Die Begeisterung der Dorfbewohner war groß, als am 4. Juli 1964 in Worblingen nach einer neunmonatigen Bauzeit ein Freischwimmbad eröffnet wurde. Worblingen war damals noch ein kleines Bauerndorf. Dass hier ein Freibad gebaut worden war, war schon eine außergewöhnliche Sache.

Die Idee zum Bau eines Schwimmbades war bereits einige Jahre zuvor entstanden. Die Gemeinde Worblingen hatte sich im Jahr 1958 dem Wasserversorgungszweckverband Überlingen am Ried angeschlossen und wurde seitdem von dort mit Wasser versorgt. Bei Überlegungen, wie man die bis dahin genutzte Trinkwasserquelle unterhalb des Schiener Berges nutzen könnte, entstand die Idee eines Schwimmbades. Doch für die Umsetzung hatte es bisher an den finanziellen Mitteln gefehlt.

Bürger machen sich für ein Freibad stark

Die Situation änderte sich, als es zu einer Gemarkungsabtretung von 107 Hektar der sogenannten Hohentwieler Wälder und des Gewanns Homburger (ehemaliger Worblinger Herrschaftswald) an die Stadt Singen kam.

Das Worblinger Naturbad ist in der Region ein Alleinstellungsmerkmal. Der Gemeinderat von Rielasingen-Worblingen entschied sich aus Umweltgründen für diese Variante, die ganz ohne Chlor auskommt. Das Wasser hat die Farbe eines natürlichen Gewässers. <em>Bilder (2): Sandra Bossenmaier</em>
Das Worblinger Naturbad ist in der Region ein Alleinstellungsmerkmal. Der Gemeinderat von Rielasingen-Worblingen entschied sich aus Umweltgründen für diese Variante, die ganz ohne Chlor auskommt. Das Wasser hat die Farbe eines natürlichen Gewässers. Bilder (2): Sandra Bossenmaier | Bild: Sandra Bossenmaier

Im Gegenzug forderten die Dorfbewohner in einer Bürgerversammlung, dass ein Teil der daraus erlösten Mittel für den Bau eines Schwimmbades verwendet werden sollte. Mit dem jungen Bürgermeister Bertold Heim wurde dieser Plan dann umgesetzt.

Becken bekommt ein kurioses Maß

Das Schwimmbad wurde mit dem Quellwasser vom Schiener Berg gespeist. Das Becken hatte mit genau 33,3 Metern Länge und 16,75 Metern Breite ein kurioses Maß. Es verfügte damit über sechs Schwimmbahnen. An der tiefsten Stelle war das blau gestrichene Betonbecken 3,50 Meter tief. Ein Seil teilte das Becken ziemlich genau in der Mitte in den Schwimmer- und Nichtschwimmerbereich. Ausgestattet war es mit einem ein und einem drei Meter hohen Sprungbrett und mit Startblöcken aus Beton.

Rund um den Badebereich wurde eine dornige Hecke gepflanzt. Somit war jeder Badegast gezwungen, die damals typischen Durchschreitebecken zu durchqueren.

Gemeindegärtner wird Rettungsschwimmer

Zwei Jahre nach Eröffnung des Schwimmbades übernahm Hermann Auer aus Worblingen mit zwei Kollegen die Badeaufsicht und Pflege des Bades. Als angestellter Gemeindegärtner hatte er viele Arbeiten im Dorf zu erledigen. Nach einer Ausbildung zum Rettungsschwimmer war er dann auch für zehn Jahre im Schwimmbad tätig. „Es war ein Bad für uns Worblinger“, berichtet er. Je nach Wetterlage, konkret ab einer Lufttemperatur von 20 Grad Celsius, war klar, das Schwimmbad wird ab der Mittagszeit geöffnet.

War von 1966 bis 1977 Bademeister im Worblinger Bad und erinnert sich gern daran: Hermann Auer.
War von 1966 bis 1977 Bademeister im Worblinger Bad und erinnert sich gern daran: Hermann Auer. | Bild: Sandra Bossenmaier

Schmunzelnd denkt Auer an diese Zeiten zurück. Etliche Male musste er sich den Fragen der meist jungen Badegäste stellen, wenn er aus Sicherheitsgründen die Sprungbretter sperren musste. Oder wenn er die Frauen und Mädchen an die Badekappenpflicht erinnerte. Diese war in der Badeordnung festgehalten, allerdings nur für die weiblichen Badegäste, die männlichen waren davon befreit.

Die Dorfbewohner waren selbstverständlich mächtig stolz auf ihr Schwimmbad. Vor dem Bau des Bades waren viele in der Aach oder am Rhein zum Schwimmen gewesen. Nun war es an heißen Sommertagen gar nicht so einfach, ein freies Stück Liegewiese für das Badetuch zu finden, berichten etliche Zeitzeugen.

Der Weg zum Naturbad

  • Zeit für etwas Neues: Die Worblinger waren mächtig stolz auf ihr Schwimmbad, doch der Zahn der Zeit hatte unübersehbare Spuren hinterlassen. Das Freibad entsprach nach der Jahrtausendwende optisch und technisch nicht mehr dem modernen Standard. Das Rohrleitungssystem um das Becken war zum Teil durchgerostet, das Bad hätte mit diesem Schaden nicht weiter betrieben werden können. Klar war, das Bad musste saniert werden. Dass das Bad so viele Jahre genutzt werden konnte, war mit ein Verdienst von Peter Amma. 35 Jahre lang arbeitete er als Bademeister im Bad. Die Verbundenheit zu seinem langjährigen Arbeitsplatz ist ihm immer noch anzumerken.
  • 2008 beginnt der Umbau: Nach der Badesaison 2008 begann der umfangreiche Umbau. Am 4. Juli 2009 konnte das Naturbad Aachtal bereits eröffnet werden. An heißen Sommertagen herrscht reger Badebetrieb im Naturbad. Kinder springen mit Spaß vom modern gestalteten Sprungturm ins kühle Nass, andere schwimmen ihre Bahnen, die Kleinsten planschen im Kleinkindbecken, während andere sich im Strandbereich oder auf der weitläufigen Liegewiese entspannen.
  • Aufbereitung ohne Chemie: Im Worblinger Naturbad wird das Wasser komplett ohne Chlor oder andere chemische Zusätze aufbereitet. Mikroorganismen, Pflanzen und Substrate reinigen das Badewasser. Gerade dies bedeutet für Nurhayat Aktas, die Pächterin des Naturbades, einen erheblichen Mehraufwand. „Wir beginnen um sechs Uhr am Morgen mit der Reinigung der Becken“, erklärt sie. Diese Reinigung wird den ganzen Tag über fortgesetzt, oft von den Badegästen unbemerkt. Nach anfänglichen Problemen mit Algenbildung im Wasser hat die Betreiberin die Reinigung und Pflege des Wassers im Griff. „Ich mache die Arbeit im Naturbad mit Liebe“, so Aktas.
  • Gemeinderat stellt die Weichen: „Das Naturbad war Neuland für uns“, erklärt Gudrun Breyer, die sich viele Jahre als Gemeinderätin in die Kommunalpolitik Rielasingen-Worblingens eingebracht hat. Als die Idee eines Naturbades im Gremium reifte, befassten sich die Gemeinderäte gründlich mit diesem Thema. Nach einer intensiven Informations- und Planungsphase wurde die Sanierung des Schwimmbades zum Naturbad umgesetzt. Eine große Rolle bei den damaligen Überlegungen spielten der Umweltschutzgedanke und die Gesundheit der Badegäste. „Ich stimmte mit Begeisterung für das Naturbad“, erinnert sich Breyer an die Abstimmung im Gemeinderat. „Dieses Naturbad ist ein Alleinstellungsmerkmal in unserer Region“, lobt sie das idyllisch gelegene Bad.
  • Das neue Bad: Das neue Schwimmerbecken hat einen Länge von 50 Metern. Daran angrenzend ist das Springerbecken, welches 4,40 Meter tief ist. Zusätzlich gibt es einen modern gestalteten Nichtschwimmerbereich und ein Kleinkindbecken. Holzbrücken über die Becken wurden gebaut und lockern die Gestaltung auf. Die Durchschreitebecken, die Betonstartblöcke und die alten Sprungbretter gehören nun der Vergangenheit an.
  • Ungewöhnliches Bad: Nicht alle Bürger befürworten das ungewöhnliche Freibad. So manch einer kritisiert das natürliche, leicht grünliche Badewasser. Badbetreiberin Nurhayat Aktas wünscht sich, dass gerade die Kritiker das Bad besuchen und sich von der Anlage überzeugen lassen. (bos)