Rund 50 Asylbewerber leben in der Gemeinde Reichenau. Das seien bezogen auf den aktuellen Verteilungsschlüssel des Landratsamts (LRA) deutlich zu wenig, sagten Hauptamtsleiter Mario Streib und Bürgermeister Wolfgang Zoll im Gemeinderat: „Wir müssen erheblich mehr unterbringen bis Ende des Jahres 2021.“ Dann sollen es 110 Flüchtlinge sein, die auf der Insel oder in den Festlandsteilen ein Dach über dem Kopf haben müssen. Früher habe das Amt jeden Flüchtling angerechnet, der einmal in die Gemeinde gezogen war, auch wenn dieser später weitergezogen sei, sagte der Bürgermeister. Nun zählten nur noch diejenigen, die tatsächlich hier wohnten.

Flüchtlings-Unterkünfte aus den 1990er Jahren

Einen Großteil des Wohnraumbedarfs will die Gemeinde mit Wohncontainern decken. Im Gewann Sandseele, wo in den 1990er Jahren Unterkünfte für Flüchtlingen aus Ex-Jugoslawien gebaut wurden (heute unter anderem DRK-Heim) soll damit Platz für 20 Personen geschaffen werden. Ebenso viele Flüchtlinge sollen zudem in Containern im Gewerbegebiet Tellerhof nahe dem Feuerwehrgerätehaus unterkommen. Dann fehlen immer noch rund 20 Plätze. Deshalb appelliert die Gemeinde an private Vermieter, ebenfalls Wohnraum zur Verfügung zu stellen.

Die Insel Reichenau von oben – die Gemeinde, damit ist auch das Festland gemeint, muss weitere Flüchtlinge aufnehmen.
Die Insel Reichenau von oben – die Gemeinde, damit ist auch das Festland gemeint, muss weitere Flüchtlinge aufnehmen. | Bild: Lukas Ondreka

Es fehlen immer noch zehn Plätze

Streib erklärte im Gemeinderat, in den bestehenden vier Unterkünften schwanke die Belegungszahl immer wieder. Das hänge davon ab, wen das Landratsamt der Gemeinde zuweise, ob Einzelpersonen, kleine oder größere Familien. Vielleicht ließe sich die Belegung daher auch von 50 auf 60 Personen erhöhen. Aber selbst dann würden noch rund zehn Plätze fehlen. Für die Gemeinde spiele dies auch finanziell eine Rolle, so der Bürgermeister. Denn sie zahle an das Landratsamt dafür eine Fehlbelegerabgabe in erheblicher Höhe. Für jeden Flüchtling, den die Gemeinde zu wenig untergebracht habe, berechne das Amt 265 Euro im Monat.

Britta Sauer-Böhm, Freie Wähler: „20 ist die Obergrenze.“
Britta Sauer-Böhm, Freie Wähler: „20 ist die Obergrenze.“ | Bild: Okle Armin

Britta Sauer-Böhm: Nicht mehr als 20 Flüchtlinge an einem Ort

Britta Sauer-Böhm (Freie Wähler) meinte, eine dezentrale Unterbringung wäre besser: „20 ist die Obergrenze.“ Mehr Flüchtlinge an einem Ort könnte problematisch sein. Dem schlossen sich Zoll und Gabriel Henkes (Freie Liste Natur) an. Sauer-Böhm sagte zudem, es gebe in der Gemeinde einige Wohnungen, die leer stünden. Sie regte ferner an, Gärtner zu fragen, ob sie Platz haben in ihren Wohncontainern für Saisonarbeiter. Matthias Graf (CDU) warf die Frage auf, ob dort überhaupt Flüchtlinge untergebracht werden dürften, wenn die Container mit landwirtschaftlicher Privilegierung und damit für den Gärtnerbetrieb aufgestellt wurden. Der Bürgermeister erklärte, das müsse geprüft werden. Armin Okle (FW) sagte, die Container der Gärtner seien ja meist ohnehin nur befristet genehmigt. Vielleicht sei eine Nutzungsänderung auf bestimmte Zeit möglich.

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Sandseele schon einmal beschlossen

Die Unterkunft am Sandseele war im Rat unstrittig, zumal darüber schon im vorigen Jahr diskutiert und beschlossen worden war. Der Bürgermeister erklärte, hierfür sollten Wohncontainer gemietet werden. Das Gelände liege im Landschaftsschutzgebiet und der Wohnraum müsse deshalb irgendwann zurückgebaut werden. Dies will die Gemeinde jetzt so bald wie möglich umsetzen. Auch im Tellerhof empfiehlt die Verwaltung das Anmieten von Containern. Mario Streib bezifferte die Mietkosten auf rund 40.000 Euro pro Jahr. Zur Refinanzierung gebe es die Nutzungsgebühr, die die Flüchtlinge beziehungsweise das Sozialamt bezahlen müssen. Beim Kauf von Containern müsste die Gemeinde erheblich mehr Geld ausgeben, erklärte Streib. Berndt Wagner (CDU) wollte wissen, wie viel das sei. Zahlen sollen bis zum Haushaltsentwurf 2021 vorliegen.

Ralf Blum, CDU, zum Tellerhof, auf dem der neue Bauhof entstehen soll: „Das ist ein wichtiges Ziel, das möchte ich mir nicht verbauen.“
Ralf Blum, CDU, zum Tellerhof, auf dem der neue Bauhof entstehen soll: „Das ist ein wichtiges Ziel, das möchte ich mir nicht verbauen.“ | Bild: Zoch, Thomas

Frage nach Betreuung

Alternativ zum Tellerhof gibt es noch Platz für eine Unterkunft nahe der Gärtnerei des Zentrums für Psychiatrie. Ralf Blum (CDU) sagte, dieser Standort würde er für eine Unterkunft vorziehen; im Tellerhof werde nun ein Grundstück genutzt, auf dem später der neue Bauhof errichtet werden soll. „Das ist ein wichtiges Ziel, das möchte ich mir nicht verbauen“, so Blum. Streib erwiderte, die Realisierung sei erst in fünf bis zehn Jahren realistisch. Gabriel Henkes fragte nach, wer die Betreuung der weiteren Flüchtlinge übernehmen wird.

Kann Schulsozialarbeiterin helfen?

Er regte an, die Schulsozialarbeiterin mit einzubinden. Henkes ging davon aus, dass sich vielleicht eher private Vermieter finden ließen, wenn es Ansprechpartner gebe. Hauptamtsleiter Streib sagte, Ansprechpartner sei zunächst die Verwaltung. Die Schulsozialarbeiterin, aber auch die Caritas und den Integrationsmanager des Landratsamts in Boot zu holen, sei sicherlich sinnvoll. Der Rat beschloss, dass auch diese Frage geklärt werden soll und möglicherweise im Haushalt Kosten für eine zusätzliche Kraft vorgesehen werden.

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