"Völlig perplex", mit diesen Worten beschreibt Jürgen Rittenauer die Stimmung unter den Fans der deutschen Nationalmannschaft. "Es war komplett surreal – alle haben sich die Augen gerieben." Nein, der Trainer des 1.FC Rielasingen-Arlen meint damit nicht das blamable Vorrunden-Aus bei der Weltmeisterschaft in Russland. Im Gegenteil: Statt von einem Turnier zum Vergessen, spricht er von einem, an das wir uns alle gerne zurückerinnern: Die WM 2014. Genauer gesagt, das 7:1 im Halbfinale gegen Gastgeber Brasilien.

Für Rittenauer war dieses Spiel der eindeutige Turnier-Höhepunkt. "Bis zum 3:0 herrschte bei uns im WM-Dorf in Rielasingen absolute Ekstase. Bei den Toren danach hat man sich dann nur noch gefragt, ob man träumt – oder gerade einen richtig guten Film anschaut", sagt Rittenauer und lacht. Für ihn sei es etwas ganz Besonderes gewesen, diesen Moment zusammen mit so vielen Leuten erleben zu dürfen.

Weltmeisterliche Stimmung: Im Festzelt drängt sich alles um die Fernsehschirme.
Weltmeisterliche Stimmung: Im Festzelt drängt sich alles um die Fernsehschirme. | Bild: 1. FC Rielasingen-Arlen

Ein mehr als verdienter Lohn. Schließlich hatten Rittenauer und die 40 Helfer aus der dritten, zweiten und ersten Mannschaft des Vereins jede Menge Zeit und Mühe in ihr WM-Dorf investiert. "Es war schon stressig, alles zu organisieren", blickt Rittenauer zurück. Noch am Tag vor dem Eröffnungsspiel zwischen Brasilien und Kroatien musste der Sand für die Beach-Arena aufgeschüttet werden. Dank vieler zupackender Hände schafften die Fußballer es, ihre Public-Viewing-Arena mitsamt Leinwand, Liegestühlen, eigenem Logo und Mini-Pool, pünktlich zum ersten WM-Anpfiff fertigzustellen. "Am Ende hat alles super funktioniert", fasst Rittenauer zusammen.

Aus Radolfzell, Kroatien und Portugal

Tatsächlich wirkte die Anziehungskraft des Rielasinger WM-Dorfs über die Ortsgrenzen hinaus. "Teilweise kamen die Besucher kamen extra aus Singen und Radolfzell angereist", erinnert sich Rittenauer. Aber nicht nur die Fans von Klose, Hummels, Schweinsteiger und Co machten es sich im Bar-Bereich und vor der Leinwand bequem. Der Trainer des 1. FC Rielasingen erinnert sich zum Beispiel daran, dass man das Eröffnungsspiel zusammen mit einer Gruppe Kroaten anschaute. Und beim ersten Spiel der deutschen Mannschaft seien viele Fans der portugiesischen Gegner da gewesen.

Ein weiterer Höhepunkt in der Vorrunde: Hollands Sieg über Spanien. "Ein überragendes Spiel", blickt Rittenauer zurück. Er hat noch beste Erinnerungen an den "fliegenden Holländer" Robin van Persie, der damals spektakulär per Flugkopfball traf. "Jeder war erleichtert", sagt der Trainer. "Ab dann war klar, dass Spanien verwundbar ist." Für den Fußball-Fachmann und ehemaligen Profi auch ein Grund, warum Deutschland am Ende den WM-Pokal nach oben stemmen konnte.

Jürgen Rittenauer erinnert sich an die Höhepunkte der WM 2014.
Jürgen Rittenauer erinnert sich an die Höhepunkte der WM 2014. | Bild: Schottmüller, Daniel

"Schon bei der Heim-WM 2006 waren wir nah dran", blickt Rittenauer zurück. "Das Halbfinal-Aus war extrem bitter. Da ist damals echt ein Traum zerplatzt." 2010 in Südafrika sei die Mannschaft dann wieder knapp davor gewesen, den Titel zu holen. Rückblickend, findet er, habe sich ein Hoffnungsbogen aufgebaut, der in Brasilien seinen Höhepunkt erreichte. "Nach dem Finale gegen Argentinien sind alle Dämme gebrochen." Der vierte Stern wurde in Rielasingen mit einer rauschenden Party bis in die Morgenstunden gefeiert.

Freude für Hansi Flick

Verklären will Rittenauer den Erfolg der deutschen Elf trotzdem nicht. Dafür ist er es als Trainer zu sehr gewohnt, rational zu analysieren. "Viele vergessen, dass der Weg ins Finale nicht leicht war", gibt Rittenauer zu bedenken. Er erinnert an die Partien gegen Ghana und die USA, vor allem aber an das Achtelfinale gegen Algerien. "Während dem Spiel habe ich von unseren Gästen Sätze gehört wie: 'Das geht gar nicht' oder 'Die sind blind'", sagt der Trainer und lacht. Umso schöner, dass man sich am Ende trotzdem freuen durfte.

Rittenauer hat den Erfolg auch einem Mann gegönnt, der in Brasilien eine besonders wichtige Aufgabe erfüllte: Jogi Löws damaliger Assistent Hansi Flick. Mit ihm verbindet Rittenauer die gemeinsame Zeit bei 1899 Hoffenheim. "Ich war 18, 19 Jahre alt, als ich von Flick trainiert wurde – zunächst in der A-Jugend, später bei den Amateuren." Rittenauer stand damals als Torhüter zwischen den Pfosten. "Im Training hat Flick immer alle Übungen mitgemacht. Er war ruhig und sachlich, aber auch sehr fortschrittlich, was seine Trainingsmethoden betrifft." Die Akribie, mit der Flick Spiele vor- und nachbereitete hat Rittenauer nachhaltig beeindruckt. "Auch, dass er vieles spielerisch lösen wollte und mutig nach vorne spielen ließ."

Diese Philosophie hat sich auch der Trainer Jürgen Rittenauer auf die Fahnen geschrieben. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass das Offensivspektakel im Halbfinale 2014 als Höhepunkt in seine ganz persönliche WM-Geschichte eingehen wird.