Herr Schmid, die Kolpingsfamilie Rielasingen gibt es seit fast 90 Jahren. Wie hat sich die Familienstruktur verändert?

Wir sind heute ein Verein für Familien und mit Menschen aller Altersklassen, die christlichen Wertvorstellungen folgen. Begonnen hat das Ganze aber als reiner Gesellenverein. Damals wurden die Herren nach dem Sonntagsgottesdienst in der Christenlehre unterrichtet, danach trafen sich die Kolpingbrüder im Gasthaus „Löwen“ zum Frühschoppen. Dort hat man sich versammelt, geplant und auch das Aufnahmeritual neuer Brüder vollzogen. Ein solches Ritual gibt es heute nicht mehr.

Die Kolpingsfamilie ist nach wie vor präsent in der Gemeinde. Wie hat sich die Art der Veranstaltungen und Unternehmungen geändert?

Vor 50 Jahren fand eine große Veränderung statt: Frauen und Familien wurde die Mitgliedschaft erlaubt. Die Kolpingbrüder in Rielasingen hatten gemerkt, dass sie mit ihren Frauen und Kindern mehr erreichen konnten. Man benötigt eben einfach viele Helfer bei der Organisation und für den Fortbestand der Familie. Und Ausflüge und andere gesellige Anlässe machen mit Frauen und Kindern einfach mehr Sinn und Freude.

In Deutschland gibt es weltweit zahlenmäßig die meisten Kolpingsfamilien, an zweiter Stelle folgt Indien – insgesamt gibt es in 61 Ländern 5800 Kolpingsfamilien mit rund 450.000 Mitglieder. Welche Ziele verfolgte der Priester und Begründer des Kolpingwerkes?

Adolph Kolping (1813 bis 1865) wollte jungen Menschen bei der Entfaltung ihrer Persönlichkeit helfen. In so genannten Gesellenhäusern wollte er den jungen Gesellen auf der Walz einen Familienersatz schaffen. Zur Zeit der industriellen Revolution verarmten viele Gesellen, sie hatten ihre Unterkunft bei ihren Meistern verloren und etliche standen auf der Straße. In ihren Wanderjahren fanden sie dann Obdach in den von Kolping gegründeten Gesellenhäusern. Von Beginn an ging es ihm um soziale Unterstützung, Bildung und religiösen Halt. Auch bei Krankheit kümmerte man sich in den Gesellenhäusern um die jungen Männer. Eigentlich füllte Adolph Kolping all das aus, was man normalerweise in der eigenen Familie erfährt und was die Gesellen auf ihrer Wanderschaft verloren hatten.

Und wie lassen sich solche Ziele heutzutage im Geiste Adolph Kolpings umsetzen?

Was damals angefangen hat, zieht sich bis heute durch. Wir unterstützen beispielsweise mit dem Erlös unseres jährlich stattfindenden Pater-Kleinwächter-Festes junge Menschen bei der Ausbildung, im vergangenen Jahr in Brasilien. Dabei wollen wir nicht einfach nur Geld schicken, sondern immer Maßnahmen zur Selbsthilfe fördern. Dazu kommt die Arbeit in Form von Kultur- und Freizeitveranstaltungen in unserer Gemeinde. Außerdem möchten wir gemeinsam eine Gemeinschaft leben, wozu ein geselliges Beisammensein gehört. Man könnte auch sagen: Wir wollen als Familie mit christlichen Werten leben.

In vielen Vereinen fehlt es an jungen Mitgliedern und Menschen, die Verantwortung übernehmen möchten. Wie sieht das bei der Kolpingfamilie in Rielasingen aus?

Wir wurden gemeinsam alt und ja, auch bei uns fehlt der Nachwuchs. Wir wünschen uns neue Familien in unserer Mitte, um mit ihnen die Zukunft unserer Kolpingfamilie in Rielasingen zu gestalten. Dabei haben wir eigentlich einen großen Vorteil. Bei uns muss man nichts Besonderes können, sondern einfach nur Freude an Gesellschaft und guten Zielsetzungen haben.

Was – glauben Sie – ist die Ursache für die Überalterung?

Wir sind im Ort präsent, aber zu wenig in den Köpfen der Menschen. Und manche Menschen haben Skrupel wegen unseres kirchlichen Hintergrunds. Ich habe den Eindruck, manche Menschen möchten einfach nichts mit Kirche und Christsein zu tun haben. Dabei sind fehlender Nachwuchs und fehlendes Engagement kein spezifisches Problem der Kolpingfamilie. Die Vielfalt und Auswahl für junge Menschen sind einfach zu groß. Zusätzlich stehen sie gesellschaftlich unter Druck, für Verpflichtungen und Bindungen in einem Verein bleibt da kaum noch Platz.

Sorgt Corona in der Kolpingfamilie Rielasingen für Stillstand?

Leider ist es auch bei uns zurzeit sehr ruhig, Treffen sind nicht möglich und das fehlt ganz klar. Mangels Räumlichkeiten und der Schwierigkeit, die aktuell gültigen Abstands- und Hygieneregeln einhalten zu können, mussten wir alle unsere Termine erst einmal absagen. Aber ganz still ist es bei uns trotz Corona nicht. Für die Zeit nach Corona planen wir schon jetzt ein abwechslungsreiches Angebot für alle Menschen. Um daran teilnehmen zu können, muss man kein Vereinsmitglied sein. Zum Beispiel walken wir regelmäßig „to Heaven“ – das ist ein Nordic Walking mit spirituellen und politischen Impulsen. Und wir planen ein gesellschaftspolitisches und unterhaltsames Kulturangebot für die Bevölkerung.