Baugesuche auf der Insel Reichenau sorgen regelmäßig für längere Debatten im Gemeinderat. Weil auf der Welterbe-Insel die historische Siedlungsstruktur und Blickbeziehungen zu Denkmälern und See erhalten bleiben sollen. Deshalb werden immer wieder neue Bebauungspläne für Teilbereiche erstellt. Bei der Reichenauer Waldsiedlung waren die Räte in der Vergangenheit nicht immer ganz so streng. Da entstanden an einigen kleinen Reihenhäusern Erweiterungen, wie zum Beispiel durch zweigeschossige Dachgaupen, die manchem Bürger und dem Ortsbauamt missfallen. Dessen Leiterin Bettina Grathwohl sagte auf Nachfrage: „Das sind ausufernde Sachen, die wir auf der Insel nie zulassen würden.“ Doch das soll sich nun ändern. Eine große Mehrheit im Gemeinderat votierte nun für einen neuen Bebauungsplan für die Waldsiedlung, wodurch künftige Bauvorhaben klarer und einheitlicher geregelt sein sollen.

Das sagen die Gemeinderäte

SPD-Rätin Sandra Graßl-Caluk hatte dies beantragt. Sie klagte in der jüngsten Sitzung darüber, dass es in der Waldsiedlung in der Vergangenheit schon so viele Befreiungen bei Bauvorhaben gegeben habe. Da müsse sich die Gemeinde einmal fragen, was sie mit diesem Festlandsortsteil eigentlich vorhabe. „Die Siedlungsstruktur ist schon nicht mehr erkennbar“, meinte sie. Ebenso drastisch äußerten sich Stefan Schmidt und Armin Okle (beide Freie Wähler) und plädierten für einen Bebauungsplan. „Die Häuser werden zum Teil verunstaltet mit der Begründung Platzbedarf“, meinte Schmidt. Und Okle sagte: „Es ist einfach katastrophal.“

Sandra Graßl-Caluk, SPD-Gemeinderätin: „Die Siedlungsstruktur ist schon nicht mehr erkennbar.“
Sandra Graßl-Caluk, SPD-Gemeinderätin: „Die Siedlungsstruktur ist schon nicht mehr erkennbar.“ | Bild: SK

Bettina Grathwohl erklärte: „Ich finde Bebauungspläne gut, weil sie Hilfestellung bieten.“ Zum einen für Bauherren, die wüssten, was sie machen dürfen, zum anderen für die Kommune, die sagen könne, wie ein Quartier aussehen solle. Auch Bürgermeister Wolfgang Zoll meinte, ein neuer Bebauungsplan täte der Waldsiedlung gut. Aber das werde viel Zeit benötigen. Bettina Grathwohl und Mirjam Seif vom Ortsbauamt erklärten, dass die Stadt- und Grünplaner, mit denen die Gemeinde seit Jahren zusammenarbeite, am Anschlag seien. Vor Mitte 2022 würden diese keine neuen Projekte annehmen. Und andere Büros zu suchen sei auch keine Lösung, sagte Grathwohl, denn: „irgendwo ist das Ortsbauamt auch an seiner Kapazitätsgrenze“. Denn auf der Insel seien etliche Bebauungspläne in unterschiedlichen Verfahrensstadien parallel in Arbeit.

Bettina Grathwohl, Leiterin des Ortsbauamts: „Ich finde Bebauungspläne gut, weil sie Hilfestellung bieten.“
Bettina Grathwohl, Leiterin des Ortsbauamts: „Ich finde Bebauungspläne gut, weil sie Hilfestellung bieten.“ | Bild: Zoch, Thomas

Anlass für die Diskussion war eine Bauvoranfrage für ein Haus in der Straße Am Herrlebühl. Der Bauherr wolle einen Anbau an das bestehende Wohnhaus zur Schaffung eines Arbeitszimmers für Homeoffice, erklärte Grathwohl. Für diesen Straßenzug gibt es den Bebauungsplan Herrlebühl aus dem Jahr 1982. Und demnach würde das Bauvorhaben die zulässige Grundflächenzahl, wie stark das Grundstück bebaut werden darf, massiv überschreiten. Hier müsse man nach der aktuellen Baunutzungsverordnung anders als früher eben auch Nebengebäude wie Garagen und versiegelte Flächen anrechnen, so Grathwohl und Seif. Dies wäre noch über eine Befreiung von der Festsetzung im alten Bebauungsplan denkbar, erklärten sie, rieten aber davon ab. Zudem überschreite das Bauvorhaben das Baufenster um 1,50 Meter, erklärte Grathwohl. Und um dies zuzulassen, müsste der Bebauungsplan geändert werden. Zusätzlich zu dieser rechtlichen Problematik könne der Gestaltungsbeirat das Vorhaben nicht gutheißen. Er habe dem Bauherrn empfohlen, den Anbau an anderer Stelle umzusetzen, so Grathwohl. Immerhin habe der Bauherr die Pläne daraufhin reduziert und halte nun die zulässige Gebäudelänge ein.

Ralf Blum (CDU): „Die Bauherrschaft war kompromissbereit.“

Blum wäre froh, wenn es keine Änderung des Bebauungsplans bräuchte – aus zeitlichen Gründen. Bürgermeister Wolfgang Zoll sagte zum Thema Befreiungen von den Festsetzungen: „Wir würden den Bebauungsplan endgültig seiner Wirkung beheben.“ Andere Bauherren hätten dann auch Anspruch darauf. Matthias Graf (CDU) sagte, er sei zwar grundsätzlich für einen neuen Bebauungsplan. Aber er fragte auch, ob damit dann dieses Bauvorhaben möglich wäre. Gabriel Henkes (Freie Liste Natur) bezweifelte das. Seif erklärte, das könne die Verwaltung nicht vorhersagen. Eine knappe Mehrheit des Rats lehnte schließlich die Befreiung von den Festsetzungen ab.

Es sind also weitere kontroversen Debatten absehbar, wenn es um die Fragen geht, was in einem neuen Bebauungsplan zulässig sein soll. Grundsätzlich werde es dann wohl nur um Erweiterungsbauten gehen, so Grathwohl auf Nachfrage. „Die sollten maßvoll sein, das kann ausufern.“ Natürlich gebe es Bedarf an Wohnraum und zeitgemäßem Wohnen. Aber die Gemeinde müsse bei Bauwünschen auch die Belange des Umfelds berücksichtigen. Baulücken für neue Häuser könne sie dagegen auf dem Luftbild nicht erkennen. Zudem halte sie es für keine gute Lösung, nur einen Bebauungsplan über die ganze Waldsiedlung zu legen, meinte Grathwohl: „Das ist utopisch. Das würde viel zu lange dauern.“ Das hieße, man müsse wie auf der Insel abschnittsweise mehrere neue Bebauungspläne aufstellen beziehungsweise alte überarbeiten.

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