Das bekannte Bild mit bunten Blattsalaten vor der St. Georgs-Kirche auf der Insel Reichenau wird es in den kommenden Wochen nicht geben. Der Acker gehört zum Betrieb von Stefanie Wehrle. Und die junge Gärtnerin macht zwar noch Gemüseanbau im Freiland, aber nicht mehr im Frühjahr, wie sie erklärt. Da brauche sie einfach alle Arbeitskapazitäten in den Gewächshäusern.

Dort, im geschützten Anbau, wachsen derzeit unter anderem Gurken und Rispentomaten, zwei der Reichenauer Hauptprodukte. Und der Anbau unter Glas ist einfach erheblich rentabler, weiß Stefanie Wehrle, die auch im Vorstand der Gemüse-Genossenschaft ist.

Deren Geschäftsführer Johannes Bliestle kann das mit Zahlen unterlegen. Die Anbaufläche im Freiland auf der Insel sei zwar mit rund 80 Hektar doppelt so groß wie die unter Glas. Am Umsatz der Genossenschaft, der 2020 mit 28,5 Millionen Euro etwas höher gelegen habe als im Vorjahr, mache Freiland aber gerade mal fünf Prozent aus. Immerhin gebe es aber einige Trendprodukte wie Süßkartoffeln und Ingwer, beide in Bioqualität, aus dem Freiland. „Es ist toll, wenn wir Freilandprodukte zur Abrundung dabei haben“, meint Bliestle.

Die junge Reichenauer Gärtnerin Stefanie Wehrle ist ganz zufrieden mit dem Anbaujahr 2020. Sie macht mit ihrem Familienbetrieb zwar auch noch Freilandanbau, aber nicht mehr im Frühjahr, erklärt sie. Da falle zu viel Arbeit in den Gewächshäusern an – hier wachsen zum Beispiel gerade Rispentomaten.
Die junge Reichenauer Gärtnerin Stefanie Wehrle ist ganz zufrieden mit dem Anbaujahr 2020. Sie macht mit ihrem Familienbetrieb zwar auch noch Freilandanbau, aber nicht mehr im Frühjahr, erklärt sie. Da falle zu viel Arbeit in den Gewächshäusern an – hier wachsen zum Beispiel gerade Rispentomaten. | Bild: Zoch, Thomas

Neben dem Rückgang im Freiland haben sich auch andere Trends bei der Reichenau Gemüse verfestigt. So stamme mittlerweile rund die Hälfte des wertmäßigen Umsatzes aus den Gärtnersiedlungen in Singen-Beuren, Aach und Mühlingen im Hegau, berichtet Bliestle. Besonders hoch ist der Anteil bei Paprika: 2780 Tonnen der insgesamt vermarkteten 3100 Tonnen des beliebten Gemüses sind in den modernen Anlagen auf dem Festland gewachsen.

Bioanbau nimmt weiter zu

Ein anderer Trend ist die stete Zunahme beim Bioanbau, so Bliestle. Dieser mache bei der Gesamtmenge an produziertem Gemüse, die 2020 bei 14 723 Tonnen lag, mittlerweile rund 28 Prozent aus. Beim Umsatz seien es sogar circa 40 Prozent, so der Geschäftsführer. „Bio hat natürlich die höhere Wertigkeit.“ Von den 3000 Tonnen Tomaten, die 2020 vermarktet wurden, seien sogar etwas mehr als 50 Prozent Bio gewesen.

Wobei hier zudem der Trend anhalte zu kleinfruchtigen, wohlschmeckenden und andersfarbigen Tomaten, worauf die Gärtner reagieren würden. Mittlerweile gebe es rund 25 verschiedene Tomatensorten im Reichenauer Anbau. Und von den 13 Millionen Gurken seien es immerhin 3,5 Millionen Stück in Bioqualität gewesen. Wobei hier die neue, kleine Bio-Fingergurke als Snack dazu gekommen sei, so Bliestle.

Festland-Anteil wächst weiter

Und die Trends zu Festland und Bio würden in diesem Jahr noch verstärkt. Denn der junge Gärtner Maximilian Meissner habe im April eine vier Hektar große Gärtnersiedlung bei Beuren in Betrieb genommen, in der er künftig nach Bioland-Richtlinien Tomaten, Paprika, Auberginen und Gurken für Alnatura anbauen wolle, erklärt Bliestle. Er erwarte daher, dass der Bioanbau im laufenden Jahr rund 50 Prozent des Umsatzes ausmache.

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Insgesamt zieht der Geschäftsführer eine positive Bilanz für 2020. „Ich kann das Jahr wirklich als zufrieden stellend bezeichnen“, so Bliestle. Es habe schon im Februar/März des vergangenen Jahres gut begonnen mit höheren Erlösen bei den Blattsalaten. Und danach hätten sich die Gärtner und die Vermarktung erfolgreich gegen die Auswirkungen der Corona-Pandemie gestemmt.

Und dies, obwohl im Frühjahr zunächst ein Teil der Erntehelfer aus Osteuropa nicht einreisen konnte und die Produktionskosten massiv gestiegen seien. Man habe mit einem eigenen Interventionsteam umfassende Maßnahmen ergriffen zur Arbeitssicherheit und zur Sicherung der Versorgung.

Trend zu regionalen Produkten

Eine Herausforderung sei die Schließung der Gastronomie gewesen, so Bliestle. Doch das habe die Genossenschaft ausgleichen können. „Der Einzelhandel hat gut gezogen. Und die Marktgänger waren stark.“ Dabei habe sich zudem bereits im Frühjahr 2020 und nun wieder seit November der Trend verstärkt hin zu frischen regionalen Produkten. Die Leute mussten mehr selbst kochen und bevorzugten die heimische Ware gegenüber Tiefkühlkost, berichtet Bliestle.

Und gerade auch Bio sei mehr gefragt. Das sei für ihn eine der wichtigsten Erkenntnisse und Entwicklungen im Corona-Jahr. So sei auch 2021 ganz gut angelaufen, erklärt der Geschäftsführer. „Wir können mit den ersten Monaten zufrieden sein.“ Obwohl der kühle Frühling nicht förderlich sei – zum Beispiel, weil kaum gegrillt werde. „Wir haben schlechtes Absatzwetter für Frischgemüse.“

Auch Stefanie Wehrle berichtet, dass das Anbaujahr 2020 für ihren Betrieb ganz gut gelaufen sei. Und im Freiland werde sie dann im Herbst wieder was machen. Der Acker vor der St. Georgs-Kirche sei aktuell grün eingesät für eine blühende Wiese. „Das ist ja auch gut für die Biodiversität.“