Die Nachfrage nach frischem Gemüse aus der Region ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Und dieser Trend hat sich in der Corona-Krise noch verstärkt. Davon konnten auch die Reichenauer Gemüsegärtner profitieren, berichtet Johannes Bliestle, der Geschäftsführer der Gemüse-Genossenschaft. „Wir sind zufrieden mit dem vergangenen Jahr.“ Mit 15 177 Tonnen Frischgemüse 2019 sei zwar 1,2 Prozent weniger Menge produziert worden als 2018, der Umsatz bei der Vermarktung sei aber um 2,7 Prozent gestiegen.

Den positiven Trend führt Bliestle vor allem auf zwei Faktoren zurück: Zum einen habe man beim Bioanbau mittlerweile einen Anteil von 30 Prozent der Menge erreicht und sogar von fast 40 Prozent beim Umsatz, berichtet der Geschäftsführer: „Damit sind wir absoluter Spitzenreiter unter den Erzeugerorganisationen in Deutschland.“ Dies liege zum einen daran, dass der Biogärtner Benjamin Wagner den größten Betrieb in der Genossenschaft hat. Dieser habe mittlerweile 25 Glashäuser auf der Insel, mache viel im Freiland und betreibe zudem die Gärtnersiedlungen bei Aach und Mühlingen. Aber es gebe auch andere junge Gärtner wie Manuel Uricher, die auf Bio setzten. Er baue nur auf der Reichenau selbst an. Insgesamt sind zehn der 67 aktiven Betriebe bio.

Zunehmende Wetterextreme

Der andere wesentliche Faktor sei mit Blick auf zunehmende Wetterextreme der geschützte Anbau unter Glas, erklärt Bliestle. Der Anteil bei der Menge an Salaten und Gemüse, die in Gewächshäusern gezogen worden sind, liege inzwischen bei 95 Prozent, beim Umsatz machten die Produkte unter Glas sogar 97 Prozent aus. Denn durch die Wetterschwankungen gebe es schwierige Vegetationsverhältnisse, so Bliestle. So habe die erste Hitzewelle im Juni 2019 im Freiland zu einer wahren Erntewelle geführt. „Wir erleben Phasen, die extrem sind“, erklärt der Geschäftsführer. Und es sei davon auszugehen, dass dies so bleiben werde. „Der Klimawandel lässt grüßen.“ Dank der Beregnungsanlage mit Wasser aus dem See habe man aber wenigstens keine Probleme mit der Bewässerung der Felder.

Doch nicht nur der Freilandanbau verliert an Bedeutung, sondern auch der Anbau auf der Reichenau selbst. So stammten im Vorjahr laut Bliestle bereits 53 Prozent des Gemüses aus den drei großen Gärtnersiedlungen im Hegau. Neben denen von Wagner gibt es noch die Anlage von fünf Gärtnern bei Beuren. Hinzu kommt, dass Wagner auf dem Bodanrück und bei der Waldsiedlung noch große Flächen im Freiland bewirtschaftet. Bedeutend sei hier vor allem die Süßkartoffel, so Bliestle. 350 Tonnen davon habe der junge Biobauer im Vorjahr geerntet.

90 Prozent der Paprika, die die Reichenauer Gärtner produzieren, stammen mittlerweile aus den Gärtnersiedlungen im Hegau, erklärt Johannes Bliestle, der Geschäftsführer der Genossenschaft. Die Paprikas in diesen Kartons auf dem Bild seien aber auf der Insel gewachsen.
90 Prozent der Paprika, die die Reichenauer Gärtner produzieren, stammen mittlerweile aus den Gärtnersiedlungen im Hegau, erklärt Johannes Bliestle, der Geschäftsführer der Genossenschaft. Die Paprikas in diesen Kartons auf dem Bild seien aber auf der Insel gewachsen. | Bild: Zoch, Thomas

Die Gärtnersiedlungen hätten auch dazu geführt, dass das klassische Reichenauer Hauptprodukt, die Salatgurke nicht weiter an Bedeutung verliert, erklärt der Geschäftsführer. In Spitzenzeiten wuchsen davon 15 Millionen Stück auf der Insel. Im Jahr 2019 waren es nur noch sieben Millionen. Dazu seien aber 6,8 Millionen Gurken aus den Gärtnersiedlungen gekommen, so Bliestle. Und wichtig sei, dass 5,5 Millionen der Gurken bio waren, die relativ preisstabil vermarktet werden konnten. Denn der Rückgang beim Gurkenanbau auf der Insel liege vor allem an sinkenden Erlösen für die Erzeuger, weil Gurken oft als Aktionsartikel im Lebensmittelhandel eingesetzt würden. Deshalb sei in ganz Deutschland die Produktion von Gurken zurückgegangen, berichtet Bliestle. Wobei es hier den Trend zur Mini-Gurke beliebtes Produkt im Sommer gebe.

Ein wichtiges Produkt für die Reichenauer sind nach wie vor die Salate, die alle auf der Insel selbst wachsen. 2,8 Millionen Stück seien in den ersten Monaten 2019 davon geerntet worden und man habe im Schnitt bessere Preise erzielt als 2018, so Bliestle. Ein weiteres Hauptprodukt sind die Tomaten. 3000 Tonnen seien im Vorjahr vermarktet worden, davon sei mittlerweile die Hälfte bio. Auch dies liegt vor allem an Wagners Gärtnersiedlungen. Am wichtigsten sei dabei nach wie vor die Rispentomate, für die man zehn Prozent bessere Preise habe erzielen können, so Bliestle. Aber auch Sonderformen wie Ochsenherzen, Cherrytomaten oder die Inselperle würden an Bedeutung gewinnen. Und zu einem weiteren Hauptprodukt der Reichenauer hat sich in den vergangenen Jahren die Paprika entwickelt. Auch davon seien 3000 Tonnen in 2019 vermarktet worden, so Bliestle. Allerdings stammten 90 Prozent aus den Gärtnersiedlungen – wobei davon immerhin 300 Tonnen bio gewesen seien.

Kunden greifen in der Corona-Krise vor allem zu frischer Ware

Im laufenden Jahr habe natürlich die Corona-Epidemie auch den Gärtnern und der Vermarktung zu schaffen gemacht, so Bliestle. Dies aber vor allem durch zusätzliche Auflagen, die auch nach wie vor gelten würden, sowie, weil anfangs ein Teil der Erntehelfer aus Osteuropa nicht einreisen konnte. Wirtschaftlich habe sich das aber kaum ausgewirkt, berichtet Bliestle: „Wir liegen aktuell ungefähr beim gleichen Umsatz wie im Vergleichszeitraum im Vorjahr.“ Allgemein sei die Nachfrage nach frischen Produkten im Handel und auf Märkten deutlich höher gewesen. Das führt Bliestle auf den Lockdown zurück, weil vor allem in Kantinen, aber auch teils in der Gastronomie rund 30 Prozent Tiefkühlgemüse verarbeitet werde.

Die Kunden hätten aber offenbar in der Zeit der Schließung vor allem zu frischer Ware und nicht zu Tiefkühlkost gegriffen. Und diese höhere Nachfrage habe bei einigen Gemüsesorten zu einer Preissteigerung geführt, weil zugleich weniger Ware aus den wichtigen Anbauländern Italien und Spanien kam. Von dieser Preissteigerung hätten allerdings die Reichenauer kaum profitiert, so Bliestle. Denn zum einen sei es dabei hauptsächlich um Produkte wie Blumenkohl oder Brokkoli gegangen, die auf der Reichenau in diesem Zeitraum keine Rolle spielten. Zum anderen habe die Genossenschaft teilweise Festpreisprogramme mit den Kunden.

Pandemie hat auch einen positiven Aspekt

Und Bliestle meint, für einheimische Gärtner habe die Pandemie wenigstens auch einen positiven Aspekt gehabt: „Corona hat aufgezeigt, wie fragil die Weltwirtschaft und der Warenverkehr sind. Die Wertschätzung gegenüber der landwirtschaftlichen Produktion hat zugenommen. Die Bevölkerung hat die Regionalität noch stärker entdeckt. Das freut uns natürlich.“

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