Ein innovatives, eigenes Konzept zur Kirchenbeleuchtung haben die Stiftung Welterbe der Klosterinsel Reichenau und die Gemeinde in Zusammenarbeit mit der Konstanzer Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) im vergangenen Winter getestet.

Mit eigens hierfür entwickelten Leuchten und möglichst wenig Licht wurden an den drei romanischen Kirchen im Wechsel einzelne Bauteile jeweils einige Stunden abends akzentuiert. Das Grundthema dabei heißt Suffizienz, also wie viel Licht als ausreichend von Menschen empfunden wird, um einen Effekt zu erzeugen.

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Weitere Probebeleuchtung

Ein positives Fazit zogen danach Bürgermeister Wolfgang Zoll und Kulturchef Karl Wehrle, die zugleich Aufsichtsrat und Vorsitzende der Stiftung sind, sowie der HTWG-Professor Bernd Jödicke, der die Leitung des von Studierenden erarbeiteten Projekts hatte. Dem schloss sich nun die große Mehrheit im Gemeinderat an.

HTWG-Professor Bernd Jödicke.
HTWG-Professor Bernd Jödicke. | Bild: Zoch, Thomas

Das Beleuchtungskonzept soll weiter verfolgt werden – zunächst mit einer längeren Probebeleuchtung der St. Georgs-Kirche. Der dortige Probelauf im Winter war mehrheitlich als am besten gelungen empfunden worden.

Wobei Bürgermeister Zoll betonte, dass es bei diesem innovativen Beleuchtungskonzept grundsätzlich nicht nur um eine Inszenierung der Kirchen gehe. „Es geht um das Welterbe mit all seinen Facetten und Komponenten.“ Angedacht ist nun, immer dieselben Leuchten zu verwenden und diese dann jeweils mal am einen, mal am anderen Ort einzusetzen.

Die Testphase der sehr dezenten Kirchenbeleuchtung im Winter auf der Insel Reichenau – hier die Kirche St. Georg – fand auch eine Mehrheit im Gemeinderat gut.
Die Testphase der sehr dezenten Kirchenbeleuchtung im Winter auf der Insel Reichenau – hier die Kirche St. Georg – fand auch eine Mehrheit im Gemeinderat gut. | Bild: Bernd Jödicke

Die Resonanz von Pfarrgemeinde und Bürgern sei überwiegend positiv gewesen, berichteten Bernd Jödicke und der Bürgermeister. Manchen sei es zu wenig Licht gewesen. Doch der HTWG-Professor rät, bei dieser Intensität zu bleiben. Lediglich für die Kirchtürme könnten zusätzliche Streiflichter angeschafft und eingesetzt werden.

Kritik von Tier- und Naturschützern

Kritik habe es von den Naturschutzverbänden BUND, Nabu und der Arbeitsgemeinschaft Fledermausschutz gegeben. Diese hätten grundsätzliche Bedenken wegen des Lichts, so der Professor. In der Stellungnahme der Verbände würden allerdings Studien genannt, deren Ergebnisse für dieses Konzept nicht zuträfen.

Es gehe ja gerade darum, den Natur- wie auch den Denkmalschutz besonders zu berücksichtigen und diesen Belangen gerecht zu werden. „Wir versuchen, naturschutznah zu denken“, betonte Professor Bernd Jödicke. Bürgermeister Wolfgang Zoll erklärte, er werde demnächst das Gespräch mit den Naturschutzverbänden suchen. Diese fordern bei einer Weiterführung des Projekts, eine Abstrahlung ins Umfeld zu verhindern, Dunkelkorridore einzurichten und sich bei der Lichtfarbe im Orange-Spektrum zu bewegen.

Nur 30 Tage pro Jahr?

Klar sei, dass es für eine Genehmigung der Beleuchtung durch die Untere Naturschutzbehörde im Landratsamt naturschutzrechtliche Gutachten brauche, betonte Wolfgang Zoll. Deshalb lauten einige von Professor Bernd Jödickes Empfehlungen an die Gemeinde Reichenau: nur eine zeitlich begrenzte Beleuchtung der Objekte pro Jahr, zum Beispiel 30 Tage, aufgeteilt auf mehrere Abschnitte; nur eine zeitlich begrenzte Beleuchtung am Tag, nämlich nach Einbruch der Dunkelheit bis maximal vor Mitternacht; und es sollte auf jeden Fall vermieden werden, dass Licht in den Himmel strahle.

Und Straßenlaternen seien im Probelauf teils störend gewesen, wurden deshalb modifiziert oder abgeschaltet. Der Effekt sei, dass dann während der Beleuchtung sogar weniger Licht in die Umwelt strahle. Einige Gemeinderäte wünschten sich aber schon mal eine längere Beleuchtung. Ralf Blum (CDU) meinte: „Weniger als das wäre nichts.“ Von ihm aus könnte es auch eine Dauerbeleuchtung sein, zum Beispiel die ganze Saison, oder wenigstens mehr als 30 Tage. Sonst würden viele Gäste das verpassen, wenn sie zu einer anderen Zeit auf der Insel seien.

Gegen dauerhafte Beleuchtung

Ähnlich außerten sich Matthias Graf und Berndt Wagner (beide CDU). Armin Okle (Freie Wähler) fragte nach dem Effekt in der Sommerzeit, wenn es länger hell ist und die Leuchten entsprechend erst spät eingeschaltet werden könnten. Stephan Schmidt und Britta Sauer-Böhm (beide FW) meinten, es wäre sinnvoller, wenigstens bei den drei Kirchen Leuchten fest zu installieren, statt diese ständig auf- und abzubauen. Allerdings sprachen sie sich gegen eine dauerhafte Beleuchtung aus.

Die Einführung von Letzterem befürchtet Gabriel Henkes (Freie Liste Natur) bei einer festen Installation von Leuchten. Diese würde dem Grundkonzept widersprechen. Zumal Professor Jödicke demonstriert habe, „dass weniger mehr ist“. Ähnlich plädierte Sandra Graßl-Caluk (SPD) dafür, bei einer nur zeitweise und rotierenden Beleuchtung zu bleiben. „Klar ist es schade, wenn es mal jemand verpasst“, meinte sie, aber: „Es soll bewusst was Besonderes sein.“ Letztlich stimmte eine große Mehrheit dafür, den Empfehlungen des Professors zu folgen.

Erster Test im Jahr 2018

An dem Projekt haben Studierende der HTWG aus den Fachbereichen Architektur, Elektrotechnik und Bauingenieurwesen unter der Leitung von Bernd Jödicke, der Professor für Physik und Lichttechnik ist, gearbeitet. Vor dem Probelauf im Winter hatten Jödicke und Studierende im Dezember 2018 einen Test mit Bürgern am Münster durchgeführt.

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Mit anderen Leuchten und verschiedenen Lichtstärken von 0,1 bis 30 Watt war damals der gotische Chor beleuchtet worden. Bernd Jödicke erklärt, dass man dabei herausgefunden habe, was die niedrigste Intensität sei, damit es den Leuten noch gefalle. Und darauf basierend habe der Hersteller Brumberg für den Probelauf den Prototyp einer neuen LED-Leuchte entwickelt. Diese habe eine Eingangsleistung von acht Watt und einen Lichtstrom von um die 400 Lumen.