehr Aufwand investieren müssen, weil alles analog war. Das macht mir Hoffnung. Ich hoffe einfach, dass es besser wird.

Bild: Tesche, Sabine

Haben Sie Tipps gerade für weiße Menschen, die erst jetzt anfangen, sich mit Diskriminierung auseinanderzusetzen?

Den Begriff Rassismus verstehen lernen. Und nicht denken, man weiß, was das ist, nur weil man weiß, was im Dritten Reich passiert ist. Von dieser Art von Rassismus kann man sich nämlich leicht abgrenzen, ohne dass man selbst etwas verändern muss. Nach dem Motto: „Rassistisch sind die anderen. Das war früher. Ich habe damit nichts mehr zu tun.“ Wenn man sich von diesem Denken löst, wird man schnell Sachen finden, die bei einem selbst nicht in Ordnung sind. Lache ich vielleicht über Witze, die rassistisches Denken reproduzieren? Interessiere ich mich für bestimmte Menschen erst, wenn ihnen etwas Trauriges passiert?

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