Das Pandemiejahr 2020 hat im Tourismus zu deutlichen Einbußen geführt. Doch immerhin war der Bodensee davon weniger stark betroffen als andere Regionen, berichtet der Reichenauer Tourismuschef Karl Wehrle. So habe es auf der Insel und dem Campingplatz Willam nach Jahren des Booms mit insgesamt 205 111 Übernachtungen (bis Ende November) einen Rückgang von rund 18 Prozent gegeben gegenüber 2019, am Bodensee gesamt von circa minus 20 Prozent. Das durchschnittliche Minus in Baden-Württemberg habe aber bei rund 35 Prozent weniger Übernachtungen gelegen, so Wehrle. Er bilanziert daher: „Es ist klar, dass wir in allen Bereichen ein Minus hatten in diesem Pandemiejahr. Aber trotz schlechter Zahlen haben wir relativ gut abgeschnitten verglichen mit anderen Regionen.“

Als Gründe dafür nennt Wehrle zum einen, dass es ein guter Sommer war und dass mehr Deutsche im Inland ihren Jahresurlaub verbrachten. Und diejenigen, die sonst vielleicht irgendwohin an ein Meer geflogen wären, zog es offenbar nun in Deutschland ans Wasser und in die Natur. Als Beleg dafür nennt Wehrle die deutlich gestiegene durchschnittliche Verweildauer der Reichenauer Besucher. Die insgesamt 54 641 Übernachtungsgäste (minus 26 Prozent gegenüber 2019) blieben im Durchschnitt 3,75 Tage, im Vorjahr waren es 3,39. „Besonders profitiert haben die Küstenregionen und der Bodensee mit ihrem Sommerfeeling“, so der Reichenauer Tourismuschef. So habe das Minus bei den Übernachtungen zum Beispiel in Schleswig-Hollstein nur bei 14 Prozent gelegen, in Mecklenburg-Vorpommern bei 13 Prozent.

Die Reichenauer Tourismusbilanz von Karl Wehrle und Irina Drewniok fürs Pandemiejahr 2020 fällt nicht ganz so schlecht aus, wie im Frühjahr zu befürchten war. Der gute Sommer und der Bodensee als beliebtes Reiseziel hätten es möglich gemacht.
Die Reichenauer Tourismusbilanz von Karl Wehrle und Irina Drewniok fürs Pandemiejahr 2020 fällt nicht ganz so schlecht aus, wie im Frühjahr zu befürchten war. Der gute Sommer und der Bodensee als beliebtes Reiseziel hätten es möglich gemacht. | Bild: Zoch, Thomas

Der gute Sommer sei das eine, was als noch positiv zu nennen sei, so Wehrle. Durch den aktuellen Lockdown seien zudem die Reichenauer Betriebe – wie wohl generell am See – weniger hart betroffen als etwa Wintersportregionen, weil hier keine Saison sei. Dennoch litt und leide das Gastgewerbe natürlich auch auf der Reichenau. „Ich kann nur hoffen, dass die Betriebe überleben“, so der Tourismuschef. An die Politik appelliere er, dass die Zahlungen von Hilfen schneller und einfacher erfolgen. Und: „Ich habe die Hoffnung, dass wir ab Ostern wieder einigermaßen die Betriebe öffnen können und ein Tourismus wieder möglich sein wird.“ Und dass der Sommer ähnlich gut verlaufe wie 2020 und davon erneut der Bodensee profitiere. Die Betriebe hätten ja viel investiert in Hygiene- und Sicherheitskonzepte und könnten das auch wieder umsetzen.

Dennoch meint Wehrle: „Das Jahr 2021 wird noch mal ein ganz schwieriges Jahr werden.“ Gerade im Bereich Tagungen und Gruppenreisen dürfte es noch längere Zeit schwierig sein, schätzt der Experte. Und das werde wohl auch bei Gästen aus anderen Ländern so sein. Bei diesen seien die Zahlen sowohl bei den Ankünften wie den Übernachtungen um rund 50 Prozent eingebrochen. Doch das sei in Deutschland ein allgemeiner Trend gewesen und wohl in anderen Ländern ebenso.

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Deutliche Unterschiede bei den Übernachtungszahlen gab es zwischen der Art der Betriebe und logischerweise bei den Monaten, berichtet Wehrle. Mit minus 8,4 Prozent (45 936 Übernachtungen) gab es bei den Privatunterkünften die geringsten Einbußen. Bei den Campingplätzen Sandseele und Willam lag das Minus mit 96 731 Übernachtungen bei rund 16 Prozent, bei den Hotels mit 36 371 bei 19 Prozent. Wehrle folgert daraus, dass offenbar viele Gäste eine Ferienwohnung bevorzugt hätten, um so wenig wie möglich Kontakte zu anderen Menschen zu haben, obwohl es auch in den anderen Betrieben ja Sicherheitskonzepte gebe. „Das ist eine Gefühlssache“, meint Wehrle zum Verhalten dieser Gäste.

Am stärksten war der Rückgang der Übernachtungszahl in den Tagungs- und Ferienhäusern, 14 697 bedeuteten ein Minus von gut 50 Prozent. Als Gründe nennt Wehrle, dass Tagungen, Ferienfreizeiten und Gruppenreisen wegfielen, vor allem aber, dass die EnBW ihre Ferienpension Bürgle einen Großteil der Saison geschlossen hatte. Beim Haus Familienferien der katholischen Kirche sei das Minus bei rund 35 Prozent gelegen.

Herbststimmung an einem Oktobertag auf der Reichenau. Während Gnadensee (im Hintergrund) und Seerhein unter dichtem Nebel verschwinden, laden die Rebhänge rund um die Hochwarth zu einem Spaziergang im Sonnenschein ein. Im Coronajahr 2020 lag im Oktober die Zahl der Übernachtungen in der Gemeinde Reichenau um sechs Prozent höher als im Vorjahr.
Herbststimmung an einem Oktobertag auf der Reichenau. Während Gnadensee (im Hintergrund) und Seerhein unter dichtem Nebel verschwinden, laden die Rebhänge rund um die Hochwarth zu einem Spaziergang im Sonnenschein ein. Im Coronajahr 2020 lag im Oktober die Zahl der Übernachtungen in der Gemeinde Reichenau um sechs Prozent höher als im Vorjahr. | Bild: Buchholz, Michael

Bei den Monaten seien die Zahlen im Januar und Februar noch etwas besser gewesen als 2019. Dann aber folgte im März mit dem Lockdown ein Einbruch um 72 Prozent und im April der Totalausfall. Für den Mai, als zunächst Campingplätze und Ferienwohnungen wieder mit Einschränkungen den Betrieb aufnehmen durften, bilanziert Wehrle ein Minus von immer noch 62 Prozent. Im Juni habe sich die Lage allmählich stabilisiert, mit rund 31 000 Übernachtungen lag das Minus nur noch bei 14 Prozent. Im Juli habe es dann mit rund 44.400 aber ein Plus von vier Prozent gegeben, im August mit 49 500 immerhin ein leichtes Plus.

Das Problem sei in diesen beiden Hauptmonaten, dass die Auslastung in den Betrieben jedes Jahr sehr hoch sei – und mehr als 100 Prozent gehe halt nicht. Im Sommer 2020 hätte aber manches Bett für eine Nacht mehrfach vergeben werden können, weil die Nachfrage so groß war. Sehr gut sei dann der September gewesen, in dem es mit 38 744 Übernachtungen ein Plus von 28 Prozent gab. Und auch im Oktober lag die Zahl mit 11 067 noch um knapp sechs Prozent höher als im Vorjahr.

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Bei den Führungen, die die Tourist-Information anbietet, lag die Zahl mit 260 um mehr als 70 Prozent unter der des Vorjahrs, berichtet Wehrles Stellvertreterin Irina Drewniok. Das habe natürlich zum einen am Lockdown gelegen, aber vor allem an einem Rückgang von rund 80 Prozent bei den organisierten Gruppenführungen. Nach null im April und Mai habe es davon auch im Juni, sonst ein starker Monat, nur vier gegeben. Veranstalter, die mit Reisebussen kommen, hätten Schwierigkeiten gehabt, Gruppen zusammenzubekommen und mit den Abstandsregeln. Fast alle der 153 Gruppenführungen habe es so von Juli bis Oktober gegeben.

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Und für dieses Jahr gebe es bislang wenige Buchungen im Voraus wegen der Unsicherheiten, was verständlich sei. Die öffentlichen Führungen für Gäste, die die TI wöchentlich anbietet, seien dagegen im Sommer ganz gut nachgefragt gewesen, so Drewniok, 107 wurden durchgeführt. Das sei wohl darauf zurückzuführen, dass im Sommer viele Gäste in der Region waren.