Die Situation ist ungewöhnlich, aber schön ungewöhnlich. Am Tisch sitzen etwa zwei Dutzend Menschen und essen griechische Leckereien. Nicht alle reden dieselbe Sprache. Teilweise verständigen sie sich mit Zeichen oder der Sitznachbar muss aushelfen, wenn das Vokabular ausgeht. Alle verstehen sich trotzdem bestens und lachen gemeinsam, auch über die Weltpolitik. Und irgendwie tragen alle den Nachnamen Graf und alle sind irgendwie miteinander verwandt.

Zwölf Amerikaner haben sich auf den Weg gemacht, um das kleine Dorf Worblingen zu besuchen. Worblingen war das Ziel und der Grund ihrer einwöchigen Deutschlandreise. Hier begaben sie sich auf Spurensuche ihrer Vorfahren.

Ann Graf nimmt Kontakt auf

Vor etwa zwei Jahren hatte Ann Graf Kontakt zu Ottokar Graf aus Worblingen aufgenommen. Die beiden haben einen gemeinsamen Stammbaum und interessieren sich beide für Heimatgeschichte. Bis sich beide dann gegenüber standen, pflegten sie den Kontakt per Email. Es war Anns Idee, die Heimat ihrer Vorfahren zu besuchen und die dort lebende Verwandtschaft kennen zu lernen. Sie trommelte ihre Familie zusammen, die verstreut in den USA lebt, um gemeinsam die spannende Reise nach Worblingen anzutreten.

„Wir lieben die deutsche Gemütlichkeit“, lobte Ann Graf die herzliche Gastfreundschaft der deutschen Verwandtschaft. Besonders lecker seien die Brezeln und das Bier zur Begrüßung gewesen. Gemeinsam machten sie Ausflüge in die nähere Umgebung und auf den Hohentwiel, um von dort die herrliche Aussicht zu genießen.

Am besten hat es den Besuchern aus dem fernen Amerika aber in Worblingen gefallen. Die Kirche mit dem Taufstein, an dem der Vorfahr Alfred Graf getauft worden war, hat Anns Herz besonders berührt. Gemeinsam besuchten sie auch den Friedhof und die ehemaligen Wohnhäuser der Vorfahren. Nach all den Eindrücken haben die Grafs aus Amerika eine Vorstellung davon, wie die Vorfahren hier lebten, bevor sie nach Amerika auswanderten.

Bei der Suche nach ihren Wurzeln studieren die Amerikaner alte Kirchenbücher in der Sakristei der Worblinger Pfarrkirche.
Bei der Suche nach ihren Wurzeln studieren die Amerikaner alte Kirchenbücher in der Sakristei der Worblinger Pfarrkirche. | Bild: Heimat- und Museumsverein Rielasingen-Worblingen

Symbolträchtiger Besuch im Goldenen Rössle

Den letzten Abend verbrachte die Gesellschaft in der Gastwirtschaft „Goldenes Rössle“. Diese Gaststätte hatte Braumeister Lukas Graf Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer modernen Brauerei umgebaut und bewirtet. Dort trank man nun gemeinsam ein Bier und unterhielt sich hervorragend. Irgendwie ging das auch ohne perfekte Englischkenntnisse der Deutschen und mit mangelnden Deutschkenntnissen der Amerikaner sehr gut.

Vielleicht erbte der mit seinen 36 Jahren jüngste Reiseteilnehmer John Graf die Leidenschaft des Bierbrauens von seinem Worblinger Ahn. Auch er braut gerne Bier, allerdings eher als Hobby in seinem heimischen Keller. Ihn beeindruckte bei der Reise nach Worblingen der Besuch des gräflichen Wohnhauses. Ein entfernt Verwandter, auch er heißt Graf, lud in sein Zuhause ein. Das war ein ganz besonderer Moment für John, dem die kleine Schnapsverkostung im Hause Graf in wohler Erinnerung bleiben wird.

Die Familie Graf wird den Kontakt sicher weiterhin über den großen Teich hinweg pflegen. Und wer weiß, wenn es nach Ann Graf geht, wird es einen Gegenbesuch in den USA geben.