Seit rund drei Wochen steht das Telefon von Philipp Nater kaum noch still. So lang ist es her, dass die Bundesregierung der Bevölkerung zu einem Notvorrat an Lebensmitteln für zehn Tage geraten hat. Und genau damit verdient Nater sein Geld. Gemeinsam mit zwei Kollegen führt er seit sechs Jahren die Firma Sicher-Satt. Zunächst nur in der Schweiz, doch seit 2012 auch mit einer kleinen Gewerbehalle in Rielasingen-Worblingen. Ihr Lager ist gefüllt mit Vollmilchpulver, Dosenbrot und Linsen – alles abgepackt in Dosen und Beuteln und alles für Jahre haltbar.

"Einen Vorrat für schlechte Zeiten zu haben, war in der Menschheitsgeschichte immer ein Thema. In den letzten Generationen ging das verloren", sagt der Schweizer. Bei ihm selbst sei das früher nicht anders gewesen – und genau so entstand die Idee für das Unternehmen. "Vor etwa 15 Jahren habe ich gemerkt, ich gehe morgens arbeiten, kaufe auf dem Heimweg ein, koche, esse und am nächsten Tag wieder von vorne", erzählt er. Ein Hamsterkäufer war er wahrlich nicht, stattdessen hätte er keinen Vorrat im Haus gehabt, falls mal etwas passieren sollte.

In seinem Lager, mittlerweile auch in seinem Keller, sieht das heute anders aus. Über Monate könnte man in den Räumen im Industriegebiet überleben. Gaskocher, Wasserfilter oder Schweizer Schokolade, die bis 2021 haltbar ist – alles steht bereit. "Der Hinweis der Bundesregierung war sofort bei unseren Bestellungen zu bemerken", blickt Nater zurück. Die vergangenen zwei Wochen hätte selten ein Arbeitstag weniger 14 bis 18 Stunden gehabt.

Im Hegauer Groß- und Einzelhandel sieht die Lage anders aus. "Uns sind weder Hamsterkäufe noch etwaige Engpässe bei einzelnen Produkten bekannt", erklärt Christhard Deutscher, Pressesprecher der Edeka-Gruppe. Auch bei einer SÜDKURIER-Umfrage vor Singener Geschäften sind die Einkaufswagen nicht gefüllter als üblich. Stattdessen ist von Panikmache und Blödsinn die Rede.

„Hamsterkäufe sind großer hirnverbrandter Blödsinn. Es ist eine einzige Panikmache. Ich kaufe nur das, was ich brauche und damit basta.“<strong>Roswitha </strong><strong>Friederich</strong> (76)
„Hamsterkäufe sind großer hirnverbrandter Blödsinn. Es ist eine einzige Panikmache. Ich kaufe nur das, was ich brauche und damit basta.“Roswitha Friederich (76) | Bild: Cornelia Schulz

Das sieht Philipp Nater natürlich anders. Für ihn sind die Notvorräte eine Versicherung in Dosenform, die einen schließen sie ab, die anderen nicht. Von Weltuntergangs-Gerede, das Hamsterkäufern oft entgegengehalten wird, will er nichts wissen. Stattdessen gehe es für ihn darum, gewappnet zu sein, wenn die fragile Versorgung einmal zusammenbricht. "Wir sind es gewohnt, ständig Produkte aus der ganzen Welt geliefert zu bekommen. Wenn es da einmal Probleme gibt, ist Feierabend." Insbesondere Stromausfälle, wie sie kürzlich Teile seiner Heimatstadt Zürich lahmgelegt haben, seien für ihn ein Risiko.

Am häufigsten verlässt das Notvorrat-Monatspaket das Lager in Rielasingen-Worblingen. Der Inhalt mit Volleipulver, Gemüsebouillon und fertigem Kartoffelbrei entspricht rund 60 000 Kalorien, ist zehn Jahre haltbar und kostet 259 Euro. "Manche Kunden wollen einen Vorrat für eine Woche, andere für zwei Jahre. Das Wichtigste ist, dass sie sich damit wohl fühlen", erklärt der Schweizer.

Für Nater ist die Notvorrat-Branche mehr als nur ein Geschäft. "Mir liegt viel am Thema, es ist wie eine Berufung", sagt Nater, der sein Geld früher bei einer Zürcher Bank verdient hat. Und von dort konnte er eine Sache auf sein neues Geschäft übertragen: die Diskretion. "Wir haben zu Beginn voller Stolz Kartons und unseren Lieferwagen bedruckt. Bei der ersten Lieferung wurden wir dann fast mit der Schrotflinte empfangen", berichtet der 48-Jährige. Wenn es um seine Kunden geht, wird der Geschäftsmann plötzlich schweigsam. Sie hätten auf die harte Tour lernen müssen, dass der Notvorrat ein diskretes Geschäft ist, von dem nicht jeder erfahren soll. In schlechten Zeiten will man die Schätze im Keller vielleicht nicht unbedingt mit dem unbeliebten Nachbarn teilen.

Die Empfehlung

Der Hinweis im neuen Zivilschutzkonzept der Bundesregierung, einen Notvorrat an Lebensmitteln und Trinkwasser im Haus zu haben, sorgte Ende August für Wirbel. Dabei ging es neben Empfehlungen für den Katastrophenfall auch darum, dass Bürger im Ernstfall zum Selbstschutz in der Lage sind, ehe staatliche Maßnahmen greifen. Dazu gehört auch, dass sich die Menschen einige Tage selbst versorgen könnten, dafür seien die Notvorräte nötig. An dem Empfehlungen kam Kritik auf, dass sie Ängste schüren und Panik verbreiten würden.