Er wohnte in Sachsen, begann sich aber wie ein Cowboy zu kleiden. Kurz darauf ließ sich der schmächtige Mann mit dem Schnauzer drei Gewehre anfertigen: Henrystutzen, Bärentöter und Silberbüchse. Es war der verzweifelte Versuch des Schriftstellers Karl May, seine Leser davon zu überzeugen, dass er Old Shatterhand sei. Jener heldenhafte Ich-Erzähler, in den er sich in zahllosen Schreibnächten hineinfantasiert hatte. Der Versuch scheiterte. Von der Presse entlarvt musste May offenbaren, wer er wirklich war: Ein Autor und kein Wild-West-Held.

Etwas mehr als 100 Jahre nach dem Tod von Karl May kommt eine Frau in den Hegau, die ein ganz und gar gegensätzliches Problem hat: Monika Maron. Auch sie verdient mit dem Schreiben ihren Lebensunterhalt. Und wie Karl May stammt auch sie aus dem Osten Deutschlands. Der Unterschied: Journalisten und Lesern fällt es immer schwerer, zwischen der Autorin Monika Maron und ihrer Romanheldin Mina zu trennen. Das neueste Buch der 76-Jährigen, "Munin oder Chaos im Kopf", wird deshalb bereits im Vorfeld ihrer Auftritte beim Literaturfestival "Erzählzeit ohne Grenzen" hitzig diskutiert.

Die angestaute Meinung der Autorin

Die Geistesverwandtschaft zwischen der literarischen Figur Mina und ihrer Erfinderin ließe sich nicht übersehen, befand "Deutschlandfunk-Kultur". Die "Neue Zürcher Zeitung" wurde noch deutlicher: Die Ansichten der Romanheldin seien nur ein Ventil für die angestauten Meinungen der Autorin. Nun gut, wäre Mina eine fröhliche und tolerante Frau, wäre das vermutlich kein allzu großes Problem. Marons Kritiker sehen in ihr aber das Gegenteil. „Sie beklagt die ständig wachsende Zahl menschlicher Geschlechter und den Irrsinn genderspezifischer Sprachverhunzung“, konstatiert die „Neue Osnabrücker Zeitung“, „sorgt sich aber immer wieder, dass afrikanische Stammes- und Religionskriege in Deutschland einziehen könnten."

Tatsächlich fürchtet Mina, die im Verlauf des Romans eine besondere Beziehung zu der Krähe Munin aufbaut, dass sich die gewohnte Ordnung auflöst. Anzeichen dafür findet sie in Meldungen über zunehmende Vergewaltigungen, Messerstechereien, Raubzüge und Angriffe auf die Polizei: "Als sei mit den Millionen Menschen, die in den letzten Jahren aus fremden Kontinenten eingewandert waren, auch der Krieg eingewandert, dem sie entflohen waren."

Es sind Äußerungen wie diese, die zahlreiche Rezensenten des Romans stutzig machten. "Als schließlich vor Minas Haustür ein Hund ermordet wird und eine Frau fast vergewaltigt wird – mutmaßlich von Flüchtlingen – fragt, man sich als Leser dann doch – was will uns die Autorin damit sagen?", schreibt eine Kulturjournalistin des NDR. Es ist eine Frage, die wohl nur Monika Maron selbst beantworten kann.

 

So reagieren die Rezensenten

In den Feuilleton-Redaktionen überregionaler Medien stößt Monika Maron mit "Munin oder Chaos im Kopf" auf ein geteiltes Echo.
  • Berliner Zeitung
    "Monika Maron ist nicht Mina, doch schreibt sie die Fragestellungen dieses Romans unüberlesbar in die gegenwärtigen Debatten hinein (...) Diese Empörung zieht die Wirkung des Romans runter zu einem politischen Pamphlet."
  • Die Welt
    "Chaos im Kopf? Wenn dann ein produktives. Auch wer nicht mit allen historisch-politischen Ableitungen einverstanden ist, wird in der Heldin eine Suchende erkennen, die sich die gleichen Fragen stellt wie wir alle, denen nicht die Ideologie im Kopf schon alle Antworten gibt."
  • Neue Osnabrücker Zeitung
    "Ob beim Schreiben von Romanen oder Zeitungsartikeln: Ein kühler Kopf kann manchmal helfen, das gedankliche Chaos ein wenig einzudämmen."
  • NDR
    "Munin oder Chaos im Kopf trägt wunderbare Ansätze für eine konstruktive und literarische Auseinandersetzung mit den Fragen der heutigen Zeit. Am Ende hat man jedoch das Gefühl, dass Monika Maron alles zusammenrührt, was ihr Angst und Sorge bereitet."
  • Deutschlandfunk-Kultur
    "Die politische Heimatlosigkeit, die Maron in Interviews beklagte, da sie sich von der Linken entfremdet und von der Öffentlichkeit in die rechte Ecke gedrängt fühle, scheint sich in Minas Selbstgesprächen zu spiegeln." (das)

 

Zu viel Harmonie ist langweilig

In einem der seltenen Video-Interviews, die die Autorin in diesem Jahr gegeben hat, erklärte sie: "Man muss ein Buch für sich nehmen und man muss die erzählenden Figuren im Buch von der Autorin trennen." Das klingt einleuchtend. Weniger einleuchtend wirkt es, dass sie dieses Interview ausgerechnet mit dem als islamkritisch bekannten Politblog "Die Achse des Guten" führte. In dem Gespräch erklärte sie auch, dass es mehr Migranten gebe, als man integrieren könne – und das etwas unternommen werden müsse, um dieses Problem einzudämmen.

Diese scheinbar widersprüchlichen Äußerungen machen die Situation um einiges komplizierter, als im Falle Karl May. Nicht nur für Monika Maron, sondern auch für Monika Bieg. Als die Organisatorin der Erzählzeit im vergangenen Herbst mehr als 60 Einladungen an Autoren und Verlage schickte, konnte sie nicht damit rechnen, dass ausgerechnet einer der Stargäste der Veranstaltung im Frühjahr 2018 derart in der Diskussion stehen würde. "Als wir uns dazu entschieden haben, Frau Maron einzuladen, war das Buch noch gar nicht in Druck", verrät Monika Bieg. Sie habe damals lediglich Auszüge anlesen können. Jetzt, etwa eine Woche vor den beiden Maron-Auftritten, rechnet die Veranstalterin damit, dass am Rande der Lesungen in Neuhausen am Rheinfall und in Rielasingen-Arlen Diskussionen entbrennen werden.

Monika Maron dürfte das begrüßen: "Wir brauchen mehr Leute, die sich trauen, eine Harmonie zu stören", monierte sie am Ende des Videointerviews mit der "Achse des Guten". "Zu viel Harmonie ist langweilig, einschläfernd und macht schlechte Laune."

 

Monika Marons Lesung anlässlich der Erzählzeit findet am Donnerstag, 12. April, im Rielasinger Ortsteil Arlen statt. Die Veranstaltung beginnt um 20 Uhr im Kulturpunkt Arlen, Arlener Strasse 32. Bereits einen Tag vorher tritt Monika Maron im Trottentheater in Neuhausen am Rheinfall auf.

 

Das Buch

"Munin oder Chaos im Kopf" handelt von der Journalistin Mina, die an einem Aufsatz über den Dreißigjährigen Krieg arbeitet. Eine Nachbarin, die von morgens bis abends auf ihrem Balkon lauthals singt, zwingt sie, nur noch nachts zu arbeiten. In Minas Kopf vermischt sich der Dreißigjährige Krieg mit den täglichen Nachrichten und der stetig anschwellenden Aggression in der Nachbarschaft. Als die Krähe Munin in ihre nächtliche Einsamkeit gerät, beginnt Mina ein Gespräch mit ihr. (das)